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Fokusthema
26.01.2017

"Mit Indiens Bargeldreform will Premier Modi der Korruption entschlossen entgegentreten. Gleichzeitig treibt er damit die Digitalisierung und Reform des indischen Bankensektors voran", urteilt Analyst Marius Schad.

Indiens Premierminister Narendra Modi hat Ende 2016 mit einem Bargeld-Zwangsumtausch der Schattenwirtschaft und illegalen Geldflüssen offen den Kampf angesagt (© Getty Images)

Indiens Premierminister Narendra Modi hat Ende 2016 mit einem Bargeld-Zwangsumtausch der Schattenwirtschaft und illegalen Geldflüssen offen den Kampf angesagt (© Getty Images)

Auf den ersten Blick scheint es schwerzufallen, zwischen dem indischen Premierminister Narendra Modi und dem neuen US-Präsidenten Donald Trump eine Verbindung herzustellen, führt man sich ihre parlamentarische Erfahrung und ihren politischen Führungsstil vor Augen. Dennoch haben beide Politiker in ihren jeweiligen Wahlkämpfen enorme gesellschaftliche Umwälzungen angekündigt. Während Trump jedoch seinem Anti-Establishment-Kurs und seinen Anti-Korruptions-Ankündigungen aus dem Wahlkampf schon bei den Nominierungen für sein Kabinett wenig Beachtung schenkte, hat sein indisches Pendant Ende 2016 mit einem Bargeld-Zwangsumtausch der Schattenwirtschaft und illegalen Geldflüssen offen den Kampf angesagt. Ohne Not setzt er dabei gleichzeitig die wirtschaftliche Entwicklung des 1,3 Milliardenvolkes aufs Spiel. Die Bargeld-Revolution, die die am meisten verbreiteten Rupien-Banknoten betrifft, ist jedoch auch im Stande, Dynamiken freizusetzen, durch welche Indien langfristig profitieren könnte.

Was war passiert?

Die grassierende Korruption und die Schwarzarbeit behindern die nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung der indischen Wirtschaft seit langem. Schätzungen zufolge liegt die Größe der indischen Schattenwirtschaft bei 52 % des BIPs bzw. umgerechnet 957 Mrd. USD. Dieser Entwicklung will Modi entschlossen entgegentreten. Schon Mitte des Jahres 2016 initiierte die Regierung eine Kampagne zur freiwilligen Selbstanzeige nicht versteuerten Vermögens, innerhalb derer „Steuersünder“ illegale Gelder im Umfang von 9,8 Mrd. USD nachträglich deklariert haben. Als weiteren– ungleich radikaleren - Schritt gegen illegale Aktivitäten kündigte der Premierminister in einer Fernsehansprache am 8. November 2016 die Entwertung der im Umlauf befindlichen 500,- und 1000,- Rupien-Noten an, die in neu emittierte Banknoten umzutauschen sind. Hierfür müssen die alten Geldscheine auf ein Bankkonto eingezahlt werden. Modi zwingt seine Bürger auf diese Weise zur verbindlichen Einzahlung von 86 % aller sich im Umlauf befindlichen Noten (Gegenwert 256 Mrd. USD) und will das Geldvermögen seiner Bürger so für die Steuerbehörden aktenkundig machen.

Cash ist King in Indien

Dieser überraschende wirtschaftspolitische Eingriff setzt allerdings an der finanzwirtschaftlichen Herzkammer der indischen Wirtschaft an, die sich maßgeblich auf Bargeldzahlungen stützt: Gut 90% aller finanziellen Transaktionen und 98 % aller Konsumausgaben werden in bar abgewickelt. Die indische Bevölkerung begleicht nicht nur die Ausgaben für ihren täglichen Bedarf mit Bargeld, auch Neuwagenkäufe, Immobilienerwerb oder Hochzeiten werden mit Banknoten abgewickelt. Die hohe Abhängigkeit von Bargeldtransaktionen führt dabei jedoch zu signifikanten Ineffizienzen im Wirtschaftsleben, massiven Verzögerungen bei der Anbahnung von Transaktionen und somit zu hohen volkswirtschaftlichen Kosten. Diese enorme Verbreitung von Bartransaktionen begünstigt auch die aktive Steuervermeidung, Bestechung und illegale Aktivitäten.

Indiens Finanzsektor strukturell unterentwickelt

Die angestoßenen Maßnahmen der Regierung Modi stellen die indische Bank- und Kreditwirtschaft vor große Herausforderungen und erschweren kurzfristig die Liquiditätsversorgung der Wirtschaft erheblich. Die Bargeldreform birgt die Gefahr, die erheblichen Defizite des indischen Banksektors nicht nur zu offenbaren, sondern auch negative Auswirkungen in die Realwirtschaft zu transportieren. Zwar besitzen gut 75 % aller erwachsenen Inder eine Bankverbindung, jedoch ist die Verwendung dieser Bankkonten für den Zahlungsverkehr nicht weit verbreitet. Lediglich ein Drittel der indischen Kontoinhaber nutzt dieses auch für den aktiven Geldtransfer, im Vergleich mit anderen Emerging Markets wie Mexiko (53,4 %) oder Brasilien (53,3 %) ein nur durchschnittlicher Wert. Moderne Zahlungsmethoden, E-Payment und Mobile Banking fristen insbesondere außerhalb der Metropolen Delhis und Mumbais ein Schattendasein. Insgesamt liegt die Entwicklung des Finanzsektors in Indien selbst im Vergleich mit anderen Schwellenländer deutlich zurück. Strukturelle Defizite werden auch offenbar, wenn man den Zugang indischer Unternehmen zur Kreditwirtschaft untersucht. Lediglich 21,3 % der Firmen haben Zugang zu Bankkrediten, bei den Kleinunternehmen, der am weitesten verbreiteten Unternehmensform in Indien, lediglich 16,8 %.

