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CEO-TALK | Stefan Ermisch trifft: Valentin Stalf
29.11.2016

Die Finanzwelt ist im Umbruch. Fintech-Unternehmen greifen die Geschäftsmodelle etablierter Banken an und richten ihren Service auf die Bedürfnisse einer jungen, mobilen Kundschaft aus. Stefan Ermisch, Vorstandsvorsitzender der HSH Nordbank, setzt sich mit den Gründern an einen Tisch – und diskutiert über disruptive Geschäftsmodelle und frische Ideen fürs Banking. Zum Auftakt trifft Stefan Ermisch N26-Gründer Valentin Stalf, dessen Fintech sich gerade neu aufstellt. N26 ist jetzt im Besitz einer deutschen Vollbanklizenz, und die Konten ziehen bis zum 30. November von der Wirecard Bank zur N26 Bank um.

N26-Gründer Valentin Stalf (l.) und Stefan Ermisch, Vorstandsvorsitzender der HSH Nordbank (Foto: Timo Schmidt)

N26-Gründer Valentin Stalf (l.) und Stefan Ermisch, Vorstandsvorsitzender der HSH Nordbank (Foto: Timo Schmidt)

Machen Fintechs klassische Banken überflüssig?
Valentin Stalf: Ich würde das nicht als Kampf der Systeme sehen. Im Endeffekt geht es darum, die Wünsche der Kunden zu erkennen und zu erfüllen. Wer das besser kann, hat Erfolg.

Und erkennen Fintechs die Wünsche der Kunden besser als traditionelle Banken?
Valentin Stalf: Fintechs und auch wir bei N26 haben Vorteile. Wir sind ein agiles Unternehmen, das sich auf eine Kundengruppe spezialisiert hat: junge Leute, die mit dem Smartphone aufgewachsen sind, auch Digital Natives genannt. Denen stellen wir ein erstklassiges Produkt zur Verfügung. Wir können komplett frei agieren, denn wir haben nicht Millionen anderer Kunden, auf die wir Rücksicht nehmen müssen. Und: Wir haben eine komplett neue IT-Plattform, das erleichtert die Arbeit.

N26 tritt mit dem Slogan "Banking by Design" an. Was heißt das?
Valentin Stalf: Wir bieten einfache User-Experience komplett auf dem Smartphone bieten. Grundbaustein dafür ist Design. Deshalb: "Banking by Design". Heutige Bankprodukte sollten komplett digital sein, da macht Design den wesentlichen Unterschied.

Lösen Bedienungskomfort und Geschwindigkeit die klassischen Werbebotschaften im Bankgeschäft wie Vertrauen und Nähe ab?
Stefan Ermisch: Gerade die Smart Natives, also die jungen Leuten, die mit Mobiltelefonen aufgewachsen sind, wollen diese Sprüche von Vertrauen und Nähe nicht mehr. Die schauen: Was macht meine Community? Wie verhält die sich? Was empfiehlt die? Die klassischen Banken, vor allem die Retailbanken, kämpfen mit über Jahre gewachsenen Erschwernissen. Sie haben große Flächen und viele, teils vor Jahrzehnten ausgebildete Mitarbeiter, die keinen engen Bezug zum Smartphone haben. Der Bankenbereich ist eine im Umbruch befindliche Industrie. Gerade bei Privatkunden haben Fintechs deshalb große Chancen. Wie ist denn die Altersstruktur Ihrer Kunden, Herr Stalf?

Valentin Stalf: Die meisten sind zwischen 18 und 35 Jahre alt.

Stefan Ermisch: Die lernen Banking auf ihre Art und Weise kennen. Die kennen kein anderes System. Es findet eine Generationenrevolution statt. Die großen Häuser werden Mühe haben, da mitzukommen. Aber sie werden sich zügig der Realität stellen müssen. Und vergessen wir bitte nicht: Noch haben die Retailbanken den Kontakt zum Kunden. Das ist ein Potenzial – auch für die sogenannten älteren Strukturen.

Valentin Stalf: Die Disruption kommt durch das Mobiltelefon. Das ist ein neuer Kanal, über den wir Dinge tun können, die wir vor zehn Jahren nicht denken und vor drei Jahren nicht machen konnten. Heute besuchen junge Kunden die Filialen nicht mehr und erstklassige digitale Produkte gibt es im Banking praktisch nicht. Dadurch haben viele Banken den Kontakt zum Kunden komplett verloren.

