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Schwellenländer-Barometer
13.02.2017

Auch im Februar zeichnet sich beim Stresslevel vieler Emerging Markets keine Entspannung ab. Besonders in Indien haben sich die gesamtwirtschaftlichen Risiken verstärkt. Aber es gibt auch Anzeichen für Optimismus.

Das Schwellenländer-Barometer der HSH Nordbank gibt auch im Februar erhöhte Stresslevel für viele Emerging Markets wieder Insgesamt notiert der Index bei 42,0 Punkten (Stand 07.02.2017) und gab zur vorherigen Erhebung leicht um 1,1 Punkte nach. Nachdem die Risiken für diese Ländergruppe bei unserer letzten Betrachtung vor allem in einer Erstarkung des US-Dollars begründet waren, führt die aufkommende Skepsis bezüglich der Wirtschaftspolitik der neuen US-Regierung und das damit verbundene Ende der Dollar-Euphorie zu einer Stabilisierung unseres Schwellenländer-Barometers. Zudem erfreuten sich die Aktienmärkte einzelner Schwellenländer wieder stärkeren Kurszuwächsen und auch die Finanzierungsbedingungen, gemessen an den Anleihenspreads zu US-Treasuries, konnten sich für einige Länder verbessern.

Das Schwellenländerbarometer beinhaltet die Schwellenländer Brasilien, China, Indien, Indonesien, Russland und Türkei und beobachtet finanzwirtschaftliche Kennzahlen wie CDS Spreads, Aktienindizes, US-Dollar-Wechselkurse sowie Preise wichtiger Rohstoffe. Alle Kennzahlen werden auf eine Skala von 0 (relativ geringste Krisengefahr) bis 100 (relativ höchste Krisengefahr) indexiert und dann aggregiert, sodass die Länderindizes entstehen. Fasst man diese wiederum zusammen, ergibt sich der „Schwellenländer-Barometer“ Gesamtindex. Als Startzeitpunkt wird das Jahr 1998 gewählt, als die Asienkrise ihren Höhepunkt erreichte.

Abbildung 1: "Schwellenländer-Barometer" Gesamtindex (Dec 2012 bis heute)

Abbildung 1: "Schwellenländer-Barometer" Gesamtindex (Dec 2012 bis heute)

Mit den Ankündigungen einer protektionistischen Handelspolitik und eines weitreichenden Investitionsprogramms ist der weltpolitische Fokus derzeit ganz auf die USA gelegt. Allerdings bewerten Investoren die Erfolgsaussichten der Vorhaben der Trump-Administration kritisch, da hierdurch auch eine Überhitzung der Wirtschaft entstehen könnte. Deshalb finden Investitionen in Emerging-Markets wieder größere Beachtung und unterstützen diese in ihrem Stabilisierungskurs.

Die gesamtwirtschaftlichen Risiken für Brasilien haben sich im Rahmen unseres Schwellenländer-Barometers verringert. Die größte Volkswirtschaft Südamerikas profitiert von einer Stabilisierung seiner Währung gegenüber dem US-Dollar, signifikant geringeren Anleihenspreads und anziehenden Preisen für seine Rohstoffexporte. Unser Länderbarometer notiert aktuell bei 33,6 und somit fast 4 Indexpunkte niedriger gegenüber Anfang Januar. Dabei muss beachtet werden, dass die politische Lage in Brasilien weiterhin als fragil eingestuft werden muss und das länderspezifische Risiko jederzeit erhöhen können.

Überraschenderweise weist auch die Türkei einen signifikanten Rückgang in ihrem Länderindex auf. Dieser verringerte sich von 44,9 Indexpunkten auf 38,6. Während der Wertverfall der türkischen Lira an den Devisenmärkten derzeit Schlagzeilen macht, erfreut sich der Istanbuler Aktienmarkt großer Beliebtheit. Mehr als 10,0 % konnte die Borsa Istanbul 100 seit Jahresbeginn zulegen und wird so zum maßgeblichen Treiber dieser Erholungsbewegung. Auch ihre stabilen CDS-Spreads helfen der Türkei. Dabei müssen Investoren der politischen Situation in der Türkei weiterhin gesonderte Beachtung schenken.

Entgegen dem Trend im Gesamtindex haben sich für Indien die gesamtwirtschaftlichen Risiken verstärkt. Der Länderindex im Schwellenländer-Barometer erhöht sich um 4,2 Punkte auf 56,1. Ursächlich hierfür waren die Entwicklungen an den Anleihenmärkten. Die Treasury-Spreads zwischen Indien und den USA haben sich seit Jahresbeginn um 30 Basispunkte ausgeweitet. Internationale Investoren scheinen den Kurs der Regierung Modi, die zuletzt mit einer Bargeldreform für Aufsehen sorgte, zunehmend skeptisch zu sehen und preisen deshalb einen höheren Risikoaufschlag ein. Auch der anziehende indische Aktienmarkt und die erfreuliche Entwicklung der Rupie konnten diese Effekte nicht ausgleichen. Für Indonesien weist unser Krisenbarometer ebenfalls höhere Ausschläge auf, obwohl sich die indonesischen Aktienmärkte im letzten Monat freundlich gezeigt haben. Aufgrund eines starken Preisverfalls für das wichtigste indonesische Exportgut Kohle notiert unser Länderbarometer bei 36,5 Indexpunkten, 4,8 Punkte höher als im Vormonat. Der Verfall der Preise für Erdgas birgt derzeit für die stark rohstoffabhängige Wirtschaft Russlands große Risiken und spiegelt sich auch in unserem Länderindex. Notierte dieser zuletzt noch bei 29,5, hat sich die Krisenanfälligkeit Russlands seitdem um 2,0 Punkte verstärkt.

