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Ausblick 2017: Eurozone
26.01.2017

Wahlen in Frankreich und in den Niederlanden sowie der Beginn der Brexit-Verhandlungen sorgen an den Finanzmärkten für Unsicherheit. Zweifel über die Zukunft der Eurozone führt gemäß unserer Prognose zu niedrigeren Renditen bei den Bunds in den ersten sechs Monaten des Jahres.

Der Élysée-Palast in Paris ist der Amtssitz des französischen Präsidenten. Am 07. Mai wählt die Republik ein neues Staatsoberhaupt.

Der Élysée-Palast in Paris ist der Amtssitz des französischen Präsidenten. Am 07. Mai wählt die Republik ein neues Staatsoberhaupt – für Unsicherheit in der Eurozone sorgt unter anderem, dass die Kandidatin Marine Le Pen einen Ausstieg aus der EU anstrebt (© Getty Images)

Das Jahr 2017 verspricht in der Eurozone ein hochpolitisches zu werden. Das gilt ganz besonders für die erste Jahreshälfte, wo in den Niederlanden, in Frankreich und möglicherweise in Italien gewählt wird und es zu Finanzmarktturbulenzen kommen könnte. Diesen Ländern ist eine relativ starke populistische und antieuropäische Parteienbewegung gemeinsam. Der Beginn der Brexit-Verhandlungen könnte die Situation zusätzlich destabilisieren. Von dieser Stimmungslage hängt auch der Wachstumsausblick ab, der für das erste Halbjahr eingetrübt, im zweiten Halbjahr angesichts eines ruhigeren politischen Umfelds aber freundlicher ist. Die Unsicherheit über die Zukunft der Eurozone führt gemäß unserer Prognose zu niedrigeren Renditen bei den Bunds in den ersten sechs Monaten des Jahres. Im zweiten Halbjahr dürften sich die Renditen dem Aufwärtstrend aus den USA anschließen. Konjunkturell wird die Eurozone gemäß unserer Prognose an die relativ hohe Dynamik des vierten Quartals 2016 wieder anschließen. Von der Bundestagswahl in Deutschland im September 2017 erwarten wir kein Störfeuer für die Märkte. Über das Gesamtjahr ergibt sich wahrscheinlich ein Wirtschaftswachstum von etwa 1,3 % (2018: 1,5 %). Die Europäische Zentralbank (EZB) wird ihre Ankündigung umsetzen und das Anleiheankaufprogramm bis Ende 2017 fortsetzen, ab April mit einem geringeren Volumen von 60 Mrd. Euro pro Monat. Der Leitzins und der Einlagenzinssatz sollten über das gesamte Jahr unverändert bleiben.

Eine derartige Dichte politisch brisanter Ereignisse ist selten: Am 15. März finden in den Niederlanden Parlamentswahlen statt. Frankreich wählt am 23. April und – in der voraussichtlichen Stichwahl – am 07. Mai einen neuen Präsidenten. Auch in Italien könnte gewählt werden, nachdem Ministerpräsident Renzi zurückgetreten ist. Im März könnten zudem die Verhandlungen über den Brexit beginnen. Weiter geht es um die Stabilisierung des Bankensektors insbesondere in Italien, was letztlich auch zu einem politischen Problem werden könnte. Und dann ist da noch Griechenland: Der IWF möchte einem neuen Abkommen fernbleiben, solange Deutschland nicht bereit ist, einem Schuldenschnitt zuzustimmen.

Das größte Destabilisierungspotenzial geht von Frankreich aus. Auch wenn wir nicht davon ausgehen, dass die Kandidatin des rechtspopulistischen Front National, Marine Le Pen, die Stichwahl zur Präsidentenwahl gewinnen wird, sind die überraschenden Ergebnisse der Urnengänge aus dem Jahr 2016 – Brexit-Referendum und Trump-Wahl – Grund genug, sich über eine mögliche Präsidentin Le Pen Gedanken zu machen. Immerhin strebt Le Pen erklärtermaßen einen Ausstieg aus der EU an, worüber sie in einem Referendum abstimmen lassen will. Der Gegenkandidat auf Seiten der Konservativen ist François Fillon, der von den Republikanern in Vorwahlen Ende November mit einer klaren Mehrheit zum Präsidentschaftskandidaten bestimmt wurde. Bei den Sozialisten wird erst Ende Januar in Vorwahlen abgestimmt, wer von den derzeit sieben Kandidaten ins Rennen geschickt wird. Als Favorit wird der beim linken Flügel unbeliebte ehemalige Ministerpräsident Manuel Valls gehandelt. Mit einer eigenen Partei geht zudem der europafreundliche und als Reformer bekannte Emmanuel Macron ins Rennen. Präsident Francois Hollande wird nicht erneut kandidieren.

Auch wenn unklar ist, ob die niederländische Verfassung ein Referendum über die Mitgliedschaft in der EU zulässt, würde ein Erstarken der europafeindlichen Freiheitspartei unter der Leitung von Rechtspopulisten Geert Wilders die Finanzmarktteilnehmer sicherlich beunruhigen. Immerhin hat die niederländische Bevölkerung das EU-Assoziierungsabkommen der Ukraine in einem Referendum abgelehnt. Übersehen wird jedoch häufig, dass das Land traditionell – so die Umfragen der letzten Jahre – eines der Länder mit der geringsten Ablehnungsrate gegenüber der EU ist.

