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Schwellenländer-Barometer
08.11.2016

Die Stresswerte des Schwellenlandbarometers der HSH Nordbank sind erneut gesunken und setzen den positiven Trend fort, der seit Anfang des Jahres anhält.

Die wirtschaftliche Lage in Brasilien zeigt sich entspannter

Die wirtschaftliche Lage in Brasilien zeigt sich entspannter

In den letzten sechs Wochen ist das Schwellenlandbarometer der HSH Nordbank deutlich gefallen und steht derzeit bei einem Wert von 38,21. Damit liegt der Wert auf dem niedrigsten Stand seit dem Jahr 2011 und ebenfalls unter dem langfristigen Durchschnittswert von 43. Das Schwellenländerbarometer beinhaltet die Schwellenländer Brasilien, China, Indien, Indonesien, Russland und Türkei und beobachtet finanzwirtschaftliche Kennzahlen wie CDS Spreads, Aktienindizes, US-Dollar-Wechselkurse sowie Preise wichtiger Rohstoffe. Alle Kennzahlen werden auf eine Skala von 0 (relativ geringste Krisengefahr) bis 100 (relativ höchste Krisengefahr) indexiert und dann aggregiert, sodass die Länderindizes entstehen. Fasst man diese wiederum zusammen, ergibt sich der "Schwellenländer-Barometer" Gesamtindex. Als Startzeitpunkt wird das Jahr 1998 gewählt, als die Asienkrise ihren Höhepunkt erreichte.

"Schwellenländer-Barometer" Gesamtindex (Oktober 2012 bis heute)

"Schwellenländer-Barometer" Gesamtindex (Oktober 2012 bis heute)

Die Stresswerte des Schwellenlandbarometers sind erneut gesunken und setzen den positiven Trend fort, der seit Anfang des Jahres anhält. Seitdem sind die Werte um 10 Punkte gefallen und zeigen eine zunehmende Entspannung der Emerging Markets an. Insbesondere Russland und Indonesien konnten ihre Stresswerte deutlich verbessern, aber auch die Lage in Brasilien und Indien zeigt sich entspannter. Die Situation in der Türkei spannte sich hingegen deutlich an. Ausschlaggebend für die stark divergierenden Werte sind die deutlich angestiegenen Rohstoffpreise, die unterschiedliche Auswirkungen auf die einzelnen Schwellenländer haben. Die Schwellenländer profitieren aktuell auch von der lockeren Zinspolitik der Industrienationen, welche die Indizes der Emerging Markets in die Höhe treibt.

Wie im vorigen Berichtszeitraum, waren vor allem Indonesien (minus 8,5 Punkte) und Russland (minus 6 Punkte) die Zugpferde innerhalb der Schwellenländer und hauptverantwortlich für die insgesamt gesunkenen Werte. Beide Länder profitierten von den stark gestiegenen Erdgas- und Rohölpreisen. Zusätzlich kam es Indonesien zugute, dass der Preis für Kohle ebenfalls anstieg und der indonesische Leitindex Jakarta Composite seit Anfang des Jahres fast 800 Punkte zugelegt hat.

Das durch eine schwere Wirtschaftskrise stark gezeichnete Brasilien konnte seit Anfang des Jahres, als kurzfristige Hochwerte angezeigt wurden, 17 Punkte gut machen und bestätigt in den vergangenen sechs Wochen den positiven Trend. Brasilien profitiert von den wieder gestiegenen Eisenerzpreisen und dem gestiegenen Ibovespa. Seit der Machtübernahme von Interimspräsident Michel Temer fassen Unternehmer und Verbraucher wieder vertrauen. Der grundsätzlich als wirtschaftsliberal geltende Politiker hat sich bis zum Ende der Legislaturperiode 2018 weitreichende Strukturreformen vorgenommen, die das größte südamerikanische Land wieder wachstumsstärker und wettbewerbsfähiger machen sollen. Da sich Temer nicht für eine weitere Amtszeit zur Verfügung stellen möchte, kann er ungeachtet seiner Popularitätswerte seine Agenda angehen.

Weiterhin angespannt bleibt die Lage im mit Abstand größten Schwellenland, China, dessen Stresswerte seit Monaten auf hohem Niveau stagnieren. Die schwächelnde Weltwirtschaft belastet das exportorientierte Land, dessen Transformation von der Werkbank der Welt zu einer modernen Konsumgesellschaft stockt.

Das Schlusslicht dieses Berichtszeitraums bildet die Türkei, dessen Fieberkurve um 6 Punkte stieg, da sie als Importnation von Rohöl von steigenden Preisen negativ betroffen ist. Auch die politische Lage ist weiterhin ein großer Unsicherheitsfaktor, der das Potential besitzt, die Stresswerte weiter in die Höhe zu treiben.

