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(©Getty Images)
Erneuerbare Energien
28.02.2017

Die Windenergie weist in den nächsten Jahren das mit Abstand größte Ausbaupotenzial unter allen erneuerbaren Energien auf. Während der Ausbau der Windenergienutzung an Land (onshore) insbesondere durch den Austausch älterer Anlagen an windreichen Standorten durch modernere Anlagen mit größerer Energieausbeute zu erzielen ist (Repowering), muss bei der Windenergie auf See (offshore) noch viel Aufbauarbeit geleistet werden. Bis Ende 2018 werden 30.220 Anlagen in Betrieb sein. Mit dem Zuwachs von 8840 Megawatt steigt die installierte Leistung der deutschen Windkraft an Land auf über 50 Gigawatt.

In Deutschland sollen in den kommenden zwei Jahren 2950 neue Windanlagen entstehen. Das Geschäft mit Erneuerbaren Energien boomt. Doch der Netzausbau hält da noch nicht Schritt, und der Rückhalt in der Bevölkerung droht zu schwinden.

Die Windkraft wird zum Hoffnungsträger bei der Energiewende. „Windenergie ist stark“, sagte Dr. Fritz Brickwedde, Präsident des Bundesverbandes Erneuerbare Energien (BEE), auf dem Neujahresempfang seiner Organisation in Berlin. Der Chef-Lobbyist verkündete stolz, dass in Deutschland in den kommenden zwei Jahren 2950 neue Windanlagen errichtet werden. Damit steigt die Zahl der Anlagen von derzeit 27.270 Anlagen bis Ende 2018 auf 30.220.

Die Bundesnetzagentur kann eine Erfolgsbilanz ziehen. Die Aufsicht führende Behörde über den Strommarkt hat alle Bauanträge registriert, die bis zum 31. Januar dieses Jahres eingereicht wurden. Denn nur jene Investoren, die ihre Pläne fristgerecht beantragt haben, können noch eine Einspeisevergütung für Ökostrom nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) in Anspruch nehmen. Eine weitere Bedingung ist, dass die Anlagen bis Ende 2018 in Betrieb genommen werden. Mit dem Zuwachs von 8840 Megawatt steigt die installierte Leistung der deutschen Windkraft an Land auf deutlich über 50 Gigawatt. Zum Vergleich: Der Spitzen-Strombedarf Deutschlands liegt bei rund 85 Gigawatt. Prognostiziert ist für 2017 einen Zubau von maximal 5000 Megawatt erwartet, für das kommende Jahr 3500 Megawatt.

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Vom Ausbau in Rekordgeschwindigkeit profitiert ein ganzer Wirtschaftszweig. Deutsche Windenergieanlagen und deutsches Knowhow sind weltweit gefragt über 66 Prozent der Windenergieanlagenproduktion wird exportiert: Im Bereich Windenergie sind derzeit nach Schätzungen des Bundeswirtschaftsministeriums etwa 100.000 Menschen beschäftigt.

Aber auch Offshore boomen die Geschäfte. Die Nordsee ist zu einem gigantischen Kraftwerk geworden. In der Deutschen Bucht produzieren inzwischen 845 Windkraftanlagen knapp 3800 Megawatt für die deutschen Verbraucher. Damit habe sich die Offshore-Windkraft nach der Windkraft, an Land und der Photovoltaik als dritte Säule der Energiewende etabliert. Für Windparks auf dem Meer führten Ausschreibungen in den vergangenen Monaten in verschiedenen europäischen Ländern zu deutliche Preissenkungen im Vergleich zu bisherigen Projekten. Das gilt vor allem für die Ausschreibungsverfahren für die Nordsee. Auch die Geldgeber der Windenergie vermelden Erfolge. Die HSH Nordbank hat in ihrem Kerngeschäftsfeld Energie & Versorger 2016 knapp 1,1 Milliarden Euro für Projektfinanzierungen von Wind- und Solarprojekten aufgewendet. Der Wachstumstrend im Bereich Erneuerbaren Energien besteht bereits seit fünf Jahren in Folge. „Wir haben uns jedes Jahr mehr vorgenommen und jedes Jahr mehr erreicht. Das wollen und werden wir auch 2017 schaffen“, sagt Lars Quandel, Leiter Energie & Versorger der HSH Nordbank.

