SUCHE

Serie: Die Digitalisierer
13.12.2016

Die digitale Transformation verändert die Märkte und unser tägliches Handeln. Der technologische Wandel ist für Unternehmen und ihre Mitarbeiter gleichermaßen herausfordernd. Wenn althergebrachte Geschäftsmodelle verschwinden und digitale an ihre Stelle treten, ist häufig Unsicherheit die Folge. Umso mehr kommt es in Unternehmen auf die richtige Strategie und auf Vordenker an, die in der digitalen Welt leben und sie den Mitarbeitern zugänglich machen. In unserer Serie "Die Digitalisierer" stellen wir Menschen vor, die in deutschen Unternehmen die digitale Transformation vorantreiben. Den Auftakt macht Jürgen Bock, der bei OTTO in Hamburg die Bereiche Unternehmenskultur und Corporate Values verantwortet.

Jürgen Bock kümmert sich darum, dass die Mitarbeiter bei OTTO den digitalen Wandel im Unternehmen mittragen (Foto: Heinrich Holtgreve / Ostkreuz)

Jürgen Bock kümmert sich darum, dass die Mitarbeiter bei OTTO den digitalen Wandel im Unternehmen mittragen (Foto: Heinrich Holtgreve / Ostkreuz)

Wer Jürgen Bock in seinem Büro bei OTTO besucht, dem fallen zwei Dinge auf. In einer ironisch gemeinten "Ego-Kiste" liegen Preise, die er gewonnen hat. Und an der Wand hängen Bilder, die sich ständig selbst austauschen. Digitale Wechselrahmen sozusagen. "Ich mag Kunst, und ich mag die Abwechslung", sagt Jürgen Bock. Von der Kraft künstlerischer Betätigung ist er fest überzeugt, er verantwortet bei OTTO in Hamburg die Bereiche Unternehmenskultur und Corporate Values. Dabei nutzt Bock sämtliche Spielarten künstlerischer Disziplinen, um Unternehmens- und Gemeinschaftskultur zum Leben zu erwecken. So kommt es vor, dass 16 Geschäftsführer des Konzerns in Cannes bei den Filmfestspielen Abends eine selbstproduzierte Dokumentation zeigen, dass die Personalabteilung mit einer Choreografin in Hamburg einen Tanz einstudiert oder Manager in New York ein selbst kreiertes Kunstwerk an der Außenfassade eines Hotels anbringen. "Wenn du Leute in eine Situation bringst, die außerhalb ihrer Komfortzone liegt, lernst du sie als sympathische Menschen kennen", sagt Bock. "Du stehst Höhen und Tiefen durch, erreichst ein Ziel und am Ende stehen 16 Freunde da, nicht mehr nur 16 Geschäftsführer."

Fakten zur Otto Group

  • Die weltweit agierende Handels- und Dienstleistungsgruppe mit Sitz in Hamburg hat rund 50.000 Mitarbeiter
  • Der Konzern ist in die drei Unternehmensbereiche - Einzelhandel, Finanzdienstleistungen und Service - aufgeteilt
  • Im Geschäftsjahr 2015/16 betrug der Umsatz rund 12 Milliarden Euro, Otto ist damit einer der größten Onlinehändler der Welt
  • Das Unternehmen Werner Otto Versandhandel wurde im August 1949 von Werner Otto (1909-2011) in Hamburg gegründet. Bereits im Jahr darauf erschien der erste Katalog, damals noch mit handgebundenen Seiten
  • Die Otto Group führt Hans-Otto Schrader als Vorstandsvorsitzender. Aufsichtsratsvorsitzender ist Michael Otto, der Sohn des Unternehmensgründers Werner Otto

Wer etwas Neues versucht, sei meist aufgeregt und zeige seinen Kollegen, dass er ihre Unterstützung braucht. Durch das Miteinander entstehe ein wertschöpfendes Netzwerk, auf das es Jürgen Bock ankommt. Das ist wichtig, gerade in den Zeiten der digitalen Transformation, die in Unternehmen längst mehr bedeutet als die Installation einer neuen IT. Ins kalte Wasser zu springen, kennt Bock aus eigenem Erleben. Dass er heute als einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Unternehmenskulturentwicklung in Deutschland gilt und zu diesem Thema ein gefragter Keynote-Speaker ist, war in seiner beruflichen Agenda nicht angelegt. Jürgen Bock studierte Jura und arbeitete als Rechtsanwalt rund neun Jahre in der Rechtsabteilung bei OTTO, wechselte dann in den Personalbereich und leitete 13 Jahre lang die Personalentwicklung. In diese Zeit fiel auch die Gründung der Otto Group Academy, einer Art Universität des Unternehmens. Seit 2005 schließlich verantwortet er die Bereiche Unternehmenskultur und Corporate Values bei OTTO.