Bislang zeigen sich die Schwellenländer sehr robust und trotzen den weltpolitischen Unwägbarkeiten. Sollte Donald Trump jedoch die US-Präsidentschaftswahlen gewinnen, würde dies nicht spurlos an den Emerging Markets vorbeigehen. Dieser hat bereits angekündigt, eine weitaus protektionistischere Wirtschaftspolitik zu fahren als sein Vorgänger.

"Schwellenländer-Krisenbarometer" Gesamtindex (Juni 1998 bis heute)

"Schwellenländer-Krisenbarometer" Gesamtindex (Juni 1998 bis heute)

Die Methodik

Für die Erstellung des "Schwellenländer-Barometer" werden finanzwirtschaftliche Daten der Länder Brasilien, China, Indien, Indonesien, Russland und Türkei untersucht. Der erste Datenzeitpunkt ist der 1.04.1998.

Bei den Daten handelt es sich um:

  • CDS Spreads (Preisdifferenz der Versicherungen gegen Kreditausfälle), Brasilien/Indien: Renditedifferenz der 10-jährigen Staatsanleihen gegenüber US-Anleihen

  • Haupt-Aktienindizes

    • Brasilien: Bovespa
    • China: Shanghai Composite
    • Indien: Sensex
    • Indonesien: Jakarta Composite
    • Russland: MICEX
    • Türkei: Borsa Istanbul 100

  • Wechselkurse der Länderwährungen zum US-Dollar
  • Wichtigste Rohstoffe

    • Brasilien: Eisenerz, Soja, Rohrzucker
    • China: Rohöl (Import)
    • Indien: Mais, Reis, Tee, Rohöl (Import)
    • Indonesien: Kohle, Erdgas, Palmöl, Rohöl
    • Russland: Rohöl, Erdgas
    • Türkei: Rohöl (Import)

Bei allen Daten (bis auf die Spreads) wird außerdem das Mittel aus der durchschnittlichen Veränderung der Woche gegenüber der Vorwoche und dem Monat gegenüber demselben Monat im Vorjahr gebildet. Hiermit soll verhindert werden, dass längerfristige Niveauverschiebungen dauerhaft auf das Barometer durchschlagen. So ist beispielsweise bei Hochinflationsländern der Wechselkurs von heute nicht mit dem vor 15 Jahren vergleichbar. Auch bei Rohstoffen kommt es immer wieder zu dauerhaften Niveauverschiebungen.

Schließlich wird eine Indexierung vorgenommen, sodass für jede Kennzahl der Wert des minimalen Krisenrisikos den Wert 0 zugewiesen bekommt und der des maximalen Krisenrisikos 100. Falls es sich bei den berücksichtigten Rohstoffen um Exportrohstoffe handelt, wird außerdem ein Gesamt-Rohstoffindex gebildet. Die Gewichtung der einzelnen Rohstoffe stimmt dabei mit dem Exportanteil überein.

Bildet man für jedes Land das Mittel der dazugehörigen Kennzahlen, so erhält man den Länderindex. Bei (gleichgewichteter) Aggregation dieser ergibt sich schließlich der "Schwellenländer-Krisenbarometer" Gesamtindex.

Die Einzelindizes werden um Extremausschläge bereinigt, um eine Verzerrung für den Gesamtindex zu vermeiden. Die Bereinigung erfolgt, in dem man bestimmte Werte deckelt.

Interpretation

Durch die Normierung der Risikofaktoren auf eine Zahl zwischen 0 (minimales Risiko) und 100 (maximales Risiko) ergibt sich eine relative Risikomessung, die sich an der Historie orientiert. Das ist wichtig für die Interpretation der Ergebnisse: Wenn beispielsweise in einem Land der CDS-Spread zwischen 20 und 80 Basispunkte schwankte, dann bedeutet ein CDS-Spread von 80 Basispunkten ein maximales Risiko von 100. Bei einem anderen Land, dessen CDS-Spread zwischen 100 und 500 schwankte, ist der Indexwert 100 bei 500 Basispunkten erreicht. Wenn also der Gesamtindex einen hohen Wert erreicht, dann heißt das, dass die beteiligten Länder jeweils einen historisch gesehen relativ hohen Risikograd erreicht haben. Man kann nicht ableiten, ob ein Land risikoreicher als das andere Land ist.

Zuletzt ist anzumerken, dass nur finanzwirtschaftliche Daten zur Messung des Krisenrisikos verwendet werden. Dass hat den Vorteil, dass jederzeit aktuelle Daten abgerufen werden können (sozusagen in "Echtzeit"), was die Verzögerung des Indizes auf plötzliche Ereignisse minimiert. Gleichzeitig werden aber fundamentale Daten wie z.B. Leistungsbilanzsalden oder Währungsreserven ignoriert. Es lassen sich somit keine direkten Aussagen über fundamentale Bewertungen treffen. Dies ist bei der Interpretation des "Schwellenländer-Barometers" zu berücksichtigen.