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Fokusthema: Ölmärkte
10.02.2017

„Die mögliche Unternehmenssteuerreform in den USA schafft extreme Anreize in der Schieferölindustrie, was mittelfristig zu fallenden Ölpreisen führt“, analysiert Öl-Experte Jan Edelmann.

Seit drei Wochen ist der neue Präsident der USA Donald Trump im Amt. Doch bereits im Vorfeld seiner Amtszeit haben die Parlamentarier seiner Partei ein Steuerprogramm erarbeitet, das es in sich hat. Finden die Vorschläge die Zustimmung des neuen Präsidenten, wären die Auswirkungen auf die US-amerikanischen Gütermärkte, den internationalen Handel und die Inflation verheerend. Für die globale Ölindustrie – sollte diese nicht von dem Vorhaben ausgeschlossen werden – hätte die Steuerreform signifikante Folgen. Die Steuerreform dürfte wahrscheinlich nicht im Einklang mit den Bestimmungen der Welthandelsorganisation stehen, schenkt man allerdings seiner Ankündigung aus einem im Juli 2016 gegebenen Interview Trumps mit dem Fernsehsender NBC Glauben, dürfte dem Präsidenten dies nicht allzu sehr stören. Darin verkündete er, dass er als Staatschef Straf-Einfuhrsteuern von 30 Prozent für Firmen zu erheben gedenke. Darauf hingewiesen, dass dies gegen die WTO-Bestimmungen verstoße, sagte der Milliardär: "Macht nichts. Wir werden neu verhandeln oder austreten. Diese ganzen Handelsabkommen sind ein Desaster", sagte Trump weiter.

Die Welthandelsorganisation ist ein Desaster.

Donald Trump

Schon während des Wahlkampfes hat Donald Trump mehrfach erklärt, eine Kehrtwende in der amerikanischen Industriepolitik einschlagen zu wollen. So soll u.a. mit Hilfe einer Steuerreform die Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Unternehmen gestärkt und vor unliebsamen Konkurrenten aus dem Ausland geschützt werden. Wichtigster Punkt der Unternehmenssteuerreform, ausgearbeitet unter Federführung von Paul Ryan, dem Sprecher des Repräsentantenhaus, ist die Absenkung des Steuersatzes für Unternehmen von derzeit 39 auf 20 %. Zudem sollen die Exporte vollständig von der Steuer ausgenommen werden und Kosten, welche durch den Import entstehen, nicht mehr steuerlich absetzbar sein. Dieses Vorhaben mit dem Begriff „Border Adjustment Tax“ würde ähnlich wie die Einführung eines Importzolles wirken.

Die Auswirkungen auf die Ölmärkte wären enorm

Die Konsequenzen für den Ölmarkt sind signifikant und wahrscheinlich beabsichtigt. Schon während des Wahlkampfes hat Donald Trump mehrfach erklärt, eine Kehrtwende in der amerikanischen Industriepolitik vollziehen zu wollen. Trump legt seinen Fokus auf billige Energie als Jobmotor. Um die gegenwärtig bereits sehr niedrigen Energiepreise noch weiter abzusenken, hat er angekündigt, Regulierungen im Energiebereich zu lockern, temporär zu verbieten bzw. auf ihre Notwendigkeit überprüfen zu lassen. Mit dem neu gewonnenen Spielraum könnte die US-Ölindustrie kostengünstiger fördern und ihre Wettbewerbsposition gegenüber den OPEC-Staaten und Russland deutlich verbessern.

Mit der Reform der Besteuerung von Unternehmen werden den Konsumenten und dem weiterverarbeitenden Gewerbe Anreize geschaffen auf heimische Güter zurückzugreifen. Im Kontext des Ölmarktes würde dies bedeuten, dass US-Raffinerien jeglicher Anreiz genommen wird, Rohöl zu importieren. Die inländischen Raffinerien werden verstärkt inländisches Rohöl nachfragen, da nur der Bezug aus dem Inland steuerlich absetzbar ist. Da die USA allerdings trotz der massiven Ausweitung von Schieferöl in den vergangenen Jahren Nettoimporteur von Rohöl, d.h. die Nachfrage nach Rohöl im Inland ist höher als die heimische Produktion, ist, kommt es zu einem Angebotsengpass. Diesen Engpass beziffern wir auf 7 Mio. Barrel/Tag. Die Konsequenz wären unmittelbar – also bei Konkretisierung der Reform – stark ansteigende Rohölpreise bis zu einem Niveau, bei dem Raffinerien indifferent sind zwischen dem Konsum heimischen und ausländischen Rohöls.

