SUCHE

Brexit
28.12.2016

Mit rund 70 Unternehmen sind in Berlin bereits doppelt so viele FinTechs beheimatet wie in der Bankenmetropole Frankfurt. Durch den Brexit und die Sogwirkung der Stadt als kreatives Zentrum wird sich dieser Trend wohl fortsetzen.

Die "Factory" in Berlin ist das Epizentrum der Start-up-Szene in Berlin

Die "Factory" in Berlin ist das Epizentrum der Start-up-Szene in Berlin

Die Brexit-Entscheidung der britischen Wähler löste in London vielfach Entsetzen aus. Denn die britische Metropole hatte überwiegend für den Verbleib des Königreichs in der EU gestimmt. Im Wahlbezirk City of London kam das Bremain-Lager sogar auf mehr als drei Viertel der Stimmen. Die Hauptstadt ist auch die von Unternehmen der Finanztechnologie (FinTechs) dominierte Start-up-Metropole des Inselreichs, und in dieser Klientel kam die Entscheidung überhaupt nicht gut an. Als einer der ersten britischen Start-ups kündigten die Betreiber der Payment-App Revolut an, London möglicherweise verlassen zu wollen. Revolut blieb nicht das einzige FinTech-Unternehmen, dass mit einem Wechsel aufs Festland liebäugelt. Reuters gegenüber gaben mindestens sieben weitere FinTechs an, im Falle eines britischen EU-Austritts Unternehmensitze nach Europa zu verlegen. Als Profiteure der Abwanderung gelten Paris, Luxemburg, Dublin und – Berlin.

"Man hört mehr und mehr von Start-ups, die nicht mehr in London gründen wollen oder nach Berlin übersiedeln wollen", sagte Ansgar Oberholz, Betreiber eines in der Berliner Start-up-Szene legendären Cafés, im Gespräch mit UP Nord. Für die jungen Finanzunternehmen wäre es vor allem fatal, wenn im Zuge des Brexits das sogenannte Passporting entfällt. Damit können sich Unternehmen eine Erlaubnis bei den britischen Aufsichtsbehörden holen und ihre Dienste ohne großen bürokratischen Aufwand in anderen EU-Ländern anbieten. In Berlin hat man die günstige Gelegenheit erkannt und in London eigens ein Büro für umzugswillige Firmen eröffnet. Cornelia Yzer (CDU), bis zum 08. Dezember 2016 Senatorin für Wirtschaft, Technologie und Forschung im Senat von Berlin, sprach von "sehr konkreten" Gesprächen mit umsiedlungswilligen Londoner FinTech-Unternehmen.

Im "Sankt Oberholz", dem Café von Ansgar Oberholz, entstand die Idee zu "Soundcloud" (© Imago)

Im "Sankt Oberholz", dem Café von Ansgar Oberholz, entstand die Idee zu "Soundcloud" (© Imago)

Schon jetzt gilt die Berliner Start-up-Szene als eine der aktivsten in Europa. Besonders in den Bezirken Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg entstehen neue Unternehmen. Als Epizentrum gilt dabei die in einer ehemaligen Brauerei im Stadtteil Mitte im Sommer 2014 eröffnete "Factory". Auf dem 16.000 Quadratmeter umfassende Bürofläche fassenden Areal siedelten sich bereits Unternehmen wie Twitter, Soundcloud oder Uber an. Weil sich in deren Nähe auch andere Start-ups wohl fühlen, lebt die Gegend rund um die Brunnenstraße in Berlin auf. Hier gewinnt man dem Brexit seine positiven Seiten ab. "Berlin hat was davon, und ich möglicherweise auch", gibt auch Ansgar Oberholz im Gespräch mit UP Nord zu. Wenig erstaunlich, hat er doch unweit des Café Oberholz kürzlich einen Ableger eröffnet, der auf 600 Quadratmetern Coworking-Plätze und Seminarräume anbietet.

Nach einer Analyse der Investitionsbank Berlin (IBB) sind FinTechs eine Chance für Berlin als Wirtschaftsstandort und Finanzplatz. Einige dieser Unternehmen können der Studie zufolge rasch Marktführer im Finanzbereich werden. 70 Fintech-Unternehmen sind in Berlin beheimatet, also rund doppelt so viele wie in der Bankenmetropole Frankfurt. 79 Millionen US-Dollar Wagniskapital holten diese Unternehmen 2015 nach Berlin. Beispiele für erfolgreiche FinTechs der Hauptstadt sind die mobile Bank N26, das Start-up "Cringle", welches Bargeldüberweisungen zwischen Freunden ermöglicht oder "Weltsparen", ein Anbieter von festverzinslichen Papieren. Gegenüber Frankfurt kann Berlin mit seiner Atmosphäre kreativer Offenheit und seiner Partykultur punkten, was die Stadt für junge Entwickler neben den niedrigeren Lebenshaltungskosten besonders interessant macht. Die in Frankfurt im Finanzbereich üblichen hohen Gehälter können und wollen die FinTech-Start-ups ohnehin nicht bezahlen.

Auch in der Finanzbranche hat man längst erkannt, dass sich die Atmosphäre in Berlin für Innovationen gut eignet - sogenannte Hackathons, bei denen junge Entwickler an neue Softwarelösungen für Banken tüfteln und dann einer Jury präsentieren, finden bevorzugt in der Hauptstadt statt.