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Digitalisierung
12.12.2016

Im Wirtschaftsbuch des Jahres will Christoph Keese Unternehmern in die digitale Zukunft verhelfen. UP Nord hat mit ihm gesprochen.

Christoph Keese fordert ein Umdenken (Foto: dpa)

Christoph Keese fordert ein Umdenken (Foto: dpa)

"Dieses Buch ist für jeden Unternehmer eine lebensrettende Maßnahme" - mit diesen Worten beschrieb Laudator Gabor Steingart das neue Werk von Christoph Keese. In "Silicon Germany", ausgezeichnet mit dem Wirtschaftsbuchpreis des Jahres 2016, erklärt der Vizepräsident des Axel-Springer-Verlags, warum Unternehmen die Hauptverantwortung für das digitale Defizit tragen – und was sie dagegen tun sollten.

Herr Keese, in Ihrem Buch bezeichnen Sie Deutschland als "Land des digitalen Defizits", das den Anschluss zu verlieren droht. Ist es wirklich so schlimm?
Deutschland ist beim Thema Digitalisierung weit zurückgefallen. Unsere Firmen produzieren vor allem mechanisch erstklassige Maschinen, die aber elektronisch den Anschluss an die Weltspitze verloren haben. Fünf der zehn wertvollsten Firmen der Welt kommen inzwischen aus der Digitalwirtschaft. Alle stammen aus den USA, keine aus Deutschland oder Europa. Das wertvollste deutsche Unternehmen ist Bayer – auf Platz 66. Die Digitalisierung ist kein Trend, der vorrübergeht wie ein Schnupfen. Wenn wir nichts ändern, werden wir uns vom industriellen Musterland in ein industrielles Museum verwandeln.

Wie konnte es zu so einem Rückstand kommen?
Da spielen verschiedene Faktoren hinein, vom gesellschaftlichen Klima bis zu fehlenden politischen Rahmenbedingungen. Die Hauptverantwortung tragen jedoch die Unterhemen. Es ist ihre Aufgabe, die richtigen strategischen Entscheidungen zu fällen. Das hat die deutsche Wirtschaft bislang verpasst. Niemand produziert Waren in solchen Mengen und gleichzeitig zu so hoher Qualität wie die Deutschen. Das verlangt bestimmte Organisations- und Denkstrukturen. Das sind jedoch nicht die gleichen, die es für die digitale Transformation braucht. Unternehmer müssen sich überlegen, wie sie diesen Erfahrungs- und Kenntnisschatz um Tugenden erweitern können, die sie in der Digitalisierung weiter voranbringen.

Was heißt das konkret?
Zunächst müssen sie sich den Unterschied klar machen zwischen erhaltender Innovation und disruptiver Innovation. Die erhaltende Innovation zielt darauf ab, die nächste Version des Produktes besser zu machen als die alte Version. Hier sind wir auf einem guten Weg, auch in Hinblick auf die Digitalisierung: Die Prozesse, zum Beispiel in der Produktion oder im Verkauf, werden zunehmend digitalisiert. Die disruptive Innovation dagegen will bestehende Marktstrukturen nicht erhalten, sondern sie zerstören. Hier hat die deutsche Wirtschaft noch erhebliche Schwächen. Das muss sich ändern. Sie muss disruptiv werden, weil die neuen Angreifer disruptiv sind und klassische Branchen bedrohen.

Wie können Unternehmen disruptive Innovationen gelingen?
Die entscheidenden Impulse stammen fast nie aus traditionellen Unternehmen. Die Innovationskerne für Disruption sitzen vor allem in der Start-up-Industrie. Die deutsche Wirtschaft muss stärker in dieses Ökosystem investieren. Zwischen traditionellen Unternehmen und Start-ups wird in Deutschland noch viel zu wenig zusammengearbeitet. Es ist dabei wichtig, Digitalisierung als Holschuld verstehen: Unternehmer müssen sich auf dem neusten Stand halten, sie müssen in die Technologiezentren gehen, nach Palo Alto, Berlin und Tel Aviv, und sich in einen regen Austausch mit Gründern begeben. Unternehmern müssen die Strukturen der Digitalisierung verstehen und das dann mit dem eigenen Fachwissen kombinieren. So können sich Myriaden von Chancen entfalten, welche die Risiken bei weitem überwiegen.

Was ist mit internen Strukturen, muss sich da auch etwas ändern?
Die Hierarchie-Pyramide ist keine geeignete Organisationsform für disruptive Innovationen. Sie basiert auf Befehl und Gehorsam, das ist nichts, was Kreativität fördert. Die bessere Organisationsstruktur ist das Netzwerk: unterschiedliche Zellen, Gruppen oder kleinen Firmen, die sich in Teams zusammentun und real existierende Probleme mit technologischen Mitteln lösen. Da ist es kontraproduktiv, einen gemeinsame Entwicklungsstrategie vorzugeben. Gerade das Experimentieren gehört dazu, auch wenn die Flop-Rate mit 70 Prozent und mehr sehr hoch sein kann. Auch darauf sollten sich Unternehmer stärker einlassen. Mittelständische Unternehmen haben hier eine große Chance, weil sie oft beweglicher, schneller und entscheidungsstärker sind als Großkonzerne.

Wie optimistisch sind Sie, dass Deutschland den digitalen Anschluss noch schafft?
Wir müssen die Rahmenbedingungen weiter anpassen. Die Politik sollte zum Beispiel ein Bundesdigitalministerium schaffen, in dem alle Entscheidungszuständigkeiten gebündelt werden. Unseren Kindern sollten wir neben Lesen, Rechnen und Schreiben auch das Programmieren beibringen und an den Hochschulen die Gründerkultur stärker fördern. Bei den Unternehmern ist die Bedeutung der Digitalisierung mittelweile angekommen. An der Brücke von der Einsicht hin zum konkreten unternehmerischen Handeln muss jedoch noch gebaut werden. Es herrscht zu viel Unwissenheit über die wirtschaftlichen Grundstrukturen der Digitalisierung: Was bedeutet Skalierbarkeit, was ist der Unterschied zwischen klassischen Gütermärkte und Netzwerkmärkten, etc. Wir brauchen einen Aufholprozess bei der Grundbildung – und vor allem die Aufgeschlossenheit, sich darauf einlassen.

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