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03.01.2017

Nico Hamm, Leiter des Wealth Managements der HSH Nordbank, erklärt, wie Privatanleger ihr Vermögen 2017 erfolgreich anlegen.

Nico Hamm, Leiter des Wealth Managements der HSH Nordbank

Nico Hamm, Leiter des Wealth Managements der HSH Nordbank

Das Börsenjahr 2016 war turbulent - erst ein Einbruch auf unter 9.000 Punkte, dann ein Anstieg auf etwa 11.500 Punkte. Wie bewerten Sie 2016?
Nico Hamm: Gerade die vergangenen Monate haben gezeigt, dass die Börsen derzeit stark von politischen Faktoren beeinflusst werden. Wir hatten 2016 relativ wenige wirtschaftliche Signale, die entsprechende Ab- oder Aufwärtsbewegungen rechtfertigten.

Was ist mit der alten Börsenweisheit: Politische Börsen haben kurze Beine?
Nico Hamm: Die hat Bestand. Deshalb glaube ich, dass die Börsen nach dem Aufschwung zum Jahresende, der mit der Wahl von Donald Trump zusammenhängt, ein gewisses Rückschlagpotenzial aufweisen – auch wenn die Perspektiven langfristig positiv sind.

2016 war auch von der Entscheidung der Briten im Sommer geprägt, die EU zu verlassen. Die Börsen brachen zuerst ein, erholten sich aber wieder schnell.
Nico Hamm: Vom Brexit waren fast alle überrascht, das Pfund ist zwischenzeitlich dramatisch eingebrochen, die Aktien fielen – jetzt liegt der britische Aktienindex 22 Prozent über dem Tiefstand nach dem Referendum. Wir erleben derzeit politische Veränderungen, wissen aber nicht, welche Auswirkungen sie langfristig haben. Mit dieser unsicheren Lage müssen wir umgehen.

Wie mache ich das als Anleger?
Nico Hamm: Ich würde empfehlen, das Vermögen sicher zu streuen. Also: Auf viele verschiedene Pferde setzen. Aber dabei auf die Sicherheit achten. Ein Aktienindex ist für mich im Zweifel besser als die Einzelaktie, bei der ich genau analysieren muss, ob und wie sie von aktuellen politischen Entwicklungen betroffen ist. Ich denke, wir werden 2017 durchaus positive Signale bei vielen Unternehmen sehen – aber nicht bei allen. Die Frage ist: Welche Aktien von aktuellen Entwicklungen profitieren. Wer hat etwas vom Brexit? Wer gewinnt, wenn Donald Trump seine Ideen bei der Energie- oder Gesundheitspolitik umsetzt? Wer leidet darunter? Was passiert mit US-Firmen, die große Cash-Bestände im Ausland haben, die nun künftig anders besteuert werden?

Ein Motto von Donald Trump lautet "America first". Droht damit ein Protektionismus und was bedeutet das für die Weltwirtschaft?
Nico Hamm: Je mehr Länder sich abkapseln, desto schlechter ist es für die Weltwirtschaft. Ich bin jedoch skeptisch, ob das, was Trump angekündigt hat, tatsächlich umgesetzt wird. Die USA sind eine große Importnation. Was passiert eigentlich, wenn deutsche Autos oder koreanische Fernseher plötzlich deutlich teurer werden, weil es hohe Einfuhrzölle gibt? Das wird vielen Amerikanern nicht gefallen.

Bei festverzinslichen Papieren ist nicht viel mehr als ein Prozent Rendite drin, gute Bonität vorausgesetzt. Muss, wer mehr als einen Inflationsausgleich haben will, in Aktien investieren?
Nico Hamm: Wenn ich die Inflation schlagen will – dann ja. Zumal Aktien nicht allein am jeweiligen Kurs gemessen werden dürfen. Viele schütten Dividenden von drei oder mehr Prozent aus. Das Geld darf vor allem nicht auf dem Girokonto liegen, wo sich noch immer etwa ein Drittel der deutschen Vermögen befindet. Ich würde jedem empfehlen, ein gut diversifiziertes Portfolio aufzubauen. Das kann man selber machen, dann muss man sich aber intensiv darum kümmern. Es gibt jedoch auch Möglichkeiten, sich diese Aufgabe von Experten abnehmen zu lassen – angesichts der aktuellen Komplexität der Märkte halte ich das für sinnvoll.

