SUCHE

Herausforderungen 2017
24.01.2017

Dieses Jahr birgt große Risiken. Wahlen in den Niederlanden, in Frankreich und Deutschland können gravierende Auswirkungen auf die Finanzmärkte haben. Der neue US-Präsident Donald Trump droht mit Handelsschranken, und es beginnen die Brexit-Verhandlungen. Ökonom Prof. Dr. Thomas Straubhaar und Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank, ordnen die unsichere Lage ein.

Welche Überraschung erleben wir im Jahr 2017?

Dr. Cyrus de la Rubia: Es gibt auf jeden Fall Risiken: Beispielsweise ein Handelskrieg zwischen USA und China, vielleicht auch zwischen den USA und Europa. Die Warnungen von Donald Trump würde ich ernst nehmen. Eine andere Gefahr ist, dass Marine Le Pen von der Front National Präsidentin in Frankreich wird.

Professor Dr. Thomas Straubhaar: Diese Risiken gibt es. Ich bin aber optimistisch: 2017 wird makroökonomisch ein gutes Jahr und zwar angefeuert von den USA. Donald Trump wird viel Geld in die Infrastruktur investieren und die Steuersätze senken. In Europa ist Deutschland als Wirtschaftslokomotive stark aufgestellt. Die Konsumfreude ist groß, die tiefen Zinsen stützen die wichtige Bauwirtschaft.

Dr. Cyrus de la Rubia: Steuersenkungen kann ich mir in den USA vorstellen. Skeptisch bin ich beim Infrastrukturprogramm: Öffentliches Geld direkt in die Wirtschaft zu geben – das ist ungewöhnlich für die Republikaner. Man wird versuchen, private Investoren an Bord zu holen, aber so schnell lassen sich Private-Public-Partnership-Modelle nicht umsetzen. Die Steuerentlastungen werden hohen Einkommen zugutekommen. Bei diesen Leuten geht das bei der Steuer gesparte Geld nicht in den Konsum.

Professor Dr. Thomas Straubhaar: Es gibt einen "New Deal" à la Roosevelt, finanziert von der Wall Street. Die Investitionen in Infrastrukturprojekte bieten weltweit Anlegern die Chance, vernünftige Zinsen zu erzielen.

Die Börsen haben mit Kurssteigerungen auf die Wahl Trumps reagiert – weshalb?

Professor Dr. Thomas Straubhaar: Nach einer kurzen Schockphase haben sie darauf gesetzt, dass amerikanische Firmen vom pro Wirtschaft orientierten Trumpismus profitieren.

Dr. Cyrus de la Rubia: Trump hat eine wachstumsfreundliche Agenda – das sind Steuersenkungen, Deregulierung und Ausgaben in die Infrastruktur. Und er hat eine wachstumsfeindliche Agenda, den Protektionismus und die Ausweisung von Immigranten. Die Anleger haben sich auf die positiven Aspekte konzentriert.

Strafzölle gegen ausländische Waren, Aufkündigung von Freihandelsabkommen – die Agenda von Donald Trump klingt wie ein Abgesang des freien Welthandels. Was bedeutet das?

Dr. Cyrus de la Rubia: Nichts Gutes. Unternehmen sind am wettbewerbsfähigsten, wenn sie die globalen Wertschöpfungsketten optimal nutzen. Beispiel Apple: Das Unternehmen hat rund 800 Zulieferer in etwa 30 Ländern. Wenn Apple seine Produktion in die USA zurückverlagern müsste, würde das iPhone ein paar hundert Dollar teurer. Was das für den Wettbewerb mit Samsung heißt, kann sich jeder ausmalen.

Professor Dr. Thomas Straubhaar: Ja, es wird dramatische Auswirkungen auf Globalisierung und Freihandel mit den USA geben. Aber nur zur Erinnerung: In Deutschland sind Hundertausende auf die Straßen gegangen, um gegen das transatlantische Freihandelsabkommen TTIP zu demonstrieren.

Dr. Cyrus de la Rubia: Aber es ist ein Unterschied, ob man eine weitere Liberalisierung ablehnt oder das Rad zurückdreht.

