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02.11.2016

Unter Top-Managern wird die Krawatte zum Auslaufmodell. Zu konservativ, nicht agil genug. Wer die Welt verbessern will, braucht keinen Schlips. Stimmt. Aber ist kein Schlips schon genug, um die Welt zu verbessern?

Daimler-Chef Zetsche gilt unter den schlipslosen Top-Managern deutscher Unternehmen als Vorreiter (© Getty Images)

Daimler-Chef Zetsche gilt unter den schlipslosen Top-Managern deutscher Unternehmen als Vorreiter (© Getty Images)

Wenn demnächst wieder die Jagd nach Weihnachtsgeschenken beginnt, können die Gattinnen von Top-Managern um eine Station getrost einen großen Bogen machen: Krawattengeschäfte. Ob Daimler-Chef Dieter Zetsche, Siemens-Vorsteher Joe Kaeser, VW-Ober-Digitalo Johann Jungwirth, der gesamte Otto-Vorstand oder die Top-Ebene bei Bosch – der Schlips ist immer öfter weg. "Die Krawatte als Machtsymbol der Manager-Gilde hat ausgedient", konstatierte die FAZ bündig. Ärmel hochkrempeln, Hemdkragen offen lassen – so tritt der Vorstand von Welt jetzt auf.

Die Frankfurter Management-Beraterin Sabina Wachtel sagte dazu geheimnisvoll, dass Outfit und Kleidung immer auch "verschlüsselte Botschaften" transportierten. Was im Fall der No-Tie-Politik natürlich Unfug ist, denn von "Verschlüsselung" kann nun wahrhaftig keine Rede sein. "Ich! Bin! Ein! Rebell!", klatschte vor Jahren schon der demonstrativ mit blankem Hals auftretende griechische Regierungschef Alexis Tsipras seinen EU-Verhandlungsgegnern um die Ohren.

Die Botschaft, die von schlipslosen Top-Managern deutscher Unternehmen gesendet wird, ist noch simpler: Wir sind jetzt auch lässig. Wir haben begriffen, dass man keine Krawatte tragen muss, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Wir sind agil, weltoffen und innovativ. Zugegeben, wir haben kein Google aufgebaut, kein Apple, kein Amazon, kein Uber und kein Tesla. Noch nicht. Denn ist der Schlips erstmal ab, kommt der ganze "fancy shit" (Joe Kaeser) quasi von alleine. Für den Fall, dass das immer noch nicht klar genug ist, werden die Apologeten der No-Tie-Bewegung gerne deutlicher: "Es geht um ein anderes Mindset, bei uns zieht ein Startup-Spirit ein", verkündete ein Bosch-Sprecher.

Das klingt nach einer guten Sache, Kleider machen bekanntlich Leute. Aber machen fehlende Schlipse aus Konzernen Start-ups? Machen sie aus bedrohten Geschäftsmodellen (Verbrennungsmotoren) erfolgreiche Angreifer (Tesla)? Was ändert sich bei der Allianz, wenn Chef-Versicherer Oliver Bäte rote Turnschuhe zum Anzug trägt? Es ist eine Sache, die Krawatte abzulegen – und eine ganz andere, einen ganzen Konzern umzukrempeln. Die Abschaffung der Krawattenpflicht ist lediglich ein Symbol für den Versuch traditioneller deutscher Unternehmen, in Sachen Coolness und Digital den Abstand auf die Vorreiter aus dem Silicon Valley nicht zu groß werden zu lassen. Und es geht allemal schneller, als das eigene Geschäftsmodell komplett zu drehen.

Das hat die neue Schlipslosigkeit gemeinsam mit dem anderen Stil-Trend, der in Unternehmen derzeit Raum greift: die Duz-Kultur. Auch sie: locker, unprätentiös, es zählen Inhalte statt Titel. Das Duzen baue Hierarchien ab, und das sei gut so, sagte VW-Digitalchef Johann Jungwirth ("Ich bin J. J."). Noch eine feine Sache – doch glaubt im Ernst jemand daran, dass die Worte von Dieter Zetsche oder Joe Kaeser weniger Gewicht hätten, nur weil sie keine Krawatte tragen oder immer öfter duzen? Wer als Mitarbeiter einmal Jeff Bezos oder Steve Jobs erlebt hat, weiß, dass knallharte Hierarchien nichts mit schwarzen Rollkragenpullis und fehlenden Krawatten zu tun haben, sondern mit einer Einstellung, mit einer Kultur. Und genau da liegt das andere große Problem der Schlipslosigkeit. Die Krawatte wurde einst zum Status-Symbol, weil sich die bessere Gesellschaft damit von der Arbeiterschaft abgrenzen konnte. "La cravate, c’est l'homme", sagte Honoré de Balzac. Nur folgerichtig, dass die neue Netz-Kultur im Valley sich auch abgrenzte gegen die alten Wirtschafts-Eliten, indem sie die Krawatte abschaffte: Hört zu, Ihr Industriekapitäne und Investmentbanker, ab jetzt gehört die Welt den Bits und Bytes!

Kleider schaffen also Abgrenzung, Differenzierung, einen USP gegenüber der Konkurrenz. Doch wieviel Differenzierung bleibt, wenn alle sich in die gleiche Richtung abgrenzen? Wenn es um schnelle Umsetzung von Ideen abseits ausgetretener Pfade geht, um agiles Denken, um "out of the box" – wie sinnvoll ist es dann, wenn alle das Gleiche tun? Aus Krawattenzwang wird No-Tie-Regel – eine Uniform ersetzt bloss die andere.

Nein, wer wirklich etwas ändern will, braucht mächtigere Symbole. Ein Tipp für Weihnachten: Da das Krawattengeschäft jetzt No-Go-Area ist, wie wäre es mit einem Hoodie? Damit fällt der deutsche Vorstand wenigstens noch auf. Mehr Valley geht derzeit nicht.