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03.11.2016

Das Britische Pfund ist auf historische Tiefstände gerutscht – eine Folge der Ängste vor einem "harten Brexit". Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank, sagt: Wenn Investoren Angst haben, in UK zu investieren, wird es schwierig.

Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank

Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank

Im Sommer haben die Briten für den Austritt aus der EU gestimmt. In ihrer Rede von Anfang Oktober deutete Regierungschefin Theresa May an, die Verhandlungen darüber im Frühjahr 2017 starten zu wollen – seitdem hat das Pfund massiv verloren, weshalb?
Dr. Cyrus de la Rubia: Theresa May wirkte bislang eher pragmatisch und wirtschaftsfreundlich. In ihrer Rede deutete sie einen harten Brexit an. Es soll kein Modell á la Norwegen geben, das dem Land vollen Zugang zum Binnenmarkt gewährleistet. Es geht ihr um volle Souveränität für Großbritannien, vor allem bei Migrationsfragen. Dieses harte Szenario fürchtet die britische Wirtschaft, weil scharfe Einbußen beim Wachstum drohen. Die Finanzwelt dürfte zusätzlich leiden, weil es für die Banken dann wohl keinen EU-Pass mehr gibt. Der bietet ihnen von London aus den Zugang zum europäischen Binnenmarkt. Das Ergebnis dieser Sorgen lässt sich am Wechselkurs des Pfund ablesen: Gegenüber dem US-Dollar ist die Währung so schwach wie seit 30 Jahren nicht mehr, gegenüber dem Euro steht das Pfund so niedrig wie zuletzt im Juli 2011.

Ist damit der Boden gefunden oder fällt das Pfund weiter?
Dr. Cyrus de la Rubia: Der Abwärtstrend kann weitergehen. Die Frage ist, ob Großbritannien in eine Leistungsbilanzkrise gerät. Das Leistungsbilanzdefizit liegt bei fünf bis sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP), das ist relativ hoch. Das heißt: Das Land verschuldet sich jeweils in Höhe von fünf bis sechs Prozent des BIP im Ausland und ist auf einen weiteren Kapitalzustrom angewiesen. Wenn Investoren Angst haben, in UK zu investieren, wird es schwierig. Nissan hat beispielsweise eine große Produktion in Großbritannien – deren Kapazität soll aber nicht ausgebaut werden. Unklar ist auch, wie Immobilieninvestoren reagieren, wenn die Häuserpreise in London sinken. Kapital könnte abfließen und die Währung weiter unter Druck setzen.

Die Pfundschwäche hat auch Vorteile: Die britische Industrie kann ihre Produkte günstiger anbieten.
Dr. Cyrus de la Rubia: Ja, stimmt. Aber wie gesagt: Das Land importiert mehr Güter als es exportiert. Dazu kommt: Zu dem Wirtschaftsraum, in den britische Firmen die Hälfte ihrer Güter verkaufen, in die EU, werden sie wohl bald keinen komplett freien Zugang mehr haben. Der Wettbewerbsvorteil durch das schwache Pfund kann beispielsweise durch Zölle zerstört werden.

Diese Risiken kennt Theresa May doch auch.
Dr. Cyrus de la Rubia: Vielleicht steckt politisches Kalkül dahinter. Wenn Theresa May versucht, den Wählerwillen möglichst genau umzusetzen und die Märkte darauf drastisch reagieren, kann sie ohne Gesichtsverlust beidrehen und sagen: Ich habe es versucht, die Verwerfungen durch einen harten Brexit sind aber zu groß, wir müssen unsere Positionen teilweise aufgeben.

Großbritannien war nach dem Brexit tief gespalten. Wie geht es weiter in dem Land?
Dr. Cyrus de la Rubia: Das Problem ist eine drohende Rezession, geschürt durch den Brexit. Dann steigt die Arbeitslosigkeit, das wäre eine harte innenpolitische Belastungsprobe.

Kann die englische Zentralbank eingreifen, um die Wirtschaft gegebenenfalls zu stimulieren?
Dr. Cyrus de la Rubia: Zinssenkungen würden das Pfund weiter schwächen. Das könnte die Abwärtsspirale weiter beschleunigen. Deshalb glaube ich nicht, dass es dazu kommt. Eine Abwertung würde auch die Inflation anheizen, das spricht ebenfalls gegen eine Zinssenkung.