Die Zinsen befinden sich auf historischen Tiefstständen. Die amerikanische Zentralbank hat aber nun die Zinswende eingeleitet. Werden Staatsanleihen für Anleger wieder attraktiver?
Nico Hamm: Mittelfristig könnte das wieder interessanter werden. Derzeit und wohl auch 2017 liegen wir aber auf einem Niveau, das Anleger nicht zufriedenstellen kann. Wenn man weiß, dass die Europäische Zentralbank (EZB) den Auftrag hat, eine Inflation von zwei Prozent zu erreichen und zehnjährige Bundesanleihen aktuelle eine Verzinsung von 0,19 Prozent bieten, wird klar, wie schwierig es ist, mit Staatsanleihen Geld zu verdienen. Zinspapiere, die sich an die Leitzinsen anpassen, so genannte Floater, können in der aktuellen Situation eine Alternative sein. Bislang steigen die Zinsen in den USA, nicht in Europa. Wir erleben also den Versuch, die Zinsentwicklung zwischen den beiden großen Wirtschaftsräumen zu entkoppeln. Das, was eine US-Staatsanleihe gewinnt, könnte der Anleger über den Wechselkurs zum Euro wieder verlieren.

Die Europäer erhöhen die Leitzinsen vorerst nicht – was bedeutet das für den Wechselkurs zwischen Dollar und Euro?
Nico Hamm: Das sollte eben theoretisch zu einem starken Dollar führen – hängt aber von vielen Faktoren ab, beispielsweise, inwieweit sich die USA vom Welthandel abkapselt. Man darf eins nicht vergessen: China ist weltweit das Land mit den größten US-Dollar-Beständen. Wenn die USA nun auf chinesische Waren hohe Zölle verhängen, haben die Chinesen vielleicht keine Lust mehr, US-Dollar zu kaufen oder zu halten mit entsprechenden Folgen für den Dollarkurs. Das sind komplizierte Wechselwirkungen.

China ist ein wichtiger Motor der Weltwirtschaft. Nun geht dort das Wachstum zurück. Wie sehen Sie die Entwicklung in diesem Land?
Nico Hamm: China ist ein entscheidender Player in der Weltwirtschaft, ganze Branchen hängen von China ab – beispielsweise die Rohstofflieferanten. Aber auch China orientiert sich neu und baut nun die heimische Kohleförderung aus. Die chinesische Wirtschaft wächst immer noch mit etwa 6,5 Prozent pro Jahr, da mache ich mir keine Sorgen. Die Frage ist, wie entwickelt sich China langfristig weiter? Das Land will nicht mehr nur Werkbank sein, stattdessen soll der Dienstleistungssektor wachsen – ein interessanter Transformationsprozess. Spannend ist auch, wie sich die Zusammenarbeit zwischen China, USA und Russland gestaltet.

Werden 2017 für Privatkunden in Deutschland Strafzinsen eingeführt?
Nico Hamm: Noch sind Strafzinsen für Privatpersonen eine Art heiliger Gral der deutschen Finanzwirtschaft. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir das flächendeckend bekommen. Allerdings verlangen einzelne Institute bei höheren Vermögen und bei institutionellen Kunden bereits Verwahrentgelte. Andere Banken versuchen, ihre Ergebnisse über Gebührenmodelle zu stabilisieren. Die Banken müssen reagieren, weil die EZB ebenfalls einen Strafzins verlangt. Allein können sie diese Last nicht schultern.

Gerade Stiftungen leiden unter der Niedrigzinsphase. Was empfehlen Sie denen?
Nico Hamm: Es gibt eigens für Stiftungen – die bei der Geldanlage strengen Regularien unterworfen sind – gemanagte Fonds, die einen gewissen Aktienanteil haben und darüber Erträge erwirtschaften. Unser eigener Stiftungsfonds hat 2016 eine Rendite von 1,62 Prozent erwirtschaftet und konnte zusätzlich einen Wertzuwachs von 4,80 Prozent erzielen. Wichtig ist, dass die Stiftungen regelmäßig ihre Anlagevorschriften überprüfen. Manche sind einfach veraltet.

Brasilien, Russland, Indonesien – die Hoffnungen in diese Emerging Markets wurden zuletzt enttäuscht. Schaffen diese Länder den Weg zurück zum Wachstum?
Nico Hamm: Die Staaten prosperierten aufgrund des Rohstoffbooms. Der ist vorerst vorbei. Derzeit ist unklar, wie es da weitergeht.

Was ist mit Gold?
Nico Hamm: Gold ist traditionell eine gute Krisensicherung und bleibt für mich in kleinem Umfang Teil einer Anlagestrategie.

Wo steht der Dax Ende 2017?
Nico Hamm: Ich glaube, wir werden im Lauf des Jahres die 10.000-Punkte-Marke noch einmal testen. Ende 2017 stehen wir dann aber über 11.000, jedoch unter 12.000 Punkten.