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01.02.2017

Der Strommarkt startet in eine neue Phase der Energiewende. Gesetzliche Vorschriften werden das Verhältnis zwischen Versorgern, Dienstleistern, Zulieferern und Kunden grundlegend verändern. Digitalisierung und Vernetzung generieren bisher unbekannte Geschäftsmodelle.

Es ist viel in Bewegung auf dem deutschen Elektrizitätsmarkt. Dazu trägt das Gesetz zur Digitalisierung der Energiewende bei, wovon sowohl Energieerzeuger als auch Versorger im deutschen Liefergeschäft betroffen sind. Ein wesentlicher Bestandteil ist der seit Januar verpflichtende Einsatz von Smart Metern für Großkunden mit einem Verbrauch von über 10.000 Kilowattstunden. Mögen die Investitionen für die intelligenten Zähler hoch sein; mit dem Gesetz ist ein Beitrag zur Individualisierung und Eigenverantwortung des Stromverbrauchs mit digitalisierten, lokal veränderlichen Zählerpunkten entstanden. Der Einsatz der Messgeräte wird in der Folge die Möglichkeit schaffen, dass Verbraucher kostenseitig stärker profitieren, wenn sie Strom dann verbrauchen, sobald dieser in höheren Mengen zur Verfügung steht und damit günstig beschafft werden kann, zum Beispiel nachts. Die Automatisierung wiederum lockt Investoren an. Seit Kurzem drängen überraschend viele neue Anbieter auf einen Strommarkt für Haushaltskunden, der eigentlich noch immer durch niedrige Gewinnmargen geprägt ist.

Die Energiewende stellt gewohnte Geschäftsmodelle auf die Probe - und bietet zugleich Raum für neue. Denn der Übergang von fossiler zu erneuerbarer Energie verändert die Struktur des Systems grundlegend. An die Stelle einer überschaubaren Menge zentraler Großkraftwerke treten unzählige Solarsysteme und Windräder, dazu Batteriespeicher und andere Erzeugungsanlagen.

Ein weiteres Feld zur sukzessiven Ausgestaltung der Energiewende bildet der Ausbau und Umbau des Stromnetzes in Deutschland: Dabei werden onshore wie offshore bis 2030 gemäß aktuellem Netzentwicklungsplan (NEP) zur umfassenden Netzstabilität enorme Investitionen getätigt, deren Kosten dazu beitragen, dass die Energiewende eines der größten Nachkriegsprojekte des Bundes nach der deutschen Einheit wird.

Der Netzumbau führt zu mehr Netzstabilität und Versorgungssicherheit und gewährleistet auch Standortsicherheit, stabiles Wachstum und schafft neue Arbeitsplätze. Folge sind aber auch wegen des Trassenausbaus starke regionale Preisunterschiede bei der Entgelthöhe: In den Tarifgebieten, in denen viel gebaut wird wie im Netzgebiet des ÜNB Tennet, wird es Erhöhungen bis zu 80 Prozent gegenüber den Preisen des Vorjahreszeitraums geben.

E-Mobilität und Flexibilisierung des Energiemarktes

Auch neue Verkehrskonzepte wie die Umstellung auf Elektromobilität verlangen eine neue Definition zur Gestaltung der Strompreise. Während der Jahrestagung der Energiewirtschaft in Berlin sprach sich Patrick Graichen, Direktor der Agora Energiewende, bereits für eine staatliche Regulierung der Strompreise aus. Sofern das umweltpolitische Ziel einer Steigerung von Elektromobiliät erreicht werden soll, muss laut Graichen der anstehende Netzausbau noch schneller und umfassender realisiert werden. "Wenn wir wollen, dass jeder jederzeit sein E-Auto laden kann, dann kommen wir in eine völlig andere Welt, was die Netzkosten angeht", sagte Agora-Chef Graichen.

Neben neuen Anreizen für den schnelleren Einstieg in die Elektromobilität steigt generell der Bedarf an Flexibilität im Strommarkt – beispielsweise beim Einsatz von Energiespeichern, Lastmanagement und bei der Steuerung dezentraler Erzeuger. Eine Studie der Energieagentur dena zeigt, dass es bis 2025 attraktiver wird, mehr Optionen mit Flexibilität auf dem Strommarkt anzubieten: Dazu zählen zunächst der Day-Ahead-Markt und der Intraday Markt, aber auch der Einfluss des Regelenergiemarktes.

Bislang reagierte der Energiemarkt recht zurückhaltend auf Änderungen der Marktbedingungen. Für 2017 und 2018 lassen sich aber deutlich markantere Änderungen im Energiemarkt prognostizieren. Zudem werden laut aktuellen Studien der feri (Feri Cognitive Finance Institute) und des WWF (World Wide Fund for Nature) Anleger zum Umsteuern von fossilen Energie in die Erneuerbaren und in die Digitalisierung der Branche gezwungen, da "Anlagen von Unternehmen mit hoher CO2-Emissionsrate gefährlich" seien.

Unterschiedliche Hebel bündeln Impulse für den Energiemarkt

Parallel zu Energiepolitik und Netzumbau schaffen neue Entwicklungen und Applikationen aus der IT-Industrie weitere Impulse für einen erfolgreichen Energiemarkt 2.0. Die Strombörse EEX in Leipzig hat die vergangenen Jahre für den Online-Handel mit Gas und Strom Standards in der digitalen Energiewirtschaft gesetzt. Energieversorger, Immobilienunternehmen, Automobilhersteller und Produzenten für Elektrotechnik rüsten zur transparenten Darstellung des Verbrauchs und energieeffizienterer Übertragung von Datenübermittlung mit Smart Metern und Apps nach.

Mit dieser Energiedigitalität entsteht nicht nur ein neuer Markt - auch die IT-Entwickler verlassen allmählich den Status des Dienstleisters und positionieren sich zunehmend zu Schlüsselfiguren der Branche. Das bedeutet, dass der klassische Energieversorger in die Defensive gerät, wenn er nicht die digitale Entwicklung in sein Portfolio implementiert, sondern weiter im Provisions- und Margengeschäft verharrt. Das herkömmliche Versorgungsmodell kann bereits jetzt von IT-Unternehmen genauso technisch betrieben werden wie von Immobilienverwaltungen, Energieerzeugern oder Anbietern von Elektromobilität.

Wenn derartige Lösungen nicht zur Unternehmenskultur passen, werden Versorger erfinderisch. Sie gründen wie RWE mit "Innogy" Tochtergesellschaften, die von der digitalen Wertschöpfungskette profitieren sollen. Die Beteiligungen bieten neuen Akteuren, die sich im Energiegeschäft positionieren wollen, die Erfahrung und das Kundenmanagement an. Die etablierten Player wiederum profitieren vom Innovationsschub der neuen Konkurrenten und können konkurrenzfähige Applikationen schneller in ihr Portfolio integrieren.

Frank Müller, E-Mobility Unternehmer und ehemaliger Geschäftsführer des Bundesverbandes Elektromobilität, erwartet eine deutliche Diversifizierung und Belebung des Energiemarktes: "Auch wenn wir gesamtpolitisch in eine derzeit unklare Zukunft blicken, kann konstatiert werden, dass der Weg zum Megatrend eines regenerativen wie digitalisierten, heterogenen Energiemarkt unumkehrbar ist." Die bisherige Einbahnstraße mit den Stationen Erzeugung, Vertrieb und Verbrauch ist endgültig in eine mehrspurige Straße mit doppelter Fahrtrichtung ausgewachsen.

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