In Italien sorgt die Fünf-Sterne-Bewegung M5S für Nervosität, nachdem Matteo Renzi in Folge eines verloreneren Verfassungsreferendums Anfang Dezember den Rücktritt eingereicht hatte. Renzis Nachfolger ist Paolo Gentiloni, bisher Außenminister unter Renzi. Letzterer hat möglichst baldige Neuwahlen angekündigt. Frühestens werden diese vermutlich im Juni 2017 stattfinden, denn – so wird in den Medien kolportiert – bei einem früheren Zeitpunkt würden die Pensionsansprüche vieler Parlamentarier verfallen. M5S scheint gute Chancen zu haben zur stärksten Partei aufzusteigen. Wenngleich der inoffizielle Parteichef Beppe Grillo ein Referendum über die Euro-Mitgliedschaft angekündigt hat, scheint die Euro-Skepsis nicht das identitätsstiftende Element dieser Bewegung zu sein. Vielmehr geht es ihr in erster Linie um die Bekämpfung der politischen Korruption. Ein Sieg der M5S bei möglichen Neuwahlen könnte aber die Volatilität an den Finanzmärkten erhöhen, zumal der Bankensektor äußerst fragil ist.

Konjunktur im Schatten der Politik

Was macht ein Unternehmer, wenn die Gefahr besteht, dass der zweitwichtigste Handelspartner Frankreich bald von einer populistischen Präsidentin Marine Le Pen mit Euro-Austrittsabsichten regiert werden könnte? Abwarten. Genau das ist für das erste Halbjahr zu erwarten, was sich in einer stagnierenden oder nur sehr gedämpften Investitionsentwicklung in Deutschland und in anderen Euro- Ländern zeigen sollte. Auch der Beginn der Brexit-Verhandlungen dürfte vorübergehend zu einer Investitionszurückhaltung führen, bis man genauer abschätzen kann, wie das neue institutionelle Setting zwischen Großbritannien und der EU aussehen könnte. Im zweiten Halbjahr sollte die Beruhigung der politischen Lage wieder zu mehr Zuversicht führen und die Nachfrage nach Investitionsgütern stärken. Dem privaten Konsum sollte über das gesamte Jahr eine stabilisierende Rolle zukommen, wobei auch dieser sich vermutlich im zweiten Halbjahr etwas freundlicher entwickeln wird. Das Wirtschaftswachstum dürfte über das gesamte Jahr gesehen nicht höher als 1,3 % liegen. Die Weltwirtschaft, die für die Eurozone von großer Bedeutung ist, erholt sich zusehends und hilft dabei, interne Nachfrageausfälle zu kompensieren.

Gedämpfter Inflationsausblick

Die Schließung der Output-Lücken, die in Italien und Spanien mit vier bis fünf Prozent noch besonders groß sind, aber auch in Frankreich immerhin bei 2,3 % liegt, sollte sich zunächst verlangsamen. Dies hat Implikationen für die Inflation: Sie wird nur langsam steigen und per Ende 2017 lediglich bei 0,9 % liegen, nach voraussichtlichen 0,7 % im Dezember 2016. Die häufig gehörte Prognose, die Inflation werde aufgrund eines steigenden Ölpreises stärker steigen, teilen wir nicht. Zwar wird die Teuerungsrate in Folge höhere Ölpreise kurzfristig tatsächlich höher ausfallen und sogar die 1-Prozent-Marke übersteigen. Dies beruht jedoch auf einem Basiseffekt (der Ölpreis war in der ersten Jahreshälfte 2016 besonders niedrig), der zur Mitte des Jahres auslaufen wird. Darüber hinaus gehen wir in unserer Ölpreisprognose davon aus, dass die Sorte Brent bald wieder auf unter 50 US-Dollar/Barrel sinken wird. Der Euro-Wechselkurs wiederum dürfte nur kurzzeitig die Parität gegenüber dem US-Dollar erreichen, um dann in der zweiten Jahreshälfte wieder an Stärke zu gewinnen. Auch dies dämpft den Inflationsausblick.

Geldpolitik: Weniger Handlungsdruck für Mario Draghi

Für EZB-Chef Mario Draghi könnte es in diesem Jahr etwas entspannter zugehen. Die wichtigsten Maßnahmen für 2017 wurden augenscheinlich bereits beschlossen: Das Anleiheankaufprogramm wird mindestens bis Ende 2017 fortgeführt, wobei bis März 80 Mrd. Euro pro Monat und ab April 60 Mrd. Euro pro Monat an Anleihen auf die Bilanz genommen wird. Beschlossen wurde zudem, dass auch Anleihen mit einer Mindestrestlaufzeit von einem Jahr gekauft werden können (die Mindestrestlaufzeit betrug bislang zwei Jahre). Wenngleich sich die Konjunktur im ersten Halbjahr abschwächen sollte, wird Draghi vermutlich keine zusätzlichen Maßnahmen ergreifen.

Kommt es aber lediglich zu temporären Finanzmarktturbulenzen, wird die EZB die Füße vermutlich still halten. Schon Ende 2017 dürfte Draghi dann die Tapering-Strategie für 2018 ankündigen. Diese könnte beispielsweise so aussehen, dass die Anleiheankäufe ab Anfang 2018 Monat für Monat um 10 Mrd. Euro reduziert werden, sodass bereits nach einem halben Jahr keine weiteren Anleihen angekauft werden. Der Einlagenzins könnte in der zweiten Jahreshälfte 2018 angehoben werden, der Leitzins erst 2019.

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