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Fokusthema
23.01.2017

"Sollte die künftige US-Regierung auf Konfrontationskurs mit China gehen, dann dürfte China ökonomische Interessen hinten an stellen und robuste Gegenmaßnahmen ergreifen", meint Gast-Researcher Christoph Altmeppen.

Die Metropole Shanghai ist ein Symbol für den wirtschaftlichen Erfolg Chinas (© Getty Images)

Die Metropole Shanghai ist ein Symbol für den wirtschaftlichen Erfolg Chinas (© Getty Images)

Robert Lighthizer, Wilbur Ross und Peter Navarro sind die Personen, die entweder als Kabinettsmitglieder oder in beratender Funktion die zukünftige amerikanische Handelspolitik unter Donald Trump prägen werden. Alle genannten sind Befürworter des Protektionismus und haben auch bereits Erfahrung damit, die Interessen amerikanischer Unternehmen gegen Konkurrenz aus Übersee zu verteidigen.

Das protektionistische Triumvirat

Der zukünftige Handelsminister Wilbur Ross ist vermutlich noch der gemäßigtste dieses Dreigespanns. Er will zwar das US-Handelsdefizit senken und Handelsabkommen bilateral neu verhandeln, ist ansonsten jedoch durchaus ein Befürworter des internationalen Warenverkehrs und Gegner von Zöllen. Einen Handelskrieg will er vermeiden. Trump selbst kündigte während seiner Kampagne Importzölle bis zu 45 % gegenüber China an; in einem Strategiepapier bezeichneten Navarro und Ross Zölle zunächst nur als "Verhandlungsmasse" gegenüber China.

Lighthizer, der als zukünftiger Handelsbeauftragter der Vereinigten Staaten die Verhandlungen mit anderen Ländern führen wird, hat früher für US-Stahlunternehmen Prozesse und dutzende Antidumping-Verhandlungen vor der WTO (welcher er eine anti-amerikanische Tendenz unterstellt) geführt und die ursprüngliche und "erfolgreiche" protektionistische Ausrichtung republikanischer Koryphäen wie Reagan und Roosevelt gelobt.

Navarro, einer der ersten und wenigen Unterstützer und Berater Trumps aus dem akademischen Lager, wurde zum Vorsitzenden des Nationalen Rats für Außenhandel berufen, der extra für ihn geschaffen wurde. Er äußert sich schon lange sehr kritisch gegenüber China, was auch die Titel seiner Bücher wie "Death by China" nahelegen; letzteres wurde sogar als Dokumentarfilm aufgelegt und schon 2011 von Trump gepriesen. In seinen Texten propagiert Navarro eine neo-merkantilistische Sichtweise auf internationalen Handel: Der Handel mit China sei für Amerika ein Verlustgeschäft. Durch die Androhung und notfalls auch die Verhängung hoher Importzölle könnten chinesische Exporte aufgehalten werden und amerikanische Unternehmen würden wieder Werke in den USA bauen.

Peking erwägt Gegenmaßnahmen

In Peking hält man bisher die Realisierung der scharfen protektionistischen Ankündigungen für unwahrscheinlich, denkt jedoch laut über Konsequenzen im Falle einer protektionistischen Eskalation nach. Für diesen Fall stehen den Chinesen wirksame Hebel zur Verfügung.

