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11.08.2016

Die Gesundheitswirtschaft wächst um rund 3,1 Prozent pro Jahr. Ein gigantischer Markt, der sich derzeit im Umbruch befindet. Wir stellen die Ergebnisse des HSH-Branchenbericht in einer fünfteiligen Serie vor. In Teil zwei betrachten wir die Krankenhäuser.

Die Kliniklandschaft in Deutschland, betrachten wir sie als ein Puzzle. Normalerweise greifen in einem Puzzle alle Teile ineinander. Es funktioniert nicht, wenn sich die Teile an manchen Stellen weitflächig überlappen oder wenn sie gar aufeinander liegen. Genau das jedoch ist in vielen Regionen Deutschlands der Fall, vor allem in Westdeutschland. Hier ist in einigen Regionen mehr als jede dritte Klinik finanziell ernsthaft gefährdet. Vor allem in den Ballungsräumen gibt es Kliniken, die defizitär sind, was nicht zuletzt daran liegt, dass sie Überkapazitäten haben: Die Belegungsquote ist zu niedrig. Bei kommunalen Krankenhäusern sorgt der öffentliche Druck zwar meist dafür, dass die Defizite ausgeglichen werden.

Auf Dauer wird das allerdings nicht so weitergehen. Einige Kliniken – private und auch kommunale Häuser – werden sich spezialisieren müssen hin zu Bereichen, in denen der lokale Bedarf hoch ist, andere werden wohl in absehbarer Zeit ihren Betrieb einstellen müssen. Die Umwälzung ist bereits mitten im Gange. Wir beschreiben die fünf größten Herausforderungen und Chancen, die dieser Umbruch mit sich bringt.

  1. Ein Trend, der anhält: Die privatwirtschaftlichen Klinikverbünde wachsen
    10 Prozent. So hoch ist die Ebit-Marge der privaten Krankenhäuser, die damit deutschlandweit an der Spitze sind und die gemeinnützigen und kommunalen Krankenhäuser, deren Ebit-Marge teilweise sogar im Minus liegt, weit hinter sich lassen. Wie schaffen die privaten Häuser das? „Sie achten im Spannungsfeld von humanitären Interessen und Wirtschaftlichkeit etwas mehr auf das Wirtschaftliche“, sagt Thomas Miller, Analyst und Gesundheitsexperte bei der HSH Nordbank und Autor des aktuellen Branchenberichts Gesundheitswirtschaft der HSH Nordbank. So werden beispielsweise mit größeren Einkaufsverbünden Kosten gespart, und die Bonuszahlungen für die Chefärzte sind häufig an Umsatz- und Gewinnzahlen geknüpft. Das müsse aber nicht zu Lasten der Qualität gehen. Im Gegenteil: „Die dringend notwendigen Investitionen in die Modernisierung machen vor allem die privaten Kliniken“, sagt Miller. Dementsprechend sind sie auch gewappnet – und gewinnen weiter Marktanteile: Die Zahl der privaten Krankenhäuser stieg seit 2002 von 530 auf 700. Der Trend dürfte sich fortsetzen.

  2. Ein Umdenken bei der Vergütung: Es geht künftig auch um Qualität
    Wenn ein Krankenhaus besonders gute Behandlungsergebnisse erzielt, wird es künftig mehr Geld von den Krankenkassen erhalten, umgekehrt können bei mäßigen Resultaten die Zahlungen sinken. „Noch gibt es eine solche qualitätsabhängige Vergütung nicht, es fehlen im Einzelnen meist auch die Kriterien, um die Behandlungserfolge zu messen. Aber es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis das zum Standard wird“, sagt Miller. Für die kommunalen Krankenhäuser, ist das eine Chance: Zusammen mit den Uni-Kliniken liegen viele von ihnen bei Qualitätsrankings derzeit auf den oberen Plätzen.

  3. Gute Ausgangssituation: Krankenhausmarkt wächst deutlich
    Derzeit liegt das Leistungsvolumen der Krankenhäuser etwa 20 Millionen Casemix-Punkte im Jahr. Ein Casemix-Punkt entspricht einem sogenannten Landesbasisfallwert, das sind rund 3200 Euro. Jedes Jahr steigt die Zahl der Casemix-Punkte um zwei Prozent. „Die Zahl der im Krankenhaus behandelten Patienten stieg um 1,9 Prozent auf 19,1 Millionen, der demographische Wandel wird dafür sorgen, dass diese Zahl weiter steigt“, sagt Miller. Eine an sich gute Ausgangslage für Kliniken.

  4. Wachstum bringt Veränderungen: Offenheit gegenüber Zukunftsthemen bringt Vorteile
    „Die Gesundheitsbranche ist nicht gerade berühmt dafür, besonders schnell auf Veränderungen zu reagieren. Bei Zukunftsthemen wie Digitalisierung und Telemedizin ist es aber sicher nicht verkehrt, wenn Kliniken sich zumindest ein Stück weit aus eigenem Antrieb darauf einstellen“, sagt Miller. Umso größer sei die Chance für Kliniken, die sich diesen Themen zumindest ein Stück weit zuwenden, bevor regulatorische Maßnahmen sie dazu ohnehin zwingen. Das bringe langfristig oft nicht nur Kosteneinsparungen, so Miller. Wenn eine Klinik zukunftszugewandt sei, werde das oft auch von den Patienten mit Interesse und damit einer höheren Auslastung honoriert.

  5. Kommunale Krankenhäuser am Scheideweg: Investitionsstau abbauen
    Eine Kennzahl für die Modernität eines Krankenhauses ist das Verhältnis von Buchwert der technischen Ausstattung zu deren Anschaffungskosten – je kleiner der Wert, desto älter die Technik. Nach Auswertungen von HSH Nordbank Research liegt dieser bei den Kunden der Bank aus dem privaten Sektor zwischen 43 und 58 Prozent – bei kommunalen Trägern sind es dagegen nur 12 bis 37 Prozent. Auch Universitätskliniken kommen kaum über 35 Prozent. Darin zeigt sich ein beachtlicher Aufholbedarf. Mit anderen Worten: Vor allem den kommunalen Trägern fehlen Investitionen, ihre Ausstattung ist alles andere als modern.
    Dabei steht steht vielen kommunalen Krankenhäusern trotz vergleichsweise geringen Gewinnmargen der Weg zur Investitionen über eine Fremdfinanzierung offen. Wer schlüssig darlegen kann, wie sich Einsparungen realisieren lassen, ist dabei klar im Vorteil. Als realistische Größe für Einsparungen sieht Miller „fünf Prozent der Sach- und Personalkosten, zum Beispiel durch bauliche Maßnahmen in Kombination mit Prozessoptimierungen in Notaufnahme, OP oder Diagnostik.“
    Eine Bank schaue sich zudem das wirtschaftliche Umfeld des kommunalen Krankenhauses an: Lage, lokaler Wettbewerb und Spezialisierungen. Wenn zudem ein Haftungsverbund mit der betreffenden Kommune hergestellt werden kann (bei Eigenbetrieben ist er bereits vorhanden, bei Regiebetrieben wird er über eine Bürgschaft erreicht), erhalten kommunale Krankenhäuser in der Regel attraktive Konditionen. Fremdfinanzierte Investitionen sind daher für viele kommunale Krankenhäuser eine lohnende Erwägung.

Lesen Sie im ersten Teil unserer Serie über die Gesundheitswirtschaft, warum Branchenexperte Tom Miller die Aussichten als gut bewertet.