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Schwellenländer
17.01.2017

Die Stresswerte des Schwellenländer-Barometers steigen weiter an. Die mit der US-Wahl eingeleitete Trendwende scheint sich zu verfestigen, denn die vom designierten US-Präsidenten Donald Trump angekündigten wirtschaftspolitischen Maßnahmen haben die Wachstumsaussichten für die Schwellenländer signifikant gesenkt.

Für die Türkei gibt das Schwellenländer-Barometer gestiegene Risiken wieder – die Landeswährung Lira ist stark gesunken (© Getty Images)

Für die Türkei gibt das Schwellenländer-Barometer gestiegene Risiken wieder – die Landeswährung Lira ist stark gesunken (© Getty Images)

In den letzten sechs Wochen ist das Schwellenländerbarometer der HSH Nordbank von fast 41,0 auf 43,8 (Stand 10.01.2017) angestiegen und hat somit den Trend steigenden Risikos nach der US-Wahl fortgesetzt. Die vom designierten US-Präsidenten Donald Trump angekündigten wirtschaftspolitischen Maßnahmen haben die Wachstumsaussichten für die Schwellenländer signifikant gesenkt und unser Barometer über seinen langfristigen Durchschnitt von 43,1 geschoben. Die höhere Notierung wirft einen Ausblick auf die gestiegenen politischen Gefahren für einige Schwellenländer, die in Verbindung mit der neuen US-Administration stehen. Das Schwellenländerbarometer beinhaltet die Schwellenländer Brasilien, China, Indien, Indonesien, Russland und Türkei und beobachtet finanzwirtschaftliche Kennzahlen wie CDS Spreads, Aktienindizes, US-Dollar-Wechselkurse sowie Preise wichtiger Rohstoffe. Alle Kennzahlen werden auf eine Skala von 0 (relativ geringste Krisengefahr) bis 100 (relativ höchste Krisengefahr) indexiert und dann aggregiert, sodass die Länderindizes entstehen. Fasst man diese wiederum zusammen, ergibt sich der "Schwellenländer-Barometer" Gesamtindex. Als Startzeitpunkt wird das Jahr 1998 gewählt, als die Asienkrise ihren Höhepunkt erreichte.

"Schwellenländer-Barometer" Gesamtindex (Dec 2012 bis heute)

"Schwellenländer-Barometer" Gesamtindex (Dec 2012 bis heute)

Die höheren Stresswerte des Schwellenlandbarometers von 43,8 stehen in unmittelbaren Zusammenhang mit den Ankündigungen einer protektionistischeren US-Handelspolitik und dem Erstarken des US-Dollars. Diese Entwicklungen lassen die Währungen der betrachteten Schwellenländer tendenziell fallen und ihr Risiko im Schwellenländer-Barometer ansteigen. Die Stabilisierung der Rohstoffpreise, durch welchen die Exportwirtschaft in vielen Schwellenländern Unterstützung erfährt, konnte diesen Effekt nicht kompensieren.

Entgegen dem Trend des Gesamtindexes haben sich die gesamtwirtschaftlichen Risiken für Brasilien verringert. Bedingt durch einen festeren Real und den haussierenden Aktienindex verlor unser Länderbarometer mehr als 6 % und schließt bei 35,30 Indexpunkten. Da der Verlauf der anhaltenden politischen Krise rund um Ex-Präsidentin Rousseff und Interimspräsident Temer weiter unklar ist, sind gesamtwirtschaftliche Risiken für das Jahr 2017 nicht auszuschließen.

Die stärkste Erhöhung im unseren Schwellenländer-Barometer konnte Indien verzeichnen. Der Indexwert für die indische Volkswirtschaft zeigte sich um gut 8 Indexpunkte erhöht und notiert aktuell bei 52,8. Der enorme Anstieg des Spreads zwischen indischen und US-amerikanischen Anleihen ist für diese Entwicklung ursächlich. Diesem Trend konnten auch die positiven Signale vom indischen Aktienindex und höhere Exportpreisen für die Agrarrohstoffe Mais und Tee nicht entgegenwirken. Zudem bleiben politische Risiken in Indien mittelfristig weiter immanent. Die Anti-Korruptionsmaßnahmen der Regierung unter Premierminister Modi, die u.a. ein Umtausch eines Großteils des Bargeld-Bestands beinhalten, könnten das Wirtschaftswachstum im Jahr 2017 belasten. Auch Indonesiens Wirtschaft zeigt sich einem allmählich steigenden Risikowert ausgesetzt und schließt mit 35,4 Indexpunkten gut 4 Zähler höher zur Vorperiode ab. Besonders belastend wirkte hierbei der Rückgang des Kohlepreises für den fünftgrößten Exporteur dieses Rohstoffes. Die Preise für weitere Hauptexporte Indonesiens (u. a. Palmöl) gaben zusätzlich nach und schickten unser Länderbarometer auf Talfahrt. Russland zeigte sich von den jüngsten Entwicklungen unbeeindruckt und schließt den Monat in unserem Barometer bei 35,4 ab. Die stabilen Exportpreise für Erdöl und Erdgas helfen der russischen Wirtschaft enorm. Auch hier sind die politischen Risiken und das Verhältnis zu den USA weiter zu beachten.

Sorgenkind innerhalb der Schwellenländer bleibt weiterhin China. Unser Wert auf dem Barometer stieg um rund vier Punkte und schloss bei 62,6 Indexpunkten. Der anhaltend schwache Yuan sowie der auf weiterhin niedrigem Stand stagnierende Shanghai Composite können dem wichtigen Schwellenland keine positiven Impulse geben. Chinesische Unternehmen werden zudem zunehmend von einem starken US-Dollar belastet. Auch die zukünftige Handelspolitik mit den USA wirkt perspektivisch als Belastungsfaktor.

