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28.12.2016

Politische Unsicherheit bestimmt den Ausblick auf die Finanzmärkte 2017. Dies gilt sowohl für die USA als auch für die Eurozone. Wahlen und Populismus dürften das Bild bestimmen, erwartet Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank.

Das Jahr 2017 wird ein hochgradig politisches Jahr mit vielen offenen Fragen, von deren Beantwortung der Konjunkturausblick und die Aussichten für die Finanzmärkte so stark abhängen wie selten zuvor.

Kommt es zu einem Handelskrieg zwischen den USA und China?

Der designierte US-Präsident Trump hat im Wahlkampf angekündigt, chinesische Importe mit einem Zollsatz von bis zu 45 % zu belegen. Würde Trump diese Ankündigung wahr machen, würde China mit Sicherheit Gegenmaßnahmen ergreifen, ein Handelskrieg wäre sehr wahrscheinlich. Für den US-Präsidenten wäre dies jedoch politischer Selbstmord. Immerhin gehen 8 % der amerikanischen Exporte nach China und die US-Konsumenten würden wesentlich höhere Preise insbesondere für (die überwiegend aus China importierten) Konsum-Güter zahlen. Mindestens ebenso schwer wiegt, dass internationale über jahrzehnte aufgebaute Wertschöpfungsketten von Technologieunternehmen mit einem Handstreich zerstört würden. Zudem hat China ein weiteres Druckmittel in der Hand, da es nach Japan der größte Gläubiger der USA ist. Ist die ganze Protektionismus-Diskussion viel Lärm um Nichts? Nein. Die Welt wird protektionistischer werden. Handelsabkommen werden in Frage gestellt und ggf. neu verhandelt. Der neue Handelsminister Wilbur Ross hatte sich bereits im Wahlkampf dafür eingesetzt. Außerdem wird die USA für bestimmte Importgüter aus China stärker als bisher Strafzölle bei der WTO beantragen. Langfristig dürften diese Maßnahmen den internationalen Handel und das weltwirtschaftliche Wachstum beeinträchtigen. Mit einem breit angelegten Handelskrieg rechnen wir jedoch nicht.

Stehen wir vor einer Eurokrise 2.0?

Die Angst vor einer neuen Eurokrise könnte das erste Halbjahr 2017 bestimmen. Anlass dazu sind die Wahlen in den Niederlanden (März), in Frankreich (April/ Mai) und möglicherweise in Italien. In diesen Ländern vereinigen populistische Parteien laut Umfragen bis zu einem Drittel aller Stimmen auf sich. Italien ist aufgrund seiner hohen Staatsverschuldung besonders exponiert gegenüber einer politisch motivierten Kapitalflucht. In Frankreich verunsichert die Rechtspopulistin Marine Le Pen mit ihrer Forderung nach einem EU-Austrittsreferendum die Märkte und in den Niederlanden erfreut sich der Chef der europakritischen Freiheitspartei, Geert Wilders, großer Beliebtheit. Eine Eurokrise 2.0. erwarten wir dennoch nicht, u.a. weil die Eurozone und die EZB zahlreiche Rettungsmechanismen entwickelt haben. Dazu zählen der ESM-Fonds sowie das OMT-Programm der EZB, das es ihr ermöglicht, unabhängig von dem QE-Programm Anleihen eines spezifischen Landes zu erwerben.

Wird Marine Le Pen die nächste Präsidentin Frankreichs?

Am 23. April wird der erste Wahlgang zur Präsidentschaftswahl in Frankreich stattfinden. Wenn keiner der Kandidaten eine absolute Mehrheit erhält – was seit dem Bestehen der fünften Republik seit 1965 noch nie der Fall war –,  kommt es am 7. Mai zu einer Stichwahl. Angesichts hoher Umfragewerte stehen die Chancen gut, dass die Rechtspopulistin Marine Le Pen vom Front National in die zweite Runde kommt. Grundsätzlich könnte der Spitzenkandidat der Republikaner (denen der Ex-Präsident Sarkozy angehört), François Fillon, gegen Le Pen antreten. Der Präsidentschaftskandidat der Sozialisten wird erst Ende Januar in Vorwahlen bestimmt. Das Mehrheitswahlrecht war bislang in Frankreich ein Garant dafür, dass Kandidaten mit radikalen Positionen keine Chance hatten. Auch für diese Wahl gehen wir von diesem Muster aus, so dass Marine Le Pen nicht Präsidentin werden sollte. Das überraschende Ergebnis des Brexit-Referendums sowie die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten können jedoch nicht ignoriert werden. Im Vorfeld der Präsidentschaftswahl wird daher die Angst vor einer Wahl Marine Le Pens um sich greifen und möglicherweise Turbulenzen an den Finanzmärkten auslösen.