Mit Hochdruck wird daran gearbeitet, technische Probleme zu überwinden, so dass Nordsee-Windparks auch bei unsteten Wetterbedingungen zuverlässig den gewonnenen Strom von See auf Land übertragen.

Für die Ökostromerzeuger genauso wie für die Politik ist es zudem eine Herausforderung, den Rückhalt für Windenergie aufrechtzuerhalten: Die rasante Zunahme der Anlagen hat mancherorts die Begeisterung gedämpft. In Schleswig-Holstein zum Beispiel sind laut einer Umfrage der „Kieler Nachrichten“ und der „Lübecker Nachrichten“ nur noch knapp die Hälfte der Wähler mit dem Bau weiterer Windräder einverstanden, fast ebenso viele lehnen das ab. Bundesweit haben sich Initiativen gegründet, um Windkraftanlagen zu stoppen. „Wenn wir nicht aufpassen, kann der Bau von Windkraftanlagen und der dazugehörende Netzausbau das Land spalten“, sagte Robert Habeck, Minister für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt und Ländliche Räume in Schleswig-Holstein. Er will einerseits darauf achten, dass wir genug Raum für unsere Ausbauziele haben und andererseits, dass die Anlagen nicht zu dicht an Häuser kommen und dass Landschaft auch unberührt bleibt.

Wir brauchen Netze, Netze, Netze.

Carsten Schnibbe, Head of Communication wpd

Auch wird es für die Stromnetzbetreiber immer schwieriger, die Windenergie aus Norddeutschland abzuleiten. So nimmt eines der größten Infrastrukturprojekte zur Vollendung der Energiewende nur langsam Formen an: Die Netzbetreiber veröffentlichten im September ihr Vorhaben für den Bau neuer Stromautobahnen zwischen Nord und Süd. Die Leitungen sollen in der Erde verlegt werden; als Zugeständnis an die Anwohner. Als Folge der Neu- und Umplanung werden die Kosten nach Angaben der Netzunternehmen aber mit bis 15 Milliarden Euro dreimal so hoch aus ausfallen wie ursprünglich kalkuliert. Außerdem verzögert sich die Fertigstellung um mindestens drei Jahre bis 2025. Für Carsten Schnibbe, Head of Communication beim Bremer Windanlagenbetreiber- und -planer wpd, genießt der Infrastrukturausbau Priorität: „Wir brauchen Netze, Netze, Netze.“

Während die Akteure der Branche Verbesserungen fordern, glaubt die Regierung in Berlin die Energiewende auf einen guten Weg gebracht zu haben. Die neue Ministerin für Wirtschaft und Energie, Brigitte Zypries, betonte, EEG und Strommarkt seien aufeinander abgestimmt und „zukunftsfest“. Erklärter Wille sei es, Erneuerbare Energien zu stärken und „Erneuerbaren Strom im Wärme-, Verkehrs- und Industriesektor einzusetzen, also auch die Sektorenkopplung zu verwirklichen. Bei alldem achten wir darauf, dass die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft erhalten bleibt“ BEE-Präsident Brickwedde teilte Zypries’ Optimismus nur bedingt. Vor dem Hintergrund, dass Deutschland seine Klimaschutzziele künftig mit „Pauken und Trompeten“ verfehlen werde, nahm er Zypries in die Pflicht. „Wir erwarten von der Politik, ihre ratifizierten Ziele auch umzusetzen.“ Am Ende des politischen Prozesses sei ein Klimaschutzplan herausgekommen, der – und hier zitierte Brickwedde aus einer Rede des ehemaligen Weltbankchefs und Bundespräsidenten Horst Köhlers – „nicht mehr ehrgeizig, sondern nur noch geizig“ sei.

Stromerzeugung in Europa

Und so sieht die Stromerzeugung europäisch aus: Der physikalische Stromaustausch erfolgt mit neun unmittelbaren Nachbarländern, Dänemark, Niederlande, Luxemburg, Frankreich, Schweiz, Österreich, Tschechien, Polen und über ein Seekabel mit Schweden. Deutschland exportierte im vergangenen 82,0 Milliarden kWh Strom in seine Nachbarländer, während 26,6 Milliarden kWh Strom importiert wurden. In Europa verfügt Deutschland über die höchste installierte Kraftwerksleistung und erzeugt und verbraucht am meisten Strom.

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