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Schwellenländer-Barometer
08.12.2016

Die Stresswerte des Schwellenländer-Barometers sind seit Anfang des Jahres zum ersten Mal wieder gestiegen. Der positive Trend, der seit Anfang des Jahres anhielt, ist somit beendet.

Indonesien, hier die Skyline der Hauptstadt Jakarta, war in letzter Zeit in puncto Krisenresistenz ein Gewinner, verliert jetzt aber auch überproportional (© Getty Images)

Indonesien, hier die Skyline der Hauptstadt Jakarta, war in letzter Zeit in puncto Krisenresistenz ein Gewinner, verliert jetzt aber auch überproportional (© Getty Images)

Im letzten Monat ist das Schwellenländer-Barometer der HSH Nordbank um 4 Prozentpunkte gestiegen und notiert derzeit bei einem Wert von 42,29. Damit steigt die Krisengefahr wieder auf das Niveau von Ende August, es liegt jedoch weiterhin unter dem langfristigen Durchschnittswert von 43. Das Schwellenländerbarometer beinhaltet die Schwellenländer Brasilien, China, Indien, Indonesien, Russland und Türkei und beobachtet finanzwirtschaftliche Kennzahlen wie CDS Spreads, Aktienindizes, US-Dollar-Wechselkurse sowie Preise wichtiger Rohstoffe. Alle Kennzahlen werden auf eine Skala von 0 (relativ geringste Krisengefahr) bis 100 (relativ höchste Krisengefahr) indexiert und dann aggregiert, sodass die Länderindizes entstehen. Fasst man diese wiederum zusammen, ergibt sich der "Schwellenländer-Barometer" Gesamtindex. Als Startzeitpunkt wird das Jahr 1998 gewählt, als die Asienkrise ihren Höhepunkt erreichte.

"Schwellenländer-Barometer" Gesamtindex (Dezember 2012 bis heute)

"Schwellenländer-Barometer" Gesamtindex (Dezember 2012 bis heute)

Die Stresswerte des Schwellenländer-Barometers sind seit Anfang des Jahres zum ersten Mal wieder gestiegen. Der positive Trend, der seit Anfang des Jahres anhielt, ist somit beendet. Grund war der Wahlsieg des Republikaners Donald Trump bei der US-Präsidentschaftswahl. In Erwartung einer expansiven Fiskalpolitik unter Donald Trump, der über eine Billion Dollar in die amerikanische Infrastruktur investieren möchte, hat sich das Zinsniveau in den USA deutlich erhöht. Die Renditen auf zehnjährige US-Staatsanleihen stiegen um 50 Basispunkte und notieren aktuell bei 2,4 %. Die höheren Zinsen locken Kapitalgeber an, die ihre Mittel aus den Emerging Markets wieder abziehen und in den USA investieren. Da in den Industrieländern historisch niedrige Zinsen vorherrschten, legten viele Investoren ihr Geld in der Vergangenheit in den Schwellenländern an, da dort hohe Renditen lockten. Davon konnten die Aktienindizes der Emerging Markets enorm profitieren. So konnten die Leitindizes von Brasilien und Indonesien in den vergangenen Monaten eine wahre Hausse feiern, die nun ein vorläufiges Ende gefunden hat. Seit der US-Präsidentschaftswahl hat der brasilianische Index Ibovespa 4 % verloren, der Jakarta Composite Index aus Indonesien 3,5 %. Desweiteren lässt der starke Dollar die Stresswerte in den Schwellenländern steigen, beispielsweise wertete der Brasilianische Real fast 7 % gegenüber dem US-Dollar ab. Schließlich ziehen einige Investoren auch ihr Geld aus den Schwellenländern ab, da sie eine protektionistische Welle aus den USA fürchten.

Folglich sind die Werte des Krisenbarometers in allen von uns beobachteten Schwellenländern gestiegen. Indonesien und Brasilien, die in den vergangenen Monaten die größten Gewinner waren, sind nun die größten Verlierer. So stiegen die Stresswerte in Indonesien um 7,1 Punkte auf 33,1 und in Brasilien um 7,6 Punkte auf 39,7. In China steht das Barometer aktuell bei 59,2 Punkten und stagniert somit weiterhin auf hohem Niveau. In Russland und der Türkei stiegen die Werte des Schwellenländer-Barometers jeweils um 2,7 Punkte und stehen nun bei 29,8 Punkten bzw. 45,4 Punkten. Am wenigsten ist das Risiko für eine Krise in Indien gestiegen. Aktuell notieren die Stresswerte dort bei 46,7 Punkten und somit 1,1 Punkte höher als im Vormonat. Indien leidet zwar ebenfalls unter sinkenden Börsenkursen und dem starken Dollar, jedoch engten sich die CDS-Spreads in Indien deutlich ein, was den Anstieg der Stresswerte etwas abfedert.