Professor Dr. Thomas Straubhaar: Richtig, abgesehen davon: Wir müssen bei Exporten zwischen Konsumgütern und Investitionsgütern unterscheiden. Bei Konsumgütern wird Trump ernst machen, das trifft vor allem China und Asien. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass das für Investitionsgüter gilt: Er wird die Einfuhr deutscher Präzisionsmaschinen, die in der US-Wirtschaft gebraucht werden, um Amerika voranzubringen, nicht erschweren.

Autos sind auch Konsumgüter – das könnte Deutschland treffen.

Professor Dr. Thomas Straubhaar: Viele deutsche Autofirmen fertigen bereits in den USA.

Dr. Cyrus de la Rubia: Während General Motors etwa die Hälfte seiner Autos in China produziert.

Die USA ist Exportland Nummer eins für Deutschland. Da sind Importzölle doch eine Bedrohung.

Dr. Cyrus de la Rubia: Ja, aber auch wenn die USA das wichtigste Exportland für uns sind – der Anteil an den deutschen Exporten insgesamt liegt unter zehn Prozent. Es droht deshalb keine Rezession, Deutschland ist beim Export sehr breit aufgestellt. Bedrohlich ist, dass die Atmosphäre in der internationalen Handelspolitik vergiftet wird.

Professor Dr. Thomas Straubhaar: China und Südkorea werden unter US-Importbeschränkungen leiden – diese Länder exportieren Konsumgüter nach USA und sie sind Kunden von Investitionsgütern aus Deutschland. Da droht ein Domino-Effekt. Wichtig ist dennoch, dass sich die Europäer aus einer Stimmung heraus nicht zu einer Eskalation hinreißen lassen.

Inwieweit werden die Verhandlungen über den Brexit die Wirtschaft in Europa beeinflussen?

Dr. Cyrus de la Rubia: Ich glaube, die Verhandlungen könnten sehr unangenehm werden. Es ist konsequent, wenn die britische Premierministerin Theresa May einen harten Brexit ankündigt. Die Zugehörigkeit zum Binnenmarkt ohne Freizügigkeit – das wäre die Quadratur des Kreises. Ich glaube, die Verhandlungen werden die Investitionstätigkeit in Großbritannien hemmen und das Wachstum bremsen.

Professor Dr. Thomas Straubhaar: Die Briten zögern das Hinterlegen des Brexit-Gesuchs hinaus, weil nach dem offiziellen Beginn der Austrittsverhandlungen die Uhr gegen sie tickt. Danach haben sie genau zwei Jahre Zeit, um eine Lösung zu finden. Wenn nicht, fällt Großbritannien auf den Status eines normalen WTO-Mitglieds wie beispielsweise Myanmar, ohne jeden bilateralen Handelsvertrag mit der EU, den USA oder irgendeinem anderen Land. Die Briten könnten ihr Gesuch jederzeit zurückziehen – das ist nicht auszuschließen. Für mich ist der Brexit eine viel größere Gefahr als der Trumpismus. Denn der Ausstieg der Briten ist eine Operation am offenen Herzen der EU.

Dr. Cyrus de la Rubia: Viele Länder werden die Verhandlungen genau beobachten und ihre Strategie anpassen. Weil die EU das weiß, werden die Verhandlungen hart – keiner soll auf die Idee kommen, es den Briten gleich zu tun.

In vielen Ländern wächst die Kritik an Europa – droht ein Zerfall der Union?

Professor Dr. Thomas Straubhaar: Das ist die Tragik der EU: Eigentlich muss sie gegenüber den Briten hart spielen. Aber je härter sie spielt, desto stärker werden die nationalistischen Parteien, weil sie sagen können: Seht her, so dominant und unfair geht die EU mit souveränen Ländern um. Lasst uns austreten.

Dr. Cyrus de la Rubia: Ich glaube aber, dass sowohl Trump als auch der Brexit die EU eher einigen wird. Die Gefahren nehmen zu – dann hält man zusammen.

Professor Dr. Thomas Straubhaar: Als Ronald Reagan mit ebenfalls nationalistischen Tönen 1980 US-Präsident wurde, haben die Europäer in den 1980er Jahren das Projekt "Europa 1992" entwickelt und so den gemeinsamen Binnenmarkt entscheidend vorangebracht. Hoffentlich passiert nun etwas Vergleichbares.

Nach oben