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Auf einen Espresso mit ...
13.01.2017

Cyrus de la Rubia sagt im Interview, warum die im Dezember stark gestiegene Inflationsrate in Deutschland vorerst kein Anlass zu größeren Sorgen ist.

Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank (Foto: HSH Nordbank)

Die Inflationsrate lag in Deutschland im Dezember im Jahresvergleich bei 1,7 Prozent. Müssen wir uns Sorgen machen?
Dr. Cyrus de la Rubia: Diese Inflationsrate hat hauptsächlich mit den gestiegenen Energiepreisen zu tun. Allerdings gibt es auch interne Faktoren: Die Auslastung in der deutschen Industrie ist hoch, die Arbeitslosenrate liegt bei unter fünf Prozent, es gab zuletzt für die Arbeitnehmer attraktive Tarifabschlüsse. Das trägt zu Preissteigerungen bei, ist aber gleichzeitig ein Zeichen für eine recht gesunde Wirtschaft.

Weshalb?
Dr. Cyrus de la Rubia: Wenn es in einer Branche freie Kapazitäten gibt, wagen es Unternehmen nicht, die Preise anzuheben, weil sie fürchten, dass ein Konkurrent ihnen Marktanteile streitig macht. In einer gut ausgelasteten Wirtschaft erhöht der Unternehmer eher den Preis.

Ist es nicht ungewöhnlich, einen Zinssatz von quasi null zu haben und gleichzeitig eine Inflation?
Dr. Cyrus de la Rubia: Wir sprechen bei den 1,7 Prozent über Deutschland im Dezember 2016. Für die Europäische Zentralbank ist aber die Inflation im gesamten Euroraum maßgeblich – dort lag sie im Dezember bei 1,1 Prozent. Das Ziel der EZB ist eine jährlich Inflationsrate von knapp zwei Prozent – davon sind wir noch entfernt. Insofern ist eine lockere Geldpolitik nicht ungewöhnlich.

Die lockere Geldpolitik führt dazu, dass die Sparer keine Zinsen mehr bekommen. Knapp zwei Prozent Verlust im Jahr in Deutschland – das ist ganz schön viel.
Dr. Cyrus de la Rubia: Stimmt, das ist für die Sparer eine missliche Situation. Dass die Inflation über den Sparzinsen liegt, gab es in den vergangenen Jahrzehnten aber immer mal wieder. Die Sparer müssen sich generell überlegen, ob sie mehr in Aktien investieren wollen. Dort sind höhere Renditen möglich.

Spürbare Inflation und null Zinsen auf dem Sparbuch – wird das auf absehbare Zeit so bleiben?
Dr. Cyrus de la Rubia: Die EZB hat ihr Anleiheankaufprogramm bis Dezember 2017 verlängert. Solange das steht, wird der Leitzins nicht verändert. Die ersten Leitzinserhöhungen – und daran orientieren sich die Sparzinsen – erwarte ich nicht vor 2018. Die Entwicklung der Inflation hängt aber stark von den Energiepreisen ab – aktuell liegt der Ölpreis etwa 60 bis 70 Prozent über dem Vorjahresniveau. Schon in der zweiten Jahreshälfte wird dieser Effekt aber auslaufen, so dass der Inflationsdruck nachlassen dürfte.

Welche Rolle spielen die gestiegenen Immobilienpreise bei der Inflation?
Dr. Cyrus de la Rubia: Die haben über die Mieten eine gewisse Bedeutung, allerdings wird ein Schnitt aus Bestands- und Neumieten gebildet. Ansonsten werden die Preissteigerungen bei Immobilienpreisen nicht berücksichtigt. Dabei haben wir bei Immobilien seit 2011 eine durchschnittliche Preissteigerung von fünf Prozent – die fließt aber nirgends ein.

Das heißt, wer jetzt ein Haus kaufen will, erlebt eine viel höhere Inflation – die wird aber gar nicht dokumentiert.
Dr. Cyrus de la Rubia: Genau. Wenn es um die Frage geht, ob mein Geld weniger wert wird, spürt das ein potentieller Hauskäufer sehr stark – der Hausbesitzer erlebt freilich eine Vermehrung seines Vermögens.

Hat die vom künftigen US-Präsidenten Donald Trump angekündigte Wirtschaftspolitik Auswirkungen auf die Inflation?
Dr. Cyrus de la Rubia: Das wird gerade sehr lebhaft diskutiert. Zum einen, weil Trump ein großes Konjunkturprogramm durch Steuersenkungen plant, was den Konsum erhöhen und die Preise treiben dürfte. Sein anvisiertes Infrastrukturprogramm kann den gleichen Effekt haben. Dazu kommt der befürchtete Protektionismus: Zölle könnten Importe verteuern. Und wenn Firmen beispielsweise gezwungen werden, in den USA statt in Mexiko zu produzieren und ihnen dadurch höhere Kosten entstehen, werden sie diese weitergeben – das führt ebenfalls zu höheren Preisen und zu Inflation. Inwieweit das in Europa durchschlägt, hängt jedoch stark von der Entwicklung des Wechselkurses zwischen US-Dollar und Euro ab. Bei einer ausgeprägten Schwäche des Euros, die wir nicht erwarten, würde der Inflationsdruck steigen.