Für die Türkei gibt unser Schwellenländer-Barometer ebenfalls gestiegene Risiken wieder. Der politische Kurs der Regierung Erdogan nach dem Silvesteranschlag in Istanbul lässt unser Länderbarometer bei 46,4 notieren, 3,3 Indexpunkte höher als in der Vorperiode. Ursächlich hierfür war unter anderem die starke Abwertung der Lira, die seit Jahresbeginn mehr als 10 % verlor und somit die am stärksten abgewertete Währung des jungen Jahres 2017 ist.

Insgesamt spiegelt der Anstieg unseres Schwellenländer-Barometers die Vielzahl von verschiedenen politischen Risiken für diese Ländergruppe wieder.

"Schwellenländer-Krisenbarometer" Gesamtindex (Aug 1998 bis heute)

"Schwellenländer-Krisenbarometer" Gesamtindex (Aug 1998 bis heute)

Die Methodik

Für die Erstellung des "Schwellenländer-Barometer" werden finanzwirtschaftliche Daten der Länder Brasilien, China, Indien, Indonesien, Russland und Türkei untersucht. Der erste Datenzeitpunkt ist der 1.04.1998.

Bei den Daten handelt es sich um:

  • CDS Spreads (Preisdifferenz der Versicherungen gegen Kreditausfälle), Brasilien/Indien: Renditedifferenz der zehnjährigen Staatsanleihen gegenüber US-Anleihen

  • Haupt-Aktienindizes

    • Brasilien: Bovespa
    • China: Shanghai Composite
    • Indien: Sensex
    • Indonesien: Jakarta Composite
    • Russland: MICEX
    • Türkei: Borsa Istanbul 100

  • Wechselkurse der Länderwährungen zum US-Dollar
  • Wichtigste Rohstoffe

    • Brasilien: Eisenerz, Soja, Rohrzucker
    • China: Rohöl (Import)
    • Indien: Mais, Reis, Tee, Rohöl (Import)
    • Indonesien: Kohle, Erdgas, Palmöl, Rohöl
    • Russland: Rohöl, Erdgas
    • Türkei: Rohöl (Import)

Bei allen Daten (bis auf die Spreads) wird außerdem das Mittel aus der durchschnittlichen Veränderung der Woche gegenüber der Vorwoche und dem Monat gegenüber demselben Monat im Vorjahr gebildet. Hiermit soll verhindert werden, dass längerfristige Niveauverschiebungen dauerhaft auf das Barometer durchschlagen. So ist beispielsweise bei Hochinflationsländern der Wechselkurs von heute nicht mit dem vor 15 Jahren vergleichbar. Auch bei Rohstoffen kommt es immer wieder zu dauerhaften Niveauverschiebungen.

Schließlich wird eine Indexierung vorgenommen, sodass für jede Kennzahl der Wert des minimalen Krisenrisikos den Wert 0 zugewiesen bekommt und der des maximalen Krisenrisikos 100. Falls es sich bei den berücksichtigten Rohstoffen um Exportrohstoffe handelt, wird außerdem ein Gesamt-Rohstoffindex gebildet. Die Gewichtung der einzelnen Rohstoffe stimmt dabei mit dem Exportanteil überein.

Bildet man für jedes Land das Mittel der dazugehörigen Kennzahlen, so erhält man den Länderindex. Bei (gleichgewichteter) Aggregation dieser ergibt sich schließlich der "Schwellenländer-Krisenbarometer" Gesamtindex.

Die Einzelindizes werden um Extremausschläge bereinigt, um eine Verzerrung für den Gesamtindex zu vermeiden. Die Bereinigung erfolgt, in dem man bestimmte Werte deckelt.

Interpretation

Durch die Normierung der Risikofaktoren auf eine Zahl zwischen 0 (minimales Risiko) und 100 (maximales Risiko) ergibt sich eine relative Risikomessung, die sich an der Historie orientiert. Das ist wichtig für die Interpretation der Ergebnisse: Wenn beispielsweise in einem Land der CDS-Spread zwischen 20 und 80 Basispunkte schwankte, dann bedeutet ein CDS-Spread von 80 Basispunkten ein maximales Risiko von 100. Bei einem anderen Land, dessen CDS-Spread zwischen 100 und 500 schwankte, ist der Indexwert 100 bei 500 Basispunkten erreicht. Wenn also der Gesamtindex einen hohen Wert erreicht, dann heißt das, dass die beteiligten Länder jeweils einen historisch gesehen relativ hohen Risikograd erreicht haben. Man kann nicht ableiten, ob ein Land risikoreicher als das andere Land ist.

Zuletzt ist anzumerken, dass nur finanzwirtschaftliche Daten zur Messung des Krisenrisikos verwendet werden. Dass hat den Vorteil, dass jederzeit aktuelle Daten abgerufen werden können (sozusagen in "Echtzeit"), was die Verzögerung des Indizes auf plötzliche Ereignisse minimiert. Gleichzeitig werden aber fundamentale Daten wie z.B. Leistungsbilanzsalden oder Währungsreserven ignoriert. Es lassen sich somit keine direkten Aussagen über fundamentale Bewertungen treffen. Dies ist bei der Interpretation des "Schwellenländer-Barometers" zu berücksichtigen.