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Auf einen Espresso mit ...
30.11.2016

Allen Crash-Prognosen zum Trotz steigen nach der Wahl von Donald Trump zum nächsten US-Präsidenten die Aktien auf breiter Front. Auch der Dollar zeigt sich stärker. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank sagt im Interview, warum er dennoch nicht mit einem wirtschaftlichen Boom in den USA rechnet.

Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank (Foto: HSH Nordbank)

Vor der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten wurde vermutet, dass die Börsen danach in die Knie gehen. In den USA passiert gerade genau das Gegenteil. Weshalb?
Dr. Cyrus de la Rubia: Die Anleger scheinen sich die Punkte aus dem Wahlprogramm herauszugreifen, die die Aktien beflügeln. Dazu zählen die versprochenen Steuersenkungen und ein ominöses Mega-Infrastrukturprogramm. Wachstumsfeindliche Elemente wie etwa eine protektionistische Handelspolitik und die Abschiebung von Millionen Immigranten - auch das waren Versprechungen im Wahlkampf - werden hingegen ignoriert.

Der Dollar wird ebenfalls stärker. Woran liegt das?
Dr. Cyrus de la Rubia: Interessanterweise hat die Hoffnung auf verstärkte Infrastrukturausgaben und Steueresenkungen die Erwartung einer höheren Inflation beflügelt. Daher sind die Zinsen in Amerika recht stark gestiegen und viele Investoren schichten jetzt ihr Geld um, weil sie höhere Renditen in den USA erwirtschaften können. Das stärkt den US-Dollar und schwächt den Euro.

Einige erwarten nun einen Aufschwung in den USA. Wie realistisch sind diese Hoffnungen?
Dr. Cyrus de la Rubia: Die Hoffnung auf Steuersenkungen erscheint mir durchaus realistisch und von dieser Seite ist auch ein positiver Impuls für die US-Wirtschaft zu erwarten. Die meisten Republikaner dürften sich hier in der Tradition des ehemaligen Präsidenten Ronald Reagan verstehen, der in den 1980er die Steuersätze massiv nach unten schleuste. Bei den Infrastrukturausgaben bin ich wesentlich skeptischer.

Warum? Die USA kann doch sicherlich eine Modernisierung seiner Infrastruktur gebrauchen.
Dr. Cyrus de la Rubia: Das steht außer Frage. Ich glaube aber, dass die Republikaner dazu nicht bereit sind, zumindest nicht in dem großen Stil, den sich viele Marktteilnehmer erhoffen. Traditionellerweise möchten Republikaner einen schlanken Staat. Das passt zu dem Vorhaben, die Steuern zu senken, nicht aber zu der Idee, Ausgaben zu erhöhen. Trump wird für ein staatlich finanziertes großvolumiges Infrastrukturprogramm keine Mehrheit bekommen.

Wie langfristig wird der Boom sein?
Dr. Cyrus de la Rubia: Es wird keinen Boom geben. Ja, die Gewinne der Unternehmen werden steigen und den privaten Haushalte verbleibt zunächst auch mehr Geld in der Tasche, was zu einer höheren Konsumnachfrage führen wird. Auf der anderen Seite wird Trump das Problem der USA, nämlich eine bereits seit Jahrzehnten sinkende Produktivität, nicht beseitigen. Wir rechnen mit einer Wachstumsbelebung, das BIP dürfte um 2,4 % in 2017 zulegen. Im historischen Maßstab ist das ein recht moderates Wirtschaftswachstum.

Weshalb spielen die Sorgen um einen aufkeimenden Protektionismus bislang keine Rolle, obwohl Trump das Abkommen mit den Pazifikstaaten praktisch aufgekündigt hat?
Dr. Cyrus de la Rubia: Die langfristigen Auswirkungen dieses Schritts werden unterschätzt. Mit der praktischen Aufkündigung des nur noch zu ratifizierenden TPP verschieben sich die Machtverhältnisse zugunsten von China. Denn China war von dem TPP ausgeschlossen, ganz bewußt, weil die USA ein Gegengewicht zu dem Land der Mitte aufbauen wollte. Wenn die USA sich jetzt zurückzieht, werden Länder wie Australien, Malaysia, aber auch Chile und Peru geradezu in die Arme von China getrieben. Die wirtschaftliche und politische Macht Chinas wird dadurch zunehmen, zulasten der USA und auch zu Lasten Europas.