SUCHE

20.01.2017

Der Präsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel, Dennis J. Snower, ist besorgt über den Kurswechsel in den USA. Auf dem Weltwirtschaftsforum (WEF) gab der renommierte Ökonom UP Nord ein exklusives Interview.

Glaubt, dass es unter Trump eine Zäsur im internationalen Handel gibt: Ökonom Dennis J. Snower (© Getty Images)

Glaubt, dass es unter Trump eine Zäsur im internationalen Handel gibt: Ökonom Dennis J. Snower (© Getty Images)

Ausgerechnet der chinesische Präsident Xi Jinping wirbt beim WEF für Globalisierung. Wie ernst ist sein Plädoyer für die Freiheit angesichts der in China bestehenden (Handels-) Restriktionen zu nehmen?

China ist eine der größten Exportnationen der Welt, insofern ist das Plädoyer sehr ernst zu nehmen. Das Land braucht für eine florierende Wirtschaft offene Märkte. Natürlich gibt es derzeit ein Ungleichgewicht, was den Marktzugang für ausländische Unternehmen in China betrifft. Wobei ja trotz dieser Restriktionen China ein sehr wichtiger Auslandsmarkt für viele Unternehmen ist – gerade deutsche. Sollten die USA einen protektionistischen Kurs einschlagen, könnte Europa sich darum bemühen, gemeinsam mit China eine Initiative für offene Märkte und fairen Handel zu entwickeln und voranzutreiben.

Was schwebt in diesem Jahr für ein Geist über Davos? Ist so etwas wie Resignation, Fatalismus oder Angst unter den Konferenzteilnehmern zu spüren?

Es gibt die große Sorge, dass die Entwicklung offener, toleranter Gesellschaften und einer fruchtbaren globalen Vernetzung zurückgedreht wird. Der Kurswechsel in den USA, die Instabilität Europas und die Krisenherde in vielen anderen Weltregionen schüren Unsicherheit und Misstrauen, was Sicherheit und Wohlstand gefährdet. In Davos gibt es aber viele Menschen, die große Herausforderungen schon erlebt und gemeistert haben und auch die Chancen sehen, die in Veränderungen stecken. Insofern gibt es keine Resignation. Hier sind viele Menschen versammelt, die sich in der Lage sehen, Entwicklungen aktiv zu gestalten und zum Guten zu wenden.

Welches sind die verschiedenen Szenarien, die nach dem Amtsantritt Donald Trumps vorstellbar sind? Stichwort TTP, Strafzölle.

Mit diesem Regierungswechsel ist eine Zäsur in den internationalen Beziehungen und globalem Handel absehbar, selbst wenn viele Details der Programme der Regierung Trump noch unklar sind. Es ist davon auszugehen, dass Trump mit Strafzöllen mindestens einige symbolische Zeichen setzen will. Als Präsident hat er dabei relativ große Freiheiten. Bei weitergehenden Handelshindernissen wird es darauf ankommen, wie durchsetzungsfähig Befürworter von Freihandel im Kongress sein werden. Beim Thema TTIP erwarte ich auf längere Sicht keine größeren Fortschritte.

Was könnten die G-20-Staaten in den kommenden Monaten unter deutscher Präsidentschaft Sinnvolles beschließen, um die globalisierte Welt offen zu halten?

Die G20 sollten dem Narrativ Trumps etwas entgegensetzten, wonach Sündenböcke für eigene Probleme außerhalb des eigenen Landes zu suchen sind. Trump macht Ausländer zu Sündenböcken dafür, dass der amerikanische Traum vom Aufstieg durch eigene Anstrengungen nicht mehr wie früher funktioniert. Dabei liegt diese Entwicklung nicht am internationalen Wettbewerb, sondern an den im eigenen Land geschaffenen Möglichkeiten, an den Erfolgen der Globalisierung teilzuhaben. Wenn es den G20 gelingt, Politikvorschläge für eine breitere Teilhabe an Globalisierungsgewinnen zu entwickeln, könnten sie eine sehr nützliche Rolle spielen. Deutschland hat mit der diesjährigen G20-Präsidentschaft eine große Chance, mäßigend und vermittelnd auf die internationale Gemeinschaft einzuwirken und die Bedeutung globaler Kooperation zu unterstreichen.

Sie haben lange in London gelebt und die amerikanische Staatsbürgerschaft. Woher rührt dieser Protektionismus und Neonationalismus?

Es ist immer einfach, ausländische Sündenböcke für Fehlentwicklungen zu benennen. Viele Menschen in westlichen Gesellschaften sehen sich ihrer Möglichkeit beraubt, ihren Lebensstandard durch eigenes Bemühen zu halten oder zu verbessern. Und dies ist in Teilen auch so. Politiker nutzen das aus, indem sie die Schuld dafür der Globalisierung oder gleich bestimmten ausländischen Gruppen zuschieben. Sie sprechen damit menschliche Instinkte an, einer Gemeinschaft angehören zu wollen und diese nach außen zu verteidigen. Dabei ließe sich eine bessere Teilhabe an Globalisierungsgewinnen auch innerhalb eines Landes organisieren. Insbesondere ist vielmehr die Digitalisierung als der globale Handel verantwortlich dafür, dass Jobs und Wohlstand vieler Menschen unter Druck geraten. Statt sich nach außen abzuschotten, sollten Regierungen dafür sorgen, dass die Menschen in ihrem Land anpassungsfähig werden an diese neue Welt – etwa durch verstärkte Aus- und Weiterbildungsangebote.