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Pro und Kontra
16.11.2016

Die Aktienmärkte haben auf die überraschende Wahl von Donald Trump mit steigenden Kursen reagiert – der Dow Jones erreichte gar ein Allzeithoch. Doch folgt auf das Börsenfeuerwerk auch eine kräftige Konjunkturbelebung in den USA? Der Ökonom Prof. Dr. Thomas Straubhaar und Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank, vertreten zwei unterschiedliche Meinungen.

PRO: Thomas Straubhaar KONTRA: Cyrus de la Rubia
• Trump hat vor, die Staatsausgaben zu erhöhen und die Steuern des Landes zu senken • Postfaktisches positives Bauchgefühl wird nicht andauern – Ernüchterung folgt
• Das Konjunkturprogramm wird die Wirtschaft wieder ankurbeln • Steuererleichterungs- und Infrastrukturprogramm wird sich nicht umsetzen lassen
• Die Binnennachfrage wird die Preise und die Löhne steigen lassen • Berater Trumps stehen für Protektionismus und Populismus – das bremst Wachstum

Hier die Positionen im Einzelnen:

Prof. Dr. Thomas Straubhaar: USA vor einem Boom

Höhere Staatsausgaben und tiefere Steuerbelastungen werden Wirtschaftswachstum stimulieren und damit dem durchschnittlichen US-Haushalt zugutekommen, glaubt Prof. Dr. Thomas Straubhaar.

Die US-Wirtschaft steht vor einem Aufschwung, nicht dem Untergang. Nicht alle werden gewinnen, aber viele haben die Chance, von den Veränderungen zu profitieren, die sich durch die Wahl Donald Trumps zum neuen US-Präsidenten ergeben. Denn eines muss klar sein: Ökonomischer Erfolg hängt nicht davon ab, ob man andere sympathisch findet. Er wird durch nüchterne Reaktionen auf neue Herausforderungen bestimmt.

Vieles wird sich ändern, manches dramatisch. Noch bleibt unklar, was die tatsächliche Wirtschaftspolitik Donald Trumps sein wird. Aber eine Stoßrichtung ist ganz sicher, eine andere sehr wahrscheinlich. Erstens hat Trump in seiner Siegesrede in der Wahlnacht einen einzigen Punkt zu seiner wirtschaftspolitischen Strategie explizit herausgehoben: "Wir werden uns um unsere sozialen Brennpunkte kümmern und unsere Straßen, Brücken, Tunnel, Flughäfen, Schulen und Krankenhäuser wiederaufbauen. Wir werden unsere Infrastruktur, die übrigens allen überlegen sein wird, wiederaufbauen. Und wir werden bei diesem Wiederaufbau Arbeitsplätze für Millionen von Menschen schaffen." Im Klartext: Er wird bei den Staatsausgaben klotzen, nicht kleckern.

Zweitens dürfte Donald Trump die Steuern senken. Das ist er seinen Unterstützern schuldig, vom Segen geringerer Steuerlasten ist er als Unternehmer überzeugt. Interessanterweise hat Trump dazu nach seiner Wahl vorerst kein Wort gesagt. Aber an dieses Versprechen wird er sich gebunden fühlen. Und er wird flächendeckend in ganz USA Unterstützung finden. Dass er wohl die Kapitalisten stärker als die Arbeitseinkommen entlasten wird, mag zwar auf den einen oder anderen Protest stoßen, der aber nicht nachhaltig sein wird. Aus einem einfachen Grund.

Höhere Staatsausgaben und tiefere Steuerbelastungen werden zusammen zum größten vorstellbaren Konjunkturankurbelungsprogramm, das in der Tat Millionen neuer Arbeitsplätze schaffen, das Wirtschaftswachstum stimulieren und damit dem durchschnittlichen US-Haushalt zugutekommen wird.

Beim New Deal von Donald Trump ist eines wichtig: Eine Modernisierung der Infrastruktur stimuliert nicht nur über die höheren Staatsausgaben die kurzfristige Konjunktur. Neue Verkehrswege, schnelles Internet und eine zeitgemäße Versorgung mit öffentlichen Gütern wirken sich wie Investitionen auch in der langen Frist positiv auf die unternehmerische Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen aus. Sie fördern nachhaltig das langfristige Wachstum einer Volkswirtschaft.

Aus Anlegersicht ist ein attraktives Szenario nicht auszuschließen: Trump finanziert seinen New Deal in Partnerschaft mit der Wall Street. Er legt öffentliche Infrastrukturfonds auf, die von privaten Investoren gekauft werden können. Damit entspricht er nicht nur den Hoffnungen amerikanischer Investoren. Weltweit herrscht angesichts der tiefen Zinsen ein Anlagenotstand. Billionen von Euro, Schweizer Franken, Yen und Pfund suchen langfristige, risikoarme Anleihen mit wenigstens einer einigermaßen positiven Rendite. Das macht US-Infrastrukturfonds für alle zu einer hochattraktiven Option. Sie liefern den sicheren nachhaltigen Kapitalertrag, den alle anstreben und niemand mehr bei klassischen Anlageformen findet.

Die USA stehen vor einem ökonomischen Boom. Er wird zuallererst den USA zu Gute kommen. Das dürfte den US-Dollar eher stärken als schwächen. Und eine kräftiger werdende Binnennachfrage wird bald einmal Preise und Löhne steigen lassen. Als Reaktion dürfte die amerikanische Notenbank Fed die Leitzinsen weiter anheben – wohl eher früher als später. Das wird auf den Anleihemärkten zu Erschütterungen führen und den Kurs langlaufender US-Staatsanleihen nach unten drücken. Es ist an der Zeit, bei aller Abneigung gegenüber Donald Trump, die Chancen zu erkennen, die sich durch seine Wirtschaftspolitik ergeben.