Kurzfristig immense wirtschaftliche Turbulenzen

Die Ankündigung des Zwangsumtauschs löste einen Ansturm auf die inländischen Finanzinstitute aus und hatte chaotische Zustände in den Schalterhallen der Banken zur Folge. Dennoch sollen bis Mitte Dezember 2016 nach offiziellen Angaben bereits 80 % der alten Noten umgetauscht worden sein. Einige Investmentbanken schätzen das tatsächliche Einzahlungsvolumen allerdings eher auf 40 % und prognostizieren, dass 60 % der vom Umtausch betroffenen Geldscheine am Ende des ersten Quartals 2017 eingezahlt sein werden. Während die Bargeldversorgung der Bevölkerung mittlerweile wieder gesichert ist, hat die Reform aus geldpolitischer Sicht erhebliche Verschiebungen verursacht. Der Bargeld-Bestand reduzierte sich von 17,1 Billionen Indischen Rupien (INR) auf 7,8 Billionen INR, während analog Sicht- und Termineinlagen deutlich zunahmen. Zudem waren am Kreditmarkt Auswirkungen zu spüren. Unmittelbar nach der Ankündigung der Umtauschpflicht reagierten die indischen Kreditinstitute zunächst restriktiv und schränkten ihre Kreditvergabe ein. Auch realwirtschaftliche Folgen sind bereits spürbar. Negativ beeinflusst wurde hierdurch der inländische Konsum. Der Autoabsatz brach im November um 20 % ein und die Anzahl der Neuzulassungen halbierte sich im Dezember. In den im hohen Maße von der Bargeldwirtschaft abhängigen Sektoren Einzelhandel, Gastronomie und Bauwirtschaft wurden jeweils Rückgänge in der wirtschaftlichen Aktivität verzeichnet.

Langfristig kann Zwangsumtausch Konjunktur antreiben

Mittelfristig wird sich der radikale Wechsel vom Bargeld zu Sicht- und Termineinlagen jedoch voraussichtlich positiv auf die Kreditvergabe auswirken und damit die Finanzierungsmöglichkeiten vieler indischer Unternehmen begünstigen. Die Leitzinssenkung der indischen Zentralbank vom 23. November 2016 verstärkt diesen Effekt zusätzlich. Langfristig könnte sich die wirtschaftliche Lage durch den erleichterten Zugang zu Krediten und besseren Finanzierungsbedingungen für Unternehmen wieder stabilisieren. Zudem profitiert der indische Banksektor von einer Reduktion des Bargeldbestands, welcher von hohen operationellen Kosten für die Bargeldhaltung von geschätzten 3,5 Mrd. USD jährlich belastet wird. Deshalb verbleibt das Wirtschaftswachstum für das Jahr 2017 in unserem Basisszenario mit 7 % auf hohem Niveau, während die Bargeldreform die Wachstumsaussichten für die Folgejahre nachhaltig stärken dürfte. Zusätzliche Unterstützung kommt hierfür vom Devisenmarkt. Die Ankündigung der Regierung Modi löste an den Währungsmärkten einen Abverkauf der Indischen Rupie aus und unterstützt die indische Exportwirtschaft zusätzlich.

Zusätzlicher Schwung für digitale Infrastruktur

Die Bargeld-Revolution ließ bereits in kurzer Zeit die Google-Suchanfragen zu alternativen Bezahlsystemen in Indien signifikant ansteigen. Insgesamt könnte Modi durch seine brachiale Entscheidungen die längst überfällige Digitalisierung von Indiens finanzieller Infrastruktur angeschoben haben. Das Vorgehen erscheint jedoch im Hinblick auf die Bekämpfung der Korruption zumindest fragwürdig. Wie nach der Einzahlung der umfangreichen Guthaben illegale Aktivitäten nachgewiesen werden sollen und eine Strafverfolgung erfolgen kann, ließ Premierminister Modi bislang offen. Positive Impulse auf die Steuerquote sind jedoch zu erwarten. Lediglich 3,9 % der indischen Bevölkerung trägt über Steuern und Abgaben zum Staatshaushalt bei, was im Vergleich mit China (19,8 %) oder Malaysia (19,4 %) ein unterdurchschnittlicher Wert ist. Der Abbau des Bargeldbestandes und der Schattenwirtschaft wird so zu einem höheren Steueraufkommen und zur Reduktion des chronischen staatlichen Budgetdefizits beitragen.

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