Kann Italien seinen Bankensektor stabilisieren?

Italien hat einen Bestand an faulen Krediten von 370 Mrd. Euro, etwa einem Drittel der leistungsgestörten Darlehen in der gesamten Eurozone. Die Bank Monte dei Paschi benötigt eine Rekapitalisierung von fünf Mrd. Euro bis zum Jahresende 2016, nachdem sie den EBA-Stresstest im Sommer nicht bestanden hatte. Eine Reihe kleinerer Banken muss ebenfalls rekapitalisiert werden. Das Problem wird noch durch eine Besonderheit verschärft: In Italien halten private Haushalte etwa ein Drittel der 600 Mrd. Euro ausstehenden Anleihen und die Hälfte der 60 Mrd. Euro nachrangiger Anleihen. In anderen Ländern sind diese Titel in der Regel in den Händen institutioneller Investoren. Die politische Schwierigkeit besteht darin, auf der einen Seite die neuen EU-Regeln zur Bankenabwicklung zu befolgen (private Investoren müssen zunächst an den Verlusten beteiligt werden) und auf der anderen Seite die Ersparnisse der privaten Haushalte zu schonen, da es andernfalls zu einem Aufschrei in der Bevölkerung kommen dürfte. Vor diesem Hintergrund erwägt die italienische Regierung, einen Bankenrettungsfonds mit 20 Mrd. Euro auszustatten, um im Notfall den Bankensektor zu stabilisieren. Eine Variante ist, die privaten Haushalte an den Verlusten zu beteiligen und sie anschließend zu entschädigen. Im Endeffekt dürfte die Bankenkrise unter Kontrolle bleiben.

Droht in China eine Finanzmarktkrise wegen Überschuldung?

In China ist die Verschuldung des Unternehmenssektors mit über 160 % des BIP eine der höchsten weltweit. 2009 lag dieser Wert noch bei 100 % des BIP. Einige Markteilnehmer sorgen sich daher um die Stabilität des chinesischen Finanzmarktsektors, zumal der Immobilienmarkt einen überhitzten Eindruck macht. An den Finanzmärkten sind tatsächlich Verspannungen festzustellen. Abzulesen ist dies an der Währungsabwertung, dem Abschmelzen der Währungsreserven im Oktober und November sowie an schärferen Kapitalverkehrsbeschränkungen. Dennoch ist eine offene Finanzmarktkrise wenig wahrscheinlich. Abgesehen davon, dass die Währungsreserven mit über 3000 Mrd. US-Dollar immer noch ungewöhnlich hoch sind und der Staat sich gegen Kapitalflucht eben mit Beschränkungen beim Kapitalverkehr wehren kann, erlaubt es die staatliche Kontrolle des Banken-  und weiter Teile des Unternehmenssektors, in relativ schlanker Weise ggf. eine Restrukturierung von Schulden durchzuführen und auf diese Weise Liquiditätsprobleme zu vermeiden.

Wird 2017 das Jahr der Zinswende?

In den USA erwarten wir zwei weitere Zinsanhebungen durch die Fed, während die EZB die Füße still halten dürfte. Die langfristigen Zinsen werden sowohl dies- als auch jenseits des Atlantiks etwas höher ausfallen. Dieser Trend dürfte sich auch im Jahr 2018 fortsetzen, so dass man in der Tat von einer Zinswende sprechen kann.

Wird der Euro unter die Parität rutschen?

Die politische Unsicherheit in der ersten Jahreshälfte wird vermutlich maßgeblich dazu beitragen, dass der Euro noch weiter abwertet. Per Mitte des Jahres sehen wir den Euro bei 1,00 US-Dollar. In der zweiten Jahreshälfte sollte der Euro angesichts eines ruhigeren politischen Umfelds wieder an Wert gewinnen, zumal es auch konjunkturell stärker aufwärts gehen sollte und die EZB den Beginn des Ausstiegs aus dem Anleiheankaufprogramms (Tapering) ankündigen dürfte.

Kann die OPEC den Ölpreis auf über 60 US-Dollar/Barrel steuern?

Nach der Einigung der OPEC auf eine Begrenzung der Förderung für ein halbes Jahr sind die Ölpreise über 50 US-Dollar gestiegen. Dies ist vermutlich nicht nachhaltig, da die Fracking-Industrie in Reaktion auf den Preissprung ihre Investitionstätigkeit wieder erhöht hat und die Förderung bereits ausgeweitet wurde. Schon bald dürfte der Ölpreis wieder unter Druck geraten und unter die Marke von 50 US-Dollar/Barrel fallen. Erst Ende 2018 dürfte die Sorte Brent die Preisschwelle von 50 US-Dollar/Barrel nachhaltig überschreiten.