Das klingt so, als seien die Fintechs auf dem richtigen Weg.
Stefan Ermisch: Der Kunde braucht eine Bankkarte, eine Kreditkarte, ein Kreditkonto und ein normales Konto und – wenn er mag – noch eine standardisierte Wertpapierempfehlung. In diesem Bereich sehe ich für neue Ansätze eine Riesenchance. Die größeren Häuser verdienen seit langer Zeit im Retailgeschäft kein Geld. Eins darf man bei dieser Diskussion allerdings nicht vergessen: Die Retailbanken haben einen Flächenauftrag. Der kostet natürlich Geld, hat aber eine soziale Komponente. Die wird derzeit vielleicht etwas überbetont, wir dürfen sie aber nicht vergessen. Das ist für die Gesellschaft auch von Bedeutung.

Fakten & Zahlen zu N26

  • Die Online-Bank wurde 2015 als Number26 gegründet und im Juli dieses Jahres zu N26 umbenannt
  • Am Anfang operierte das Unternehmen mit einer Banklizenz der Wirecard-Bank, besitzt mittlerweile aber eine eigene deutsche Vollbanklizenz
  • Mitgründer der Bank ist Maximilian Tayenthal
  • Eine Kontoeröffnung dauert bei N26 nach Unternehmensangaben acht Minuten
  • Geld abheben und einzahlen geht bei rund 7000 Geschäften und Supermärkten in Deutschland, zum Beispiel bei REWE oder Penny

Herr Stalf, wie wollen Sie mit Retailbanking Geld verdienen?
Valentin Stalf: Generell lässt sich im Retailbanking natürlich Geld verdienen. Viele Bankprodukte haben durchaus spannende Margen. Das Problem sind die Altlasten der Banken: hohe Kosten für Gebäude, für Technik, für Personal. Mit einer schlanken Infrastruktur und einer schlanken Organisationsstruktur kann man mit Retailbanking Geld verdienen. Wir haben einen Businessplan, dem folgen wir. Das funktioniert. Wichtig ist nicht nur ein digitales Produkt zu liefern, sondern ein digitales Unternehmen zu bauen. Die App steht dabei im Mittelpunkt.

Weshalb ist das ein Vorteil?
Valentin Stalf: Die Kunden öffnen die App fast täglich. Dadurch verstehen wir was unsere Kunden wollen, können uns darauf fokussieren und Vertrauen schaffen. Wir können unseren Kunden einfach und digital neue Möglichkeiten aufzeigen. Kaufabschlüsse für Produkte, die früher sehr kompliziert waren, sind heute in wenigen Klicks ganz einfach darstellbar. Wir gestalten diese komplexen Prozesse, die früher überwiegend in der Filiale stattgefunden haben nun ganz einfach und machen sie von überall zugänglich. Dazu kommt: Die Brands der traditionellen Banken werden gerade von jungen Kunden kritisch gesehen – das hängt an vielen Faktoren, auch der Finanzkrisen.

Was können klassische Banken tun, um das Vertrauen zurück zu gewinnen?
Stefan Ermisch: Gerade in Deutschland werden Banken für viele Probleme verantwortlich gemacht, für die sie teilweise gar nichts können. Es stimmt ja nicht, dass Banken für die hohen Staatsschulden in vielen Ländern zuständig sind. Aber die öffentliche Meinung hat sich so ergeben. Das Vertrauensmoment funktioniert deshalb nicht mehr. Da haben die Fintechs Vorteile. Die Frage ist: Wie bekommen die jungen Unternehmen den live-Betrieb hin, wenn es richtig losgeht mit Regulierung, mit Transparenz, mit den Zwangsjacken, die das Bankgeschäft heutzutage mit sich bringt. Herr Stalf, Sie haben seit zwei Monaten eine Banklizenz. Wie erleben Sie die Regulierung?

Valentin Stalf: Die Regulierungsbehörden haben uns mit der Lizenz gezeigt, dass sie an unser Geschäftsmodell glauben. Wir haben ein gutes Verhältnis zum Regulator, der genau sieht, wo die Möglichkeiten unseres Modells liegen. Wenn die Kosten niedrig sind, kann ich in einem Geschäft profitabel sein, bei dem viele Banken kein Geld verdienen – ohne Filialnetz, aber mit einem guten Service durch unsere App. Das sieht der Regulator. Wir haben es natürlich auch einfacher, mit einem neu aufgesetzten IT-System die Anforderungen der Regulierungsbehörden zu erfüllen.

