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Börsen
09.02.2017

„Ein Grund für die nicht mehr ganz so optimistische Stimmung könnte der Wandel der Wahrnehmung des neu gewählten US-Präsidenten sein.“, meint Patrick Harms, Analyst der HSH-Nordbank.

Die große Euphorie an den Aktienmärkten seit der Wahl des neuen US-Präsidenten ist vorbei. Seit Anfang des Jahres ist kein Aufwärtstrend mehr zu erkennen. Die Berichtssaison war auf beiden Seiten des Atlantiks bisher ein Erfolg, aber die Risiken werden größer.

Der Eindeutige Aufwärtstrend an den Aktienmärkten ist vorerst beendet. In den nächsten Monaten steigen die Risiken deutlich an.

In der Berichtsperiode haben die Aktienmärkte per Saldo wieder leichte Zuwächse verzeichnet. Im Vergleich zum 20. Dezember hat der DAX 1,1 % zugelegt und liegt gegenwärtig bei 11594 Punkten. Der S&P 500 legte 1,2 % zu und notierte zuletzt bei 2297 Punkten. Der Eurostoxx liegt beinahe unverändert bei 3274 Punkten. Allerdings waren die Schwankungen in allen Indizes auch im Berichtszeitraum vergleichsweise hoch. Der DAX etwa schwankte zwischen 11450 und 11870 Punkten. Der eindeutige Aufwärtstrend seit der Präsidentschaftswahl im vergangenen November ist in den letzten Wochen zumindest zum Stillstand gekommen. Ein Grund für die nicht mehr ganz so optimistische Stimmung an den Aktienmärkten könnte ein Wandel der Wahrnehmung des neugewählten Präsidenten sein. Nach seinem Wahlsieg setzte sich schnell das Bild durch, er würde in seiner Präsidentschaft einen Schwerpunkt auf ökonomisch expansive Maßnahmen (Deregulierung einzelner Märkte, Steuersenkungen und Infrastrukturprogramme setzen) und die störenden Faktoren (der Protektionismus aber auch seine gesellschaftlich und außenpolitisch extremen Vorstellungen) wurden entweder ausgeblendet oder als irrelevant für die Aktienmärkte angesehen. Seit der Amtseinführung hat der neue Präsident aber eher einen anderen Fokus: Einige seiner vielen Dekrete – etwa die Einschränkung der Reisefreiheit für Bürger aus sieben muslimisch geprägten Ländern – haben die Finanzmärkte eindeutig verunsichert während seine Steuersenkungspläne und vor allem, dass viel besprochene Infrastrukturprogramm bisher noch nicht mit konkreten Maßnahmen unterfüttert wurden. Positiven Einfluss auf die US-Börsen – vor allen auf die einzelnen Branchen – hatten etwa die Dekrete über den Bau von Pipelines und zur Rücknahme von Teilen der seit 2008 eingeführten Finanzmarktregulierungen. Beide Sektoren legten an den entsprechenden Tagen um etwa 2 % zu. Gegenwärtig ist auch die Berichtssaison in vollem Gange. Wie die bisher berichteten Unternehmensergebnisse im Verhältnis zu Analystenprognosen ausgefallen sind, zeigt die Grafik unten. Im S&P 500 sind bisher 274 Ergebnisse veröffentlicht worden. Während die Unternehmensumsätze in etwa den Erwartungen entsprachen, lagen die Gewinne um etwa 3 % über den Erwartungen. Überraschend gut fielen vor allem die Gewinne in den Sektoren Finanzen (mehr als 5 % über den Erwartungen), IT (Überraschung: +4,5 %) und Öl (+3,3 %) aus. Im Stoxx Europe, der anders als der Eurostoxx die Aktienmärkte in ganz Europa und nicht nur in der Eurozone abbilden soll, haben erst etwa ein Viertel der Unternehmen ihre Quartalszahlen veröffentlicht. Auch hier entsprachen die Umsätze bisher in etwa den Erwartungen, während die Gewinne um gut 25 % über den Erwartungen lagen. Die große Gewinnüberraschung wurde vor allem getrieben vom Finanzsektor, wo die Gewinne die Erwartungen um über 200 % schlugen. Während die Veröffentlichung der Quartalsergebnisse im Normalfall eine große Rolle für die Kursentwicklung an den Aktienmärkten spielt, scheint derzeit die Ungewissheit über den Charakter der Präsidentschaft von Donald Trump das dominante Thema zu sein.

