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Auf einen Espresso mit ...
06.12.2016

Cyrus de la Rubia sagt im Interview, warum er nach dem Scheitern des Referendums in Italien mit unsicheren Zeiten, nicht aber mit einer scharfen Krise wie in Griechenland rechnet.

Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank (Foto: HSH Nordbank)

Was bedeutet das Scheitern des Verfassungsreferendums in Italien für die EU?
Dr. Cyrus de la Rubia: Ganz genau lässt sich das noch nicht sagen: Finden vorgezogene Neuwahlen statt oder wird es eine Übergangregierung bis 2018 geben, dem geplanten Wahltermin? Vorgezogene Neuwahlen könnten die populistische 5-Sterne-Bewegung stärken, die wiederum angekündigt hat, über die Mitgliedschaft Italiens im Euroraum abstimmen lassen zu wollen. Das wäre natürlich ein bedrohliches Szenario für Europa und die gemeinsame Währung.

Das ist die politische Ebene - wie sieht es auf der wirtschaftlichen Seite aus?
Dr. Cyrus de la Rubia: In Italien benötigen einige Banken neues Eigenkapital. Das zu beschaffen, ist in dieser wirtschaftlich unsicheren Situation besonders schwierig. Es steht durchaus eine Verstaatlichung von Banken zur Diskussion sowie ein Bail-in, also die Beteiligung privater Gläubiger an den Verlusten der Banken.

Kann Italien ein neues Griechenland werden?
Dr. Cyrus de la Rubia: Das glaube ich nicht. Zum einen hat Italien eine ganz andere wirtschaftliche und industrielle Substanz als Griechenland, denken Sie an den Norden Italiens. Zum anderen würde die Europäische Zentralbank (EZB) eine große Krise verhindern. Im Notfall könnte die EZB sogar italienische Bankanleihen aufkaufen, um eine offene Bankenkrise zu verhindern. Gleichzeitig könnte das Land am sogenannten OMT-Programm teilnehmen, das es der EZB erlaubt, von Italien Staatsanleihen über das laufende Ankaufprogramm hinaus zu kaufen. Im Gegenzug - so sieht es das OMT-Programm vor - müsste Italien einen Rettungsantrag bei der EU-Kommussion stellen und bestimmte Reformbedingungen erfüllen. Insgesamt gibt es heute für die EZB viel mehr Möglichkeiten, stabilisierend einzuwirken, als zum Zeitpunkt der Griechenland-Krise.

Also kann man sich in Sicherheit wiegen?
Dr. Cyrus de la Rubia: So weit würde ich nicht gehen. Italien hat Schulden von etwa 2.000 Milliarden Euro und wenn die EZB beginnt, im Rahmen des OMT-Programms verstärkt italienische Bonds anzukaufen, dann ist das in jedem Fall eine politisch brisante Maßnahme. Man kann auch nicht garantieren, dass Italien bereit wäre, einen Rettungsantrag zu stellen. Ohne Rettungsantrag würde sich die Krise dann unweigerlich verschärfen.

Premierminister Renzi ist als Hoffnungsträger angetreten, nun ist er bereits gescheitert. Weshalb?
Dr. Cyrus de la Rubia: Es ist ihm nicht gelungen, den versprochenen Wirtschaftsaufschwung einzuleiten. Darauf hat das Land gehofft. Stattdessen produziert Italien etwa acht Prozent weniger an Gütern und Dienstleistungen als 2008. Da Renzi das Verfassungsreferendum aber unklugerweise mit seinem persönlichen, politischen Schicksal verknüpft hat, haben viele Italiener ihn abgestraft.