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12.10.2016

Der Schweizer Ökonom Prof. Dr. Thomas Straubhaar erklärt in einem Gastbeitrag, warum sich die "3 Ps", nämlich Protest, Populismus und Protektionismus so verheerend auf die globale Wirtschaft auswirken

Protektionismus ist eine Gefahr für die Weltwirtschaft (© Getty Images)

Protektionismus ist eine Gefahr für die Weltwirtschaft (© Getty Images)

Zuerst hat der Internationale Währungsfonds (IWF) in seinem Ausblick von Anfang Oktober eindringlich vor "politischen Spannungen" als "hauptsächlicher Quelle der Unsicherheit" gewarnt. Sie würden das wirtschaftliche Wachstum gefährden. Firmen warten mit Investitionen, verschieben Neueinstellungen und überdenken Expansionsabsichten. Makroökonomische Wohlstandsverluste sind die Folgen.

Die Entscheidung des Vereinigten Königreichs, die Europäische Union verlassen zu wollen, lässt den IWF die Wachstumsprognose für das laufende und kommende Jahr nach unten korrigieren. Der Dämpfer beträgt für Großbritannien 0,1 Prozent in diesem und 1,1% im nächsten Jahr. Die Weltwirtschaft wird – auch des Brexit wegen - 2016 und 2017 langsamer wachsen als ursprünglich vom IWF erwartet – nämlich 3,1 % dieses und 3,4% nächstes Jahr und damit erneut weniger als in den goldenen Jahren der Globalisierung vor der Finanzmarktkrise.

Jetzt hat die UN-Handelsorganisation UNCTAD die neuesten Daten für die grenzüberschreitenden Investitionen nachgeschoben. Das Ergebnis ist alarmierend. 2016 würden Unternehmen jenseits des Heimatmarktes ihre Investitionstätigkeit im Ausland gegenüber dem Vorjahr um zehn bis 15 Prozent zurückfahren. Mit 1,5 Billionen Dollar liegt das Volumen der Direktinvestitionen heute rund einen Viertel und dem Rekordniveau von 2007, Die Weltwirtschaft ist heute deutlich weniger stark verflochten als vor der Finanzmarktkrise.

Die klare Botschaft von IWF und UNCTAD lautet: Globalisierung ist out. 3-Ps sind in. Protest der Bevölkerungen gegen die Öffnung von Märkten, Zuwanderung und fremde Unternehmenskulturen bildet den Nährboden für Populisten, die Protektion als simples Rezept gegen Güter, Menschen und Kapital aus dem Ausland anbieten. Vielen wäre es am liebsten, wenn man das Rad der Zeit in die Vergangenheit zurückdrehen könnte. Zurück in eine Zeit, in der das meiste überschaubar, national wirkungsvoll regulierbar und politisch einfacher regierbar war.

Prof. Dr. Thomas Straubhaar, Professor für Volkswirtschaftslehre, sorgt sich wegen der "3Ps" um die Weltwirtschaft

Prof. Dr. Thomas Straubhaar, Professor für Volkswirtschaftslehre, sorgt sich wegen der "3Ps" um die Weltwirtschaft

Natürlich ist nicht jede Globalisierungskritik nationalistisch. Genauso wenig sind alle Zuwanderungsbeschränkungen populistisch. Zum Populisten wird, wer mit Gefühlen statt Fakten Massen für einfache Lösung komplexer Herausforderungen mobilisiert und aus gemeinen fremdenfeindlichen Beweggründen das Ausland zum Sündenbock für einen ungewollten und ungeliebten Strukturwandel macht. Wer behauptet, Alternative für Misswirtschaft zu sein, erweist sich allzu oft als Alternative gegen eine offene, liberale und tolerante Gesellschaft.

Weder Populismus noch Nationalismus bieten Lösungen für die großen Zukunftsprobleme wie Klimawandel, ökologische Nachhaltigkeit oder Bekämpfung von Massenarmut und Elend. Im Gegenteil: sie lassen die Gefahr von Konflikten und Machtkämpfen wachsen und bedrohen damit Frieden und Sicherheit.

Mehr noch: oft beeinträchtigt eine populistische Politik in der längeren Frist gerade besonders die Schwächeren, die man eigentlich vorgibt zu schützen. In seinem aktuellen Ausblick zeigt der IWF, wie gerade die Schwachen in den weniger weit entwickelten Weltregionen mit ungleicher Wohlstandsverteilung unter dem Populismus des Nordens leiden.

Nationalisierung statt Internationalisierung und Abschottung statt Öffnung für Fremde und Fremdes sind der neue Trend. Er wird in den kommenden Jahren das ökonomische Tempo nicht beschleunigen, sondern bremsen. Keine guten Aussichten weder für die Welt, noch Europa oder Deutschland.