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Total vernetzt in der City: Autonome Autos verändern das Stadtbild (©Continental)
Autonomes Fahren
28.02.2017

Autonomes Fahren hat das Potenzial, die Wohnvorlieben der Menschen gravierend zu beeinflussen. Vieles spricht dafür, dass durch selbstfahrende Autos ländliche Regionen als Domizil für alle Bevölkerungsgruppen wieder attraktiver werden und die Immobilienpreise dort entsprechend steigen. Gleichzeitig wird der Lebensraum Stadt zunehmend an Qualität gewinnen. Zumindest in Ballungszentren ist also auch auf lange Sicht nicht mit einem sinkenden Wert von Wohnimmobilien zu rechnen.

Weil die Zeit im Auto künftig sinnvoller genutzt werden kann, werden selbstfahrende Autos auch die Immobilienwirtschaft verändern.

Wenn Markus Reuter morgens in seinen Dienstwagen steigt, liegen anderthalb Stunden Fahrt ins Büro vor ihm. Von seiner Pendeltour bekommt der Vertriebsleiter allerdings kaum etwas mit. Denn seine Aufmerksamkeit gilt in dieser Zeit nicht der Straße, sondern seinem Laptop. An ihm beantwortet Reuter bequem die ersten E-Mails und erstellt den Tagesplan für sein Vertriebsteam. Wohlgemerkt: Markus Reuter hat keinen Chauffeur. Zumindest keinen aus Fleisch und Blut. Platinen, Chips und Sensoren machen aus seinem Dienstwagen aber ein zuverlässig selbstfahrendes Auto.

Das Auto wird zum rollenden Konferenzzimmer: Das Konzeptauto F 015, das Mercedes-Benz vor zwei Jahren vorstellte, mit großen Bildschirmen an den hinteren Türen und bequemen Nappa-Ledersesseln im Fond als privater Rückzugsort. (©GettyImages)

Das Auto wird zum rollenden Konferenzzimmer: Das Konzeptauto F 015, das Mercedes-Benz vor zwei Jahren vorstellte, mit großen Bildschirmen an den hinteren Türen und bequemen Nappa-Ledersesseln im Fond als privater Rückzugsort. (©GettyImages)

Ganz so weit entwickelt wie in dieser Zukunftsvision ist autonomes Fahren zwar noch nicht. Dennoch erhält schon heute kein anderes Verkehrsthema so viel Aufmerksamkeit. Es verwundert wenig, ist doch die Aussicht auf grenzenlose Mobilität ohne eigenes Zutun mehr als verlockend: Nie mehr selbst hinter dem Lenkrad angestrengt durch den Dschungel der Großstadt manövrieren, hunderte Kilometer eintöniger Autobahn absolvieren oder Stop-and-go-Fahren. Stattdessen auf jeder Fahrt viel Zeit für Unterhaltung, Erholung oder eben für die Arbeit. Die Unternehmensberater von McKinsey gehen davon aus, dass selbstfahrende Autos Menschen wie Markus Reuter täglich durchschnittlich 50 Minuten zusätzliche freie Zeit bescheren könnten. Pendler würden so tagtäglich weltweit rund eine Milliarde Stunden einsparen. Hinzu kommt der volkswirtschaftliche Faktor: Jede zusätzliche Minute im Auto, in der die Menschen ungestört mobil im Internet surfen, bietet laut McKinsey weltweit ein Umsatzpotenzial von fünf Milliarden Euro pro Jahr. Bis all das Wirklichkeit wird, vergeht allerdings noch etwas Zeit: Die Unternehmensberater schätzen, dass die beschriebenen Effekte erst ab dem Jahr 2030 deutlich spürbar werden. Vielleicht feiert Markus Reuter also jetzt gerade seinen 16. Geburtstag. Seine Karriere als Vertriebsprofi hat er noch nicht begonnen.

