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Gesundheitswirtschaft
11.08.2016

Die Gesundheitswirtschaft in Deutschland ist ein gigantischer Markt, der derzeit umfassende Veränderungen durchmacht, wie der Branchenbericht Gesundheitswirtschaft der HSH Nordbank zeigt. In Teil drei unserer Serie betrachten wir die Pflegeeinrichtungen.

Die Zahl ist ebenso erschreckend wie ermutigend: 2,6 Millionen Menschen waren in Deutschland Ende Dezember 2013 pflegebedürftig. Das ist erschreckend, weil mittlerweile die Wahrscheinlichkeit höher ist, einmal im Leben – zumindest vorübergehend – pflegebedürftig zu sein, als nicht pflegebedürftig zu sein. Sie liegt bei 56,7 Prozent bei den Männern und 74,2 Prozent bei den Frauen (der Wert bei Frauen ist deshalb so viel höher, weil sie im Durchschnitt vier Jahre älter werden). Und es ist ermutigend, weil es zeigt, welche Solidarleistung die Gesellschaft vollbringt. Knapp die Hälfte aller 2,6 Millionen Pflegebedürftigen werden von Angehörigen zu Hause betreut. Rund ein Drittel ist in Pflegeeinrichtungen stationär untergebracht, die übrigen werden von Pflegediensten zu Hause versorgt. Die Pflegedienste und stationären Pflegeeinrichtungen sind für die Stabilität der Gesellschaft in Deutschland und ihre Solidaritätsleistungen eine tragende Säule geworden. „Doch sie stehen vor enormen Herausforderungen, die teilweise neue Strategien erfordern“, sagt Thomas Miller, er hat im Branchenbericht Gesundheitswirtschaft der HSH Nordbank den Bereich Pflege analysiert:

Die Ausgangssituation: Pflege ist ein vergleichsweise beständiger Markt

Ein Zehntel des gesamten Gesundheitsmarktes macht der Bereich Pflege aus. Diejenigen, die sich hier engagieren, haben es auf den ersten Blick nicht leicht: „Die durchschnittlichen Gewinnmargen liegen bei 2,6 Prozent“, sagt Thomas Miller. Andererseits sind die Beträge pro Patient weitestgehend fixiert und planbar. Das hat dazu geführt, dass immer mehr private Pflegeanbieter auf den Markt kommen. Ihre Strategie war meist: Andere Pflegeheime zu übernehmen.. Inzwischen aber bauen viele Anbieter auch neue Gebäude – können Sie so doch unter anderem eine höhere Qualität gewährleisten. Oft holen sie dabei Kapitalinvestoren ins Boot und mieten die gebauten Häuser dann von ihnen an. Ein Trend, der in jüngster Zeit Fahrt aufgenommen hat. Offenbar wirken die planbaren Einnahmen anziehend. „Der Pflegemarkt wächst also bei überschaubaren Margen“, sagt Miller.

Was die Beständigkeit gefährdet

Diese Beständigkeit wird derzeit allerdings durch verschiedene Faktoren gefährdet. So ist die Konkurrenzsituation groß, weil die Markteintrittskriterien vergleichsweise niedrig sind. Zudem macht der Personalmangel den Anbietern zu schaffen: Weil ausgebildete Pflegekräfte rar sind, steigt ihr Lohn kontinuierlich an. Das drückt die Margen weiter nach unten. Weiteren Druck auf die ohnehin schon geringen Margen stellen die ständig steigenden Materialkosten dar, ebenso der begrenzte Anstieg der Pflegesätze. Ein neues Pflegestärkungsgesetz droht vor allem für stationäre Pflegeeinrichtungen die Margen weiter zu mindern.

Was stabilisierend und wachstumsfördernd wirkt

Trotz aller genannten Widrigkeiten steht eine Tatsache fest: der Markt wächst. „Die Nachfrage nach Pflegeeinrichtungen wird jährlich um rund zwei Prozent steigen“, sagt Miller.

Durch die zunehmenden Neubauten lassen sich die neuen Anforderungen an Pflegeeinrichtungen eher erfüllen. Auch die Qualität – etwa mehr Einzelzimmer – kann bei Neubauten berücksichtigt werden.

Die Qualität spielt auf dem kleinteiligen Pflegemarkt mit seinen vielen Anbietern eine besonders wichtige Rolle. Patienten und Angehörige wenden sich eher der Pflegeeinrichtung zu, die einen guten Ruf hat und gewisse qualitative Extras vorzuweisen hat. Durch diese Art der Selektion wird die Qualität hochgehalten, selbst wenn der Kostendruck steigt und die Marge sinkt.

Gegen die Personalverknappung helfen – wenn auch nur zu einem kleinen Teil – neue Technologien. Das sogenannte Ambient Assisted Living hilft dem Bewohner einer Pflegeeinrichtung etwa durch technische Assistenzsysteme, sich weitestgehend selbstständig zu bewegen. Für diejenigen, die in den eigenen vier Wänden leben, wird die digitale „Quartiersvernetzung“ wird dabei als besonders zukunftsweisend gesehen. Systeme für die Vernetzung von Dienst- und Betreuungsleistungen können beispielsweise lokale Informationen bereitstellen, Apothekennotdienste, Bestell- und Lieferdienste, Essen auf Rädern, Medikamentenlieferung, Arzttermine, Abholservices sowie Community-Dienste. Thomas Miller: „Der technische Fortschritt wird nicht nur für die Pflegewirtschaft ein Stück weit Erleichterung bringen, sondern auch für die Pflegebedürftigen selbst.“

Lesen Sie auch:

Teil 1 unserer Serie über die Gesundheitswirtschaft, warum Branchenexperte Tom Miller die Aussichten als gut bewertet.
Teil 2 unserer Serie über die Gesundheitswirtschaft, in der wir die Klinklandschaft in Deutschland beleuchten