Dr. Cyrus de la Rubia: Postfaktische Finanzmärkte

Donald Trump schlägt versöhnliche Töne an, und die Märkte reagieren begeistert. Doch langfristig wird sich der aufkeimende Protektionismus verhängnisvoll auswirken, glaubt Dr. Cyrus de la Rubia.

Postfaktisch geht so: Ihre Kfz-Werkstatt teilt Ihnen mit, dass die Bremsen ihres Autos defekt sind und sie schnappen sich das Auto und fahren mit Vollgas über eine kurvige Landstraße und genießen das Leben. Etwas Ähnliches scheint an den Finanzmärkten zu passieren. Der US-Präsidentschaftskandidat Donald Trump, der im Wahlkampf eine größtenteils wachstumsfeindliche Agenda ausgebreitet und sich als vollkommen unberechenbar gezeigt hat, gewinnt die Wahl und was machen die Märkte? Sie jubeln und verfallen geradezu in Euphorie. Die Aktienmärkte erklimmen neue Hochs und die Staatsanleiherenditen schießen in die Höhe, typische Zeichen für die Erwartung einer kräftigen Konjunkturbelebung und steigender Unternehmensgewinne. Offensichtlich lassen sich die Anleger ganz im Sinne des Postfaktischen von einem positiven Bauchgefühl leiten.

Basieren tut dieser Stimmungsumschwung im Wesentlichen auf zwei Dinge: Erstens, eine kurze Ansprache von Trump nach dem Wahlsieg, bei der er sich versöhnlich zeigte und von Einigkeit sprach. Zweitens, die vage Mutmaßung - u.a. abgeleitet aus seiner Ansprache - der künftige Präsident könne ein 1000 Mrd. US-Ausgabenprogramm starten, bestehend aus Steuererleichterungen und Infrastrukturausgaben.

Natürlich, der amerikanischen Wirtschaft würde es gut tun, wenn die in weiten Teilen maroden Brücken, Straßen, die Wasserversorgung, Flughäfen, Seehäfen usw. in Stand gesetzt und modernisiert würden. Und wer weiß, vielleicht gelingt Trump das, was viele Präsidenten vorher nicht oder nur halbherzig versucht haben. Aber die Art und Weise wie sich Investoren und Medien auf diese Hoffnung stürzen und daraus eine erstaunlich einseitige Anlageentscheidung ableiten, hat mit faktenbasiertem Handeln nichts zu tun.

Stattdessen werden Bedenken beiseite gewischt. Der Sprecher des Repräsentantenhauses Paul Ryan ist, zusammen mit vielen anderen Republikanern, ein fiskalischer Falke und wird sich niemals auf das schuldenfinanzierte Steuererleichterungs- und Infrastrukturprogramm einlassen? Kein Problem, entweder ändert Paul Ryan seine Meinung oder der Posten wird neu besetzt. Trump hat mit dem Ausstieg aus der Freihandelszone NAFTA gedroht? Ach, das meinte er schon nicht so. Es könnte zu einem Handelskrieg mit China kommen, wenn er die Einfuhrtarife auf bis zu 45% anhebt? Nein, dafür ist China doch viel zu wichtig. Die Ablehnung der Beistandsklausel in der NATO könnte die militärische Sicherheit Europas gefährden? Na ja, wird ja auch Zeit, dass die Europäer sich mal um ihre eigene Sicherheit kümmern. Die Abschiebung von 11,4 Millionen Hispanics könnte die Spaltung der Gesellschaft eskalieren lassen? Na, so schlimm wird es schon nicht kommen.

Gerne wird auch darauf verwiesen, dass Trump die Entscheidungen ja nicht alleine treffen wird, sondern von Beratern umgeben ist, die mehr Erfahrung haben und den größten Fettnäpfchen ausweichen werden. Schaut man sich diese Berater an, schwindet jedoch die Zuversicht. Zum Beispiel Peter Navarro, den Trump zu seinem ökonomischen Chefberater gemacht hat und der an den früheren griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis erinnert: Unbekannt in der Wissenschaft und aufgefallen durch einige populistische Thesen. Navarro ist vor allem durch das für Protektionismus plädierende Buch "Die Welt im Würgegriff Chinas" populär geworden. Wahlkampfmanager Stephen Bannon wird eine wichtige Rolle im Trump-Entscheidungskreis einnehmen - er ist gerade zum Chefstrategen ernannt worden. Bannon ist Leiter des rechtspopulistischen Meinungsportals Breitbart News gewesen, das man als Sprachrohr wütender weißer Männer ansehen kann. Und dann ist da noch Sarah Palin. Sie ist ähnlich wie Bannon dem rechten Rand der Republikaner zuzurechnen, der so genannten Tea Party Bewegung, und wird als künftige Innenministerin gehandelt. Gott schütze Amerika.

Fakt ist: Derzeit ist alles Spekulation, Hoffnung und Angst. Dass viele Marktteilnehmer nun darauf setzen, dass Amerika unter Trump "Great Again" wird, hat mit Fakten nichts zu tun. Zwar sind auch wir nicht der Meinung, dass Amerika unter Trump auf den Abgrund zusteuert. Dafür sind die Jahrhunderte alte amerikanische Demokratie und die Institutionen zu sehr gefestigt. Aber so zu tun, als ob den USA nichts Besseres als Trump passieren konnte - das Signal senden die Finanzmärkte aus - hat eine besondere Qualität. Nun gut, von Trump haben wir ja Eines gelernt: Gewinnen kann man auch ohne Fakten oder sogar mit den falschen.