Trotz der gestiegenen Werte des Schwellenländer-Barometers, befinden sich die Emerging Markets im historischen Vergleich in einem weiterhin relativ entspannten Umfeld und unterhalb des langfristigen Durchschnittswerts. Der Ausblick ist jedoch deutlich getrübt. Falls Donald Trump tatsächlich eine deutlich protektionistischere Wirtschaftspolitik fahren wird, indem er beispielsweise die Zölle erhöht, wird sich dies negativ auf die Schwellenländer auswirken. Auch die wahrscheinliche Anhebung der US-Leitzinsen wird zu Lasten der Emerging Markets gehen, da der amerikanische Währungsraum dann für Anleger relativ an Attraktivität gewinnt und Kapital aus den Schwellenländern abgezogen wird.

"Schwellenländer-Krisenbarometer" Gesamtindex (Juni 1998 bis heute)

"Schwellenländer-Krisenbarometer" Gesamtindex (Juni 1998 bis heute)

Die Methodik

Für die Erstellung des "Schwellenländer-Barometer" werden finanzwirtschaftliche Daten der Länder Brasilien, China, Indien, Indonesien, Russland und Türkei untersucht. Der erste Datenzeitpunkt ist der 1.04.1998.

Bei den Daten handelt es sich um:

  • CDS Spreads (Preisdifferenz der Versicherungen gegen Kreditausfälle), Brasilien/Indien: Renditedifferenz der zehnjährigen Staatsanleihen gegenüber US-Anleihen

  • Haupt-Aktienindizes

    • Brasilien: Bovespa
    • China: Shanghai Composite
    • Indien: Sensex
    • Indonesien: Jakarta Composite
    • Russland: MICEX
    • Türkei: Borsa Istanbul 100

  • Wechselkurse der Länderwährungen zum US-Dollar
  • Wichtigste Rohstoffe

    • Brasilien: Eisenerz, Soja, Rohrzucker
    • China: Rohöl (Import)
    • Indien: Mais, Reis, Tee, Rohöl (Import)
    • Indonesien: Kohle, Erdgas, Palmöl, Rohöl
    • Russland: Rohöl, Erdgas
    • Türkei: Rohöl (Import)

Bei allen Daten (bis auf die Spreads) wird außerdem das Mittel aus der durchschnittlichen Veränderung der Woche gegenüber der Vorwoche und dem Monat gegenüber demselben Monat im Vorjahr gebildet. Hiermit soll verhindert werden, dass längerfristige Niveauverschiebungen dauerhaft auf das Barometer durchschlagen. So ist beispielsweise bei Hochinflationsländern der Wechselkurs von heute nicht mit dem vor 15 Jahren vergleichbar. Auch bei Rohstoffen kommt es immer wieder zu dauerhaften Niveauverschiebungen.

Schließlich wird eine Indexierung vorgenommen, sodass für jede Kennzahl der Wert des minimalen Krisenrisikos den Wert 0 zugewiesen bekommt und der des maximalen Krisenrisikos 100. Falls es sich bei den berücksichtigten Rohstoffen um Exportrohstoffe handelt, wird außerdem ein Gesamt-Rohstoffindex gebildet. Die Gewichtung der einzelnen Rohstoffe stimmt dabei mit dem Exportanteil überein.

Bildet man für jedes Land das Mittel der dazugehörigen Kennzahlen, so erhält man den Länderindex. Bei (gleichgewichteter) Aggregation dieser ergibt sich schließlich der "Schwellenländer-Krisenbarometer" Gesamtindex.

Die Einzelindizes werden um Extremausschläge bereinigt, um eine Verzerrung für den Gesamtindex zu vermeiden. Die Bereinigung erfolgt, in dem man bestimmte Werte deckelt.

Interpretation

Durch die Normierung der Risikofaktoren auf eine Zahl zwischen 0 (minimales Risiko) und 100 (maximales Risiko) ergibt sich eine relative Risikomessung, die sich an der Historie orientiert. Das ist wichtig für die Interpretation der Ergebnisse: Wenn beispielsweise in einem Land der CDS-Spread zwischen 20 und 80 Basispunkte schwankte, dann bedeutet ein CDS-Spread von 80 Basispunkten ein maximales Risiko von 100. Bei einem anderen Land, dessen CDS-Spread zwischen 100 und 500 schwankte, ist der Indexwert 100 bei 500 Basispunkten erreicht. Wenn also der Gesamtindex einen hohen Wert erreicht, dann heißt das, dass die beteiligten Länder jeweils einen historisch gesehen relativ hohen Risikograd erreicht haben. Man kann nicht ableiten, ob ein Land risikoreicher als das andere Land ist.

Zuletzt ist anzumerken, dass nur finanzwirtschaftliche Daten zur Messung des Krisenrisikos verwendet werden. Dass hat den Vorteil, dass jederzeit aktuelle Daten abgerufen werden können (sozusagen in "Echtzeit"), was die Verzögerung des Indizes auf plötzliche Ereignisse minimiert. Gleichzeitig werden aber fundamentale Daten wie z.B. Leistungsbilanzsalden oder Währungsreserven ignoriert. Es lassen sich somit keine direkten Aussagen über fundamentale Bewertungen treffen. Dies ist bei der Interpretation des "Schwellenländer-Barometers" zu berücksichtigen.