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Interview Dr. Christoph Quarch
23.12.2016

Philosoph Dr. Christoph Quarch im Gespräch über das menschliche Miteinander in der Arbeitswelt von morgen.

Dr. Christoph Quarch (© Oliver Hallmeier)

Sie halten Vorträge bei Unternehmen. Was können Firmen von der Philosophie lernen?
Den Anfang der Philosophie markiert eine Inschrift am Apollo-Tempel in Delphi: „Erkenne Dich selbst“. Seitdem versuchen Philosophen, das Leben und das Menschsein zu verstehen. Dazu gehört auch die Frage, wie wir uns so entwickeln können, dass wir unserem menschlichen Wesen entsprechen – individuell und kollektiv. Nun sind Unternehmen menschliche Unternehmungen. Im Gespräch mit der Philosophie können sie ihre Identität klären, ihre Werte und Tugenden definieren und so die in ihnen schlummernden Potenziale besser zur Entfaltung bringen.

Unsere moderne Welt ist von großen Veränderungen geprägt, viele Menschen und Unternehmen suchen Orientierung. Das müsste eine gute Zeit für die Philosophie sein.
Die Aufmerksamkeit steigt. Ich glaube, das hat damit zu tun, dass wir uns an der Schwelle zur Industrie 4.0 befinden. Dadurch werden viele Gewissheiten in Frage gestellt – so müssen wir uns fragen, welche Rolle der Mensch in der Arbeitswelt von morgen spielt, wenn wir es mit weiterer Automatisierung zu tun bekommen. Angesichts dessen geht es heute darum, Unternehmen so einzurichten, dass der menschliche Umgang nicht zu kurz kommt.

Was bedeutet menschlicher Umgang?
Wir sollten den Menschen in seiner Individualität und in seiner Sozialität im Blick behalten. Menschsein hat immer zwei Seiten: Zum einen möchte sich der Mensch als Individuum in der Welt zeigen. Zum anderen sucht er die Gemeinschaft mit anderen. Ein zukunftsfähiges Unternehmen sollte beide Aspekte ernst nehmen. Menschen wollen in einem stimmigen Umfeld arbeiten, in dem sie das, was sie können, zeigen dürfen. Nur wenn Menschen im Gespräch mit anderen sind, können sie ihr Potenzial voll entfalten.

Wie wichtig ist Vertrauen für diesen menschlichen Umgang?
Vertrauen ist die Währung hinter jeder Währung. Um langfristig erfolgreich zu sein, braucht ein Unternehmen eine Kultur des Vertrauens.

Gerade durch die Umbrüche und die damit verbundenen Personalabbauten ist in Unternehmen teilweise ein harter Konkurrenzkampf entstanden. Wie schafft man in so einer Situation Vertrauen?
Am wichtigsten ist, Offenheit, Wahrhaftigkeit und Transparenz zu kultivieren. Es führt zu nichts, Menschen in falscher Sicherheit zu wiegen und ihnen Hoffnungen zu machen, die sich nicht erfüllen. Wer Vertrauen möchte, muss darauf vertrauen, dass Menschen damit umgehen können, wenn man ihnen sagt, was los ist.

Auch wenn die Nachrichten schlecht sind.
Ja, auch dann. Augenwischerei hilft nicht. Menschen können schlechte Nachrichten verkraften, wenn sie den Eindruck haben, dass sie als Person wahrgenommen werden. Diese Hinwendung zum Individuum kann ich jeder Führungskraft nur empfehlen. Nichts ist fataler, als wenn sich ein Geist von kühler Technokratie breit macht. Wenn die Menschen das Gefühl haben, sie werden abgefertigt, kann sie das in Verzweiflung stürzen. Viele Unternehmen verwenden eine rein technische Sprache, teilweise einen ökonomischen Jargon, der kaum in die Alltagssprache der Menschen übersetzbar ist. Das führt dazu, dass Menschen sich nicht ernst- oder wahrgenommen fühlen.

Ihrer Erfahrung nach: Werden Menschen in Unternehmen eher als Individuum oder als Produktivkräfte gesehen?
Da gibt es große Unterschiede. In kleineren Unternehmen haben die Inhaber oft einen engen Bezug zu ihrer Belegschaft. In größeren Konzernen ist die Lage oft nicht so gut, weil sich dort ein rein funktionales Denken durchgesetzt hat.

Oft sind aber gerade Firmen erfolgreich, bei denen technokratisches Denken und die damit verbundene Effizienz Priorität haben.
Die Frage ist doch: Woran bemisst sich Erfolg? Nur an der Börsenkursentwicklung? Oder ist ein Unternehmen erfolgreich, wenn es etwas zum Wohl der Gesellschaft beiträgt? Wir sollten aufhören, den Erfolg von Firmen nur quantitativ zu bemessen.

Auch in Teams sollte Vertrauen herrschen – wie geht das in einer Konkurrenzsituation?
Vertrauen entsteht, wenn Menschen einander von Person zu Person begegnen. Dazu ist in Unternehmen oft zu wenig Raum. Führungskräfte sollten deshalb Räume schaffen, in denen sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter informell treffen können. Vertrauen entsteht nur dort, wo sich Menschen in die Augen schauen und nicht einander auf die Finger starren, um zu sehen, ob die Arbeit auch gemacht ist.

Wenn sich Leute treffen und reden schaffen sie aber nichts.
Das ist ein Irrtum. So denkt man, wenn man ein Unternehmen mit einer Maschine verwechselt. Natürlich muss eine Firma Geld verdienen, deshalb müssen die Abläufe optimiert werden. Das ist klar, aber darin erschöpft sich nicht die Aufgabe eines Unternehmens. Ein Unternehmen wird dauerhaft nur erfolgreich sein, wenn es Sinn generiert, sowohl für die Menschen, die dort arbeiten als auch für die Welt, in der das Unternehmen arbeitet. Wenn wir das vernachlässigen, denken wir zu kurzfristig. Dann verlieren wir aus dem Blick, dass Unternehmen auf Menschen angewiesen sind. Davon abgesehen ist in einem offenen Gesprächsraum auch diejenige Ressource am besten erschließbar, die für Unternehmen künftig am wichtigsten sein wird: Kreativität.

Das ändert nichts an der Konkurrenzsituation?
Wir müssen uns freimachen von dem Irrtum, der Mensch sei ein Wesen, das sich in einem permanenten Konkurrenzkampf befindet. Wer so denkt, sitzt einem Menschenbild auf, das im17. Jahrhundert von Thomas Hobbes begründet wurde und fatalerweise in das Paradigma der neuzeitlichen Ökonomie eingedrungen ist. Dieses Menschenbild ist bestenfalls eindimensional. Es wird Zeit, dass wir es durch eine bessere Anthropologie ersetzen, die ernst damit macht, dass der Mensch seinem Wesen nach mindestens genauso sehr ein Wesen der Verbundenheit und Zugehörigkeit ist. Das Menschenbild der Zukunft wird beide Aspekte miteinander verbinden müssen. Wir sollten nie vernachlässigen, dass wir die anderen brauchen, um zu uns selbst zu kommen. Auch wenn es abgedroschen klingt – im Team sind wir Menschen am stärksten.