Jetzt ist bei N26 alles neu, relativ klein und überschaubar. Ihre IT altert, mit der Größe des Unternehmens steigt die Komplexität. Ist das Wachstum eine Gefahr für N26?
Valentin Stalf: Ein Unternehmen geht durch unterschiedliche Phasen. Am Anfang ist alles super, weil sie alles so bauen können, wie sie wollen. Natürlich ist es immer eine Challenge, von einem Unternehmen mit gut 200 000 Kunden zu einem Unternehmen mit – hoffentlich – ein paar Millionen Kunden zu werden. Es ist unsere Aufgabe, das Wachstum nachhaltig zu gestalten. Am Ende ist für uns entscheidend, wie hoch unsere Innovationskraft in fünf oder zehn Jahren ist. Die tollen Unternehmen bleiben innovativ – das versuchen wir auch.

N26-Gründer Valentin Stalf (l.) diskutierte mit Stefan Ermisch, Vorstandsvorsitzender der HSH Nordbank, über die Zukuftschancen von Fintechs und klassischen Banken (Foto: Timo Schmidt)

N26-Gründer Valentin Stalf (l.) diskutierte mit Stefan Ermisch, Vorstandsvorsitzender der HSH Nordbank, über die Zukuftschancen von Fintechs und klassischen Banken (Foto: Timo Schmidt)

Wie möchte N26 mit einer kleinen Mannschaft vielen Kunden das passende Angebot machen?
Valentin Stalf: Wir können und wollen nicht in jedem Produkt der Beste sein. Es gibt bestimmte Player, die in Nischenmärkten exzellente Produkte anbieten. Mit denen wollen wir zusammen arbeiten und unseren Kunden so den Zugriff auf deren Produkte ermöglichen. Das gilt für Auslandsüberweisungen genauso wie für Anlageprodukte und Kredite. Uns geht es darum, unseren Kunden das Beste am Markt anzubieten. Die eigene Bilanz wollen wir klein halten, um nicht den Zwang zu haben, das Kapital permanent einsetzen zu müssen.

Stefan Ermisch: Ein Problem haben sie aber: Sie gehen mit Finanzprodukten zu den Kunden, die mal Freude, aber auch mal Leid produzieren. Damit werden sie identifiziert.

Haben Fintechs wie N26 auch im Commercial Banking eine Chance?
Stefan Ermisch: Derzeit ist bei großen Projekten und strukturierten Finanzierungen eine wirkliche Beratungsleistung notwendig. Eine umfangreiche Immobilienfinanzierung mit einem Projektentwickler ist heute nicht so standardisierbar, dass man sie über Plattformen vertreiben könnte. Die Digitalisierung bringt enorme Vorteile, wenn es standardisierte Prozesse gibt. Dann kann man die Kosten massiv senken, dann schaffen sie einen echten Mehrwert. Bei richtig komplexen Geschäften geht das nicht.

Valentin Stalf: Die Veränderung startet im Privatbereich, weil die Transaktionen dort weniger komplex sind. Bei einem Privatkredit von 10.000 Euro ist es wichtig, den Prozess einfach und mobil zu gestalten. Geschäftskunden erhalten heutzutage wenig attraktive Angebote, die in der Digitalisierung noch weit hinter dem im Retailbanking hinterher hängen. Das birgt natürlich riesiges Potenzial für uns. Bei großen Projektfinanzierungen spielen zwar die Kosten für den einzelnen Betreuer nur eine untergeordnete Rolle, aber digitale Prozesse erhöhen die Servicequalität, Geschwindigkeit und Flexibilität. Insbesondere SMEs sind da unsere erste Zielgruppe im nächsten Jahr. Unsere Mitarbeiter sind darauf bedacht, digitale und automatisierte Lösungen für jeden Kunden zu entwickeln und ihre Problem zu lösen - auch die von Geschäftskunden. Auch hier werden wir einen Wandel stattfinden lassen.

Stefan Ermisch: Das kann ich mir vorstellen – solange es um standardisierte Prozesse geht.