Bei einem Unternehmenssteuersatz von 20% und der Diskriminierung von Importen sollte der Preisaufschlag bis zu 25 % gegenüber Weltmarktpreisen betragen (für Details siehe Berechnungen im Anhang). Angenommen der Weltmarktpreis für die US-Ölsorte WTI liegt bei 50 US-Dollar/Barrel, dann würde WTI nach der Steuerreform in den USA – bei unveränderter Fördermenge – 62,5 US-Dollar/Barrel kosten. Dieser unerwartete Zugewinn bei den US-Förderern würde eine Überrendite erzeugen, die Anreize schafft, die Ölförderung massiv auszuweiten. Bei einem durchschnittlichen WTI Ölpreis von 65 US-Dollar/Barrel im Jahr dürfte es unserem Berechnungen zufolge zu einer Angebotsausweitung an US-Rohöl um 1,4 Mio. Barrel/Tag kommen.

Steuerreform würde Abkommen der OPEC bedrohen

Damit ist es aber nicht getan. Die in der Folge der Steuerreform massive Ausweitung an US-Schieferöl würde nicht nur das aktuelle Vorhaben der OPEC, mittels Förderkürzungen Angebot und Nachfrage anzugleichen, zur Makulatur machen, sondern eine Umkehrung des Kürzungen erzwingen. Um keine Marktanteile einzubüßen, sind die OPEC-Staaten mehr oder weniger gezwungen, die Ölförderung wieder auszuweiten, um ihren Marktanteil zu verteidigen und die Staatseinnahmen zumindest konstant zu halten.

Das ist kritisch für einen Markt, der nur langsam und mit Hilfe koordinierter Kürzungsmaßnahmen wieder zurück in die Balance findet. Eine Steuerreform, die die Abkehr der OPEC von ihren Kürzungsvorhaben zwingt, würde die globalen Ölmärkte erneut massiv überversorgen. Mit einem Ausgleich von Angebot und Nachfrage wäre nicht mehr zu rechnen, selbst wenn die Steuerreform erst Mitte 2018 in Kraft treten sollte. Eine solche Perspektive sollte daher zu einem sofortigen Rückgang der weltweiten Ölpreise führen, um einem Anstieg in der US-Produktion zumindest teilweise entgegenzuwirken, und somit die Überschussrenditen bei den US-Ölförderern auf einem Normalniveau zu halten.

Da die Reaktionsfähigkeit der US-Schieferölindustrie, die Fördermenge als Folge steigender Preise auszuweiten, größer ist als die Fähigkeit, konventioneller Förderer auf fallende Preise mit Produktionskürzungen zu reagieren, dürfte das Überangebot an den globalen Ölmärkten länger fortbestehen als zunächst angenommen. In Kombination mit dem Start neuer Projekte in diesem und nächsten Jahr, dürften die Lagerbestände weiter ansteigen, was die Terminkurve wieder zurück in den Contango (gegenwärtiger Preis < Forward-Preis) bringt. Derzeit ist an den Terminmärkten das Gegenteil eines Contango zu beobachten. Das ist deshalb der Fall, weil die OPEC mit ihren Kürzungsmaßnahmen eine Normalisierung der Rohölvorräte möchte. Eine niedrigere Produktion heute in Kombination mit einer höheren Produktion morgen generiert eine fallende Terminkurve. Gegenwärtig wird den US-Schieferölförderern dadurch die Absicherung der künftigen Förderung erschwert. In der gegenteiligen Marktsituation gewinnen die US-Schieferölförderer aufgrund ihrer Reaktionsfähigkeit wieder die Oberhand an den Märkten gewinnt.

Daher ist es nicht unwahrscheinlich, dass sich aufgrund der Steuerreform und anderen Maßnahmen (z.B. schlankere Genehmigungsverfahren und weniger Umweltauflagen), die die heimische Industrie stärken sollen, die internationalen Ölpreise wieder stark gegenüber dem gegenwärtigen Niveau fallen werden. Des Weiteren hat die Fracking-industrie in den vergangenen Jahren kräftige Effizienzzuwächse erzielt. Daher ist es möglich, dass der Ölpreis wieder dahin gelangt, wo er im Jahr 2009 zurückgefallen war, bei 40 US-Dollar pro Barrel. Die Kehrseite ist, dass der Investitionsstau bei den besonders kapitalintensiven Ölprojekten wie Tiefseebohrungen und Ölsanden anhalten würde, was in vier oder fünf Jahren zu einem Preissprung am Ölmarkt führen würde, zumal auch die Frackingquellen in den USA endlich sind. Ein Ölpreis von 100 US-Dollar wäre dann in vier bis fünf Jahren ohne Weiteres möglich.