Täglich zurück zur Natur – flexibel selbst ohne Führerschein

Was haben wir davon, wenn autonomes Fahren in ein paar Jahren im Alltag ankommt? Schenkt uns der digitale Chauffeur dann also nur etwas Extrazeit? Keineswegs. Vielmehr wird autonomes Fahren unseren gesamten Lebensstil zukünftig stark beeinflussen – auch unsere Wohngewohnheiten. Davon sind Experten wie Alexander Mankowsky überzeugt. Mankowsky ist Zukunftsforscher bei Daimler, und er sagt: „Je komfortabler wir auch längere Strecken etwa zum Arbeitsplatz zurücklegen können, desto mehr wächst auch unsere Bereitschaft, außerhalb der Stadtzentren zu leben.“

„Das selbständig rollende Fahrzeug wird wahlweise zum Arbeitszimmer oder zur Erholungszone.“

Alexander Mankowsky, Zukunftsforscher bei Daimler

Heute ist die tägliche Strecke zwischen Wohnort und Arbeitsstelle oft alles andere als angenehm: Überfüllte Busse, verspätete Züge und Staus sind der Inbegriff des ungeliebten Pendlerdaseins – und kosten nicht nur wertvolle Lebenszeit, sondern auch Nerven. Verständlich also, dass Wohnen und Arbeiten in der Stadt gegenüber dem Landleben so attraktiv erscheinen. Kann sich dieses Kräfteverhältnis durch autonomes Fahren wieder ändern? Ist autonomes Fahren der Gipfel des Komforts? Für Mankowsky besteht daran kein Zweifel: „Der alltägliche frustrierende Pendelverkehr verliert seinen Schrecken. Mehr als das: Das selbständig rollende Fahrzeug wird wahlweise zum Arbeitszimmer oder zur Erholungszone – und dadurch für viele irgendwann unverzichtbar", sagt der studierte Soziologe, Philosoph und Knowledge Engineer. Für Daimler hat Mankowsky zu Forschungszwecken bereits maßgeblich an der Konzeption eines solchen Fahrzeugs mitgewirkt. Das Modell mit dem Namen F015 bietet im Innenraum viel Platz und eine komfortable Lounge-Atmosphäre. Das macht es zur Blaupause für einen mobilen Lebensraum, der mehr als nur ein Transportmittel ist.

Vom Trend zur selbsttätigen Beförderung profitieren nicht nur Erwerbstätige, sondern ebenso ältere Menschen im Ruhestand oder solche ganz ohne Führerschein. Auch für sie wird der Landsitz wieder attraktiver. Ist das autonome Gefährt doch der perfekte Ersatz für den öffentlichen Personennahverkehr. Genau der wird in vielen ländlichen Regionen immer stärker eingeschränkt.

Immobilienpreise auf dem Land werden steigen – die Stadt zieht nach

Ob erwerbstätig oder nicht: Erreichbarkeit und Verkehrsanbindung haben seit jeher einen großen Einfluss auf den Wert von Wohnimmobilien. So hat das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) in einer Studie aus dem Jahr 2015 beispielsweise festgestellt, dass die Preise und Mieten für Wohnungen in einem klaren Zusammenhang zur Angebotsqualität des öffentlichen Personennahverkehrs stehen. Ein Ergebnis, das gut auf autonomes Fahren übertragbar ist. Schließlich handelt es sich dabei um nichts anderes als Bus und Bahn zur exklusiven Nutzung. Das sieht auch Alexander Mankowsky so: „Im Grunde vereint autonomes Fahren das Beste aus ÖPNV und eigenem Auto. Sie müssen sich genau wie im Bus nicht selbst ums Fahren kümmern, sind aber gleichzeitig völlig ungestört und voll flexibel“, sagt er.

Selbstfahrende Autos schaffen neue Freiräume, gerade in großen Metropolen wie Shanghai. (©GettyImages)

Selbstfahrende Autos schaffen neue Freiräume, gerade in großen Metropolen wie Shanghai. (©GettyImages)

Das Haus im Grünen wird durch selbstfahrende Autos also höchstwahrscheinlich wieder attraktiver. Die Immobilienpreise abseits der Metropolen werden dementsprechend steigen. Die innerstädtische Nachfrage hingegen könnte zeitweise stagnieren – und mit ihr auch die Preise für Stadtwohnungen. Ein anhaltender Rückgang oder sogar vollständiger Verfall der städtischen Immobilienpreise ist jedoch nicht zu erwarten. Denn einen weiteren Effekt darf man laut Alexander Mankowsky nicht vergessen: „Autonomes Fahren sorgt nicht nur für attraktive Speckgürtel rund um die Ballungszentren, sondern tendenziell auch für weniger Autos im Stadtbild.“ Und nimmt der Autoverkehr ab, macht das die Städte lebenswerter. André Kazmierski von der Wertgrund Immobilien AG ist überzeugt: „Wenn weniger Autos und damit weniger Straßen und Parkplätze benötigt werden, könnten mehr Wohnbau- und Freizeitflächen geschaffen werden. Durch vermehrte Grünflächen ändert sich das Stadtbild. Die Stadt wirkt freundlicher und gesünder.“

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