Einschränkung des Marktzugangs, Bedrohung der Wertschöpfungsketten

China könnte zunächst einfach das Streitbeilegungsverfahren der WTO in Anspruch nehmen, was jedoch erfahrungsgemäß viel Zeit in Anspruch nimmt. Wahrscheinlicher sind direkte Maßnahmen wie die Beschränkung von Importen und den Verkauf amerikanischer Produkte in China. Hier bieten sich Antidumping-Maßnahmen (aufwendige Fragebögen etc.) und Countervailing Duties (Anti-Subventions-Zölle) an. Angewandt auf die meistgehandelten Produkte wären davon verschiedene amerikanische Unternehmen betroffen: Im Luftfahrtsektor wäre Boeing prädestiniert, dessen Kontrakte durch Airbus ersetzt werden könnten. Das würde sich als Sprengstoff erweisen, denn China wird zu einem Billionen-Dollar-Luftfahrtmarkt und will in den kommenden Jahren mehrere tausend Flugzeuge kaufen. Auch für General Motors ist der chinesische Markt wichtig; hier verkauft es fast 50 % mehr Autos als in den USA. Ähnliches gilt für Apple: Der chinesische iPhone-Markt ist größer als der amerikanische. Für Apple und GM ist China nicht nur ein wichtiger Markt, sondern auch ein entscheidender Produktionsstandort. China könnte diese Wertschöpfungsketten bedrohen, was durch Antitrust-Maßnahmen oder sonstige schärfere Gesetze erreicht werden könnte. Apple hat langfristig die Möglichkeit zum Beispiel nach Vietnam auszuweichen, Nike nach Indonesien. Kurzfriste Produktionsverlagerungen sind möglich, aber sicherlich mit deutlich höheren Kosten verbunden. Auch die Sojabranche der USA ist sehr exponiert: 60 % aller US-Sojaexporte fließen nach China, welche zumindest teilweise von argentinischen und brasilianischen Importen ersetzt werden könnten. Ebenso könnten amerikanische Produzenten auch andernorts auf dem Weltmarkt verkaufen, was jedoch nur mit niedrigeren Preisen vereinbar wäre und nicht von heute auf morgen geschähe.

Beschränkung essentieller Exporte

Die chinesische Regierung könnte essenzielle Exporte zurückhalten, beispielsweise Seltene Erden, welche zu 97 % nur in China abgebaut werden. Diese werden u.a. für Hybridautos, Windturbinen oder Militärequipment wie Lenkraketen benötigt. Sie sind daher von großer ökonomischer und militärstrategischer Bedeutung. Die USA importieren zwar Seltene Erden weniger direkt aus China, sondern eher über Zwischenprodukte aus Japan, welche dann Eingang in die US-Produktion finden. Diese könnten über diesen Umweg trotzdem von China beschränkt werden. Bereits 2010 wurde dies von China als Druckmittel in Spannungen mit Japan benutzt.

Schulden in chinesischem Besitz als Druckmittel?

Auch die von China seit Anfang der 2000er Jahre angehäuften US-Schulden waren immer wieder als Machthebel der chinesischen Regierung im Gespräch. Zwar ist nicht exakt bekannt, wie die Struktur des chinesischen Wertpapierbesitzes aussieht, aus Schätzungen und den US-Statistiken geht jedoch hervor, dass über zwei Drittel davon aus US-Anleihen besteht, wovon wieder ca. 70 % Treasuries sind, deren Umfang sich momentan auf 1,116 Billionen US-Dollar beläuft (Oktober 2016). Ein massiver Verkauf von US-Schulden seitens Chinas hätte die Abwertung des Dollars sowie einen Anstieg der Zinsen zu Folge. Während ersteres positive und negative Effekte gleichermaßen nach sich ziehen würde, stellt letzteres durchaus eine Gefahr für die US- und Weltwirtschaft dar. Allerdings ist der Anteil von US-Schulden, der sich im Besitz Chinas befindet, seit 2011 stetig gesunken, insbesondere, als die chinesische Notenbank sich im vergangenen Jahr aufgrund des Abwertungsdrucks auf den Renminbi von vielen Beständen trennte. Und zweitens ist ein solches Manöver für die Chinesen selbst sehr risikoreich: Der Wert ihrer restlichen Bestände könnte großen Schaden nehmen. Desweiteren ist der US-Kapitalmarkt der einzige, der den immer noch riesigen chinesischen Sparüberschuss überhaupt absorbieren kann.

Machtpolitik wichtiger als ökonomische Überlegungen

Sollte die künftige US-Regierung auf Konfrontationskurs mit China gehen, dann dürfte China ökonomische Interessen hinten an stellen und robuste Gegenmaßnahmen ergreifen. Interne Machtpolitik ist für China beziehungsweise Präsident Xi Jinping wichtiger als die Bewahrung des internationalen Handels. Er kann es sich nicht leisten, nachzugeben, da er intern sein Gesicht wahren muss; insbesondere im Hinblick auf den kommenden alle fünf Jahre stattfindenden Parteitags Ende 2017, auf dem er seine Machtbasis festigen will. Ein Handelskrieg ist somit nicht mehr auszuschließen, auch wenn dies nicht unser Basisszenario darstellt.