In dieser Zeit begann sich das durch Warenkataloge bekannt gewordene Versandhaus auf digitalen Handel umzustellen. Diese Reise ist längst nicht abgeschlossen, und Bocks Aufgabe ist es, die Mitarbeiter auf dem Weg mitzunehmen. "Es gibt Unternehmen, die vom Start weg in die digitale Welt hinein gegründet wurden. Solche haben wir natürlich im Portfolio der Otto Group, denn wir sind auch im Bereich der Start-ups sehr aktiv, beispielsweise mit Collins. Darüber hinaus es aber auch zahlreiche Unternehmen der Otto Group, die schon lange am Markt sind und die in die digitale Welt transformiert werden müssen." Dies sei deshalb so bedeutsam, weil diese von vornherein digitalen Unternehmen oft schneller und kundenorientierter sind. "An denen müssen wir uns ausrichten, und uns fragen, was läuft bei uns in die falsche Richtung, was können wir verbessern." Die Aufgabe der Unternehmenskultur ist es, die Anreize dafür zu schaffen. "Wenn Prozesse schneller werden müssen, müssen wir auch Menschen ermächtigen, selbst Entscheidungen zu treffen und nicht immer die ganze Hierarchiekette zu bespielen", sagt Bock, der sich gelegentlich allein in die Kantine setzt, um Beziehung zu Menschen aufzunehmen, mit denen er sonst wenig Berührungspunkte hat. Dort traf er kürzlich eine Kollegin, die anstelle ihres Direktors beim Vorstand präsentiert hatte. Ist doch dein Projekt, mach deine eigenen Erfahrungen, hatte der ihr mitgegeben. Wer die Arbeit hat, hat die Bühne. Bock ist davon überzeugt, dass eine solche Geste die Mitarbeiterzufriedenheit verbessert und dem Status- und Silo-Denken entgegenwirkt - selbst wenn die Verantwortung am Ende doch bei den Abteilungsleitern bleibt. "Mitarbeiter machen es sich manchmal zu leicht, wenn sie nur nach oben zeigen. Sie fördern das hierarchische Denken auch damit, indem sie ihren Gestaltungsspielraum nicht ausnutzen, oder zu häufig nachfragen, ohne die eigene Entscheidung zu treffen." Die Spielräume seien größer, als viele glaubten. Unternehmenskultur hängt für Bock stark mit dem Einfluss der Führungskräfte auf Mitarbeiter zusammen. Führungskultur sei so wichtig, weil für Mitarbeiter die Führungskraft im Grunde das Unternehmen selbst darstellt.

Jürgen Bock setzt bei der Kommunikation mit Mitarbeitern auf Offenheit. Das richtige Temperament dazu hat er (Foto: Heinrich Holtgreve / Ostkreuz)

Jürgen Bock setzt bei der Kommunikation mit Mitarbeitern auf Offenheit. Das richtige Temperament dazu hat er (Foto: Heinrich Holtgreve / Ostkreuz)

Kürzlich hat die Otto Group eine erste "fuck up night" veranstaltet, auf der Vorstand und Geschäftsführer verschiedener Konzernunternehmen über ihre Misserfolge redeten. "Wenn man Gemeinschaft und Nähe erzeugen will, gibt es nicht besseres, als über seine Fehler zu sprechen", glaubt Bock. Das Vorbild dafür liegt im Silicon Valley, in dem Technologiefirmen die Kultur des Scheiterns kultivieren und ihren Erfolg auch auf ein konsequentes Trial-and-Error-Prinzip zurückführen. Dass allerdings in Zeiten digitaler Transformation viele Menschen ihren Job verlieren werden, ist nicht nur ein Fakt, sondern auch eine Herausforderung für die Entwicklung der Unternehmenskultur. "Am wichtigsten ist, dass man transparent bleibt und den Menschen eine Chance einräumt, sich zu qualifizieren, sich quasi selbst in die neue Arbeitswelt zu transformieren." Das sei keine Frage des Alters, sondern der Haltung. Bock ist davon überzeugt, dass in einer Zeit, in der Produkte und Dienstleistungen zunehmend austauschbar werden, die Unternehmenskultur zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor wird. "Man merkt das ganz deutlich bei jungen Bewerbern, die gezielt danach fragen." Arbeit macht Spaß oder krank, findet Bock. Er hält es da mit Konfuzius: Wenn du tun kannst, was du gern tust, musst du dein ganzes Leben nicht arbeiten.

Quick Learnings

  • Nutzen Sie alle künstlerischen Disziplinen, um Unternehmens- und Gemeinschaftskultur zum Leben zu erwecken
  • Von vornherein als digitale Unternehmen gegründete Firmen sind oft schneller und kundenorientierter als Unternehmen, die sich noch digital transformieren müssen. Nehmen Sie digitale Unternehmen zum Vorbild
  • Geben Sie Mitarbeitern mehr Macht und Verantwortung. Ermutigen Sie sie, selbst Entscheidungen zu treffen und nicht immer die ganze Hierarchiekette zu bespielen
  • Lassen Sie Mitarbeiter, die ein Projekt ausgearbeitet haben, es vor dem Vorstand präsentieren
  • Wenn Vorstände und Geschäftsführer vor Mitarbeitern auch mal in großer Runde über ihre Misserfolge reden, erzeugt das Nähe und stärkt das Gemeinschaftsgefühl
  • Sich für die neue, digitale Arbeitswelt fit zu machen, ist keine Frage des Alters, sondern der Haltung