Die Grafik unten stellt die Entwicklung unseres Über- und Unterbewertungsmodells für den S&P 500 dar. Bei Werten zwischen 0,9 und 1,1 gehen wir – historisch gesehen – von einer eher fairen Bewertung des Index aus. Derzeit liegt der Wert bei 1,12 und damit deutlich über dem Niveau vor der Präsidentschaftswahl. Die gegenwärtig beobachtbare hohe Bewertung zeugt davon, dass die Anleger, was die künftige Gewinn- und Wertentwicklung der Unternehmen angeht, sehr optimistisch sind. Wie an der Grafik abzulesen, ist die Bewertung seit der Wahl Donald Trumps deutlich angestiegen. Daher ist anzunehmen, dass diese Entwicklung vor allem auf den Hoffnungen bezüglich. des wirtschaftspolitischen Programms des neuen Präsidenten basiert. Angesichts des Eindrucks, den der Präsident und das Kabinett bisher vermitteln, scheint die Bewertung der Aktienmärkte auf einem wackeligen Fundament zu stehen. Zwar hat der neue Präsident in seinen ersten Handlungen auch wirtschaftspolitische „Akzente“ gesetzt. Der Fokus liegt aber bisher eindeutig auf der Umsetzung seiner eher populistischen Wahlversprechen in der Außen- und Sicherheitspolitik sowie dem Verfolgen seiner protektionistischen Agenda. Die meisten Ökonomen erwarten auch für die USA – zumindest langfristig – eher negative Konsequenzen des Mottos „America First“ in der Wirtschaftspolitik. Sollte der Präsident daher insbesondere in den Bereichen Steuererleichterungen und Ausgabensteigerungen enttäuschen, stellt dies ein Risiko für eine Korrektur vor allem an den US-Märkten dar. Ein weiterer Blick auf die Grafik zeigt, dass deutliche Abweichungen von einer solchen „fairen“ Bewertung durchaus auch für längere Zeit bestehen können. So war der S&P 500 – aus heutiger Perspektive – in der Finanzkrise ein ganzes Jahr lang drastisch unterbewertet. Ein weiteres Risiko für die amerikanischen Aktienmärkte könnte ein signifikant schnellerer Zinsanhebungszyklus der Fed bedeuten. Die gegenwärtig hohen Bewertungsniveaus korrespondieren mit der weiterhin expansiven Geldpolitik und dem niedrigen Zinsniveau. Deutlich höhere Zinsen würden die Opportunitätskosten der Aktienhaltung erhöhen und weniger risikoreiche Anlageformen attraktiver machen. Die gegenwärtig hohen Bewertungsniveaus müssten in einer solchen Situation angepasst werden. Auf europäischer Seite ist das größte Risiko derzeit politischer Natur: Mit den Wahlen in den Niederlanden und Frankreich sowie dem Beginn der Brexit-Verhandlungen stehen derzeit mehrere politische Ereignisse auf der Agenda, die dem Ansehen und der Stabilität der Europäischen Union schaden könnten und daher die Unsicherheit an den Finanzmärkten erhöhen würden. Sowohl in den Niederlanden als auch in Frankreich sind rechtspopulistische Kandidaten derzeit vorn. Bei beiden ist trotz der gegenwärtig starken Umfragewerte eine Regierungsbeteiligung (Niederlande) bzw. gar die Wahl zur Präsidentin (Frankreich) äußerst unwahrscheinlich. Dennoch ist die Furcht vor Parallelen zur US-Wahl derzeit hoch und könnte kurzfristig an den Finanzmärkten zu Ausschlägen führen.

 

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