Die jüngsten Entwicklungen in China geben Anlass zu Optimismus. Der Länderindex verbesserte sich um 8,4 Punkte auf 55,4. Der Abverkauf an den chinesischen Börsen hat sich im vergangenen Monat nicht weiter verstärkt und auch die Abwertung des Yuan ist vorerst zum Halten gekommen. Insgesamt raten wir Investoren doch weiterhin zur Vorsicht. Die hohe gesamtwirtschaftliche Verschuldungsquote von rund 250 % des BIPs, der anhaltend überhitzte Immobiliensektor sowie die enormen ökologischen Risiken in China verdeutlichen die Herausforderungen, welchen sich das bevölkerungsreichste Land der Welt in den nächsten Jahren stellen muss.

Abbildung 2: "Schwellenländer-Krisenbarometer" Gesamtindex (Aug 1998 bis heute)

Abbildung 2: "Schwellenländer-Krisenbarometer" Gesamtindex (Aug 1998 bis heute)

Die Methodik

Für die Erstellung des "Schwellenländer-Barometer" werden finanzwirtschaftliche Daten der Länder Brasilien, China, Indien, Indonesien, Russland und Türkei untersucht. Der erste Datenzeitpunkt ist der 1.04.1998.

Bei den Daten handelt es sich um:

  • CDS Spreads (Preisdifferenz der Versicherungen gegen Kreditausfälle), Brasilien/Indien: Renditedifferenz der 10-jährigen Staatsanleihen gegenüber US-Anleihen
  • Haupt-Aktienindizes

    • Brasilien: Bovespa
    • China: Shanghai Composite
    • Indien: Sensex
    • Indonesien: Jakarta Composite
    • Russland: MICEX
    • Türkei: Borsa Istanbul 100

  • Wechselkurse der Länderwährungen zum US-Dollar
  • Wichtigste Rohstoffe

    • Brasilien: Eisenerz, Soja, Rohrzucker
    • China: Rohöl (Import)
    • Indien: Mais, Reis, Tee, Rohöl (Import)
    • Indonesien: Kohle, Erdgas, Palmöl, Rohöl
    • Russland: Rohöl, Erdgas
    • Türkei: Rohöl (Import)

Bei allen Daten (bis auf die Spreads) wird außerdem das Mittel aus der durchschnittlichen Veränderung der Woche gegenüber der Vorwoche und dem Monat gegenüber demselben Monat im Vorjahr gebildet. Hiermit soll verhindert werden, dass längerfristige Niveauverschiebungen dauerhaft auf das Barometer durchschlagen. So ist beispielsweise bei Hochinflationsländern der Wechselkurs von heute nicht mit dem vor 15 Jahren vergleichbar. Auch bei Rohstoffen kommt es immer wieder zu dauerhaften Niveauverschiebungen.

Schließlich wird eine Indexierung vorgenommen, sodass für jede Kennzahl der Wert des minimalen Krisenrisikos den Wert 0 zugewiesen bekommt und der des maximalen Krisenrisikos 100. Falls es sich bei den berücksichtigten Rohstoffen um Exportrohstoffe handelt, wird außerdem ein Gesamt-Rohstoffindex gebildet. Die Gewichtung der einzelnen Rohstoffe stimmt dabei mit dem Exportanteil überein.

Bildet man für jedes Land das Mittel der dazugehörigen Kennzahlen, so erhält man den Länderindex.

Bei (gleichgewichteter) Aggregation dieser ergibt sich schließlich der "Schwellenländer-Krisenbarometer" Gesamtindex.

Die Einzelindizes werden um Extremausschläge bereinigt, um eine Verzerrung für den Gesamtindex zu vermeiden. Die Bereinigung erfolgt, in dem man bestimmte Werte deckelt.

Interpretation

Durch die Normierung der Risikofaktoren auf eine Zahl zwischen 0 (minimales Risiko) und 100 (maximales Risiko) ergibt sich eine relative Risikomessung, die sich an der Historie orientiert. Das ist wichtig für die Interpretation der Ergebnisse: Wenn beispielsweise in einem Land der CDS-Spread zwischen 20 und 80 Basispunkte schwankte, dann bedeutet ein CDS-Spread von 80 Basispunkten ein maximales Risiko von 100. Bei einem anderen Land, dessen CDS-Spread zwischen 100 und 500 schwankte, ist der Indexwert 100 bei 500 Basispunkten erreicht. Wenn also der Gesamtindex einen hohen Wert erreicht, dann heißt das, dass die beteiligten Länder jeweils einen historisch gesehen relativ hohen Risikograd erreicht haben. Man kann nicht ableiten, ob ein Land risikoreicher als das andere Land ist.

Zuletzt ist anzumerken, dass nur finanzwirtschaftliche Daten zur Messung des Krisenrisikos verwendet werden. Dass hat den Vorteil, dass jederzeit aktuelle Daten abgerufen werden können (sozusagen in "Echtzeit"), was die Verzögerung des Indizes auf plötzliche Ereignisse minimiert. Gleichzeitig werden aber fundamentale Daten wie z.B. Leistungsbilanzsalden oder Währungsreserven ignoriert. Es lassen sich somit keine direkten Aussagen über fundamentale Bewertungen treffen. Dies ist bei der Interpretation des "Schwellenländer-Barometers" zu berücksichtigen.