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Gesundheitswirtschaft
04.08.2016

Alternde Bevölkerung, medizinischer Fortschritt – Tom Miller, Analyst und Gesundheitsexperte bei der HSH Nordbank, erklärt, weshalb diese Branche weiter wächst und welche Herausforderungen auf die Gesellschaft bei der Bewältigung der Gesundheitskosten zukommen.

Die Gesundheitsbranche ist im Wandel. Nicht nur Krankenhäuser müssen sich auf veränderte Bedingungen und Anforderungen einstellen. (Foto: Sven Wied)

Die Gesundheitsbranche ist im Wandel. Nicht nur Krankenhäuser müssen sich auf veränderte Bedingungen und Anforderungen einstellen. (Foto: Sven Wied)

Kaum eine Branche wächst so stetig wie die Gesundheitswirtschaft: In den vergangenen zehn Jahren lag der Zuwachs bei durchschnittlich 3,1 Prozent pro Jahr – fast doppelt so hoch wie die deutsche Gesamtwirtschaft. Bleiben die Aussichten positiv?
Tom Miller: Ja, das bleiben sie. Wir schätzen, dass die Gesundheitswirtschaft mittelfristig zwischen drei und vier Prozent pro Jahr wächst. Das liegt zum einen an der demographischen Entwicklung in Deutschland und Europa. Die Bevölkerung wird immer älter, dadurch erhöhen sich die Ausgaben für die Gesundheit. Wir gehen auch davon aus, dass der Aufwand für Behandlungen weiter zunimmt.

Das hießt: Es wird teurer. Wer kommt dafür auf?

Tom Miller: Nach dem Solidarprinzip, das in Deutschland gilt, werden die Kosten in dem Jahr bezahlt, in dem sie anfallen. Tendenziell wird es so sein, dass mehr Leute krank werden und weniger da sind, die das bezahlen.

Also: Die Krankenkassenbeiträge werden steigen.  
Tom Miller: Das ist ein Thema, mit dem wir uns mittelfristig befassen müssen. Derzeit sieht es aber noch ganz gut aus – die finanzielle Lage der Krankenkassen ist solide.

Kommunale Krankenhäuser bekommen immer Konkurrenz von privaten Trägern. Wie schnell vollzieht sich diese Entwicklung?
Tom Miller: Um die Relation zu zeigen: In Deutschland gibt es etwa 2000 Krankenhäuser. Im Jahr 2002 hatten wir etwa 800 kommunale Krankenhäuser, nun sind es noch knapp 600. Gleichzeitig stieg die Anzahl der privaten Krankenhäuser in diesem Zeitraum von 530 auf 700. Die Zahl der freigemeinnützigen Krankenhäuser ging ebenfalls zurück: Von etwa 900 auf 700.

Wie kommt dieser Umschwung zustande?
Tom Miller: Privatisierungen spielen dabei eine große Rolle. Einige private Krankenhäuser waren von zehn Jahren noch kommunale Krankenhäuser, die dann verkauft wurden. Die Kommunen haben damit ihre Finanzsituation verbessert.

Die Konkurrenzsituation bei den Krankenhäusern hat sich verschärft. Ist das eine gute Nachricht für die Patienten?
Tom Miller: Das ist schwer zu sagen. In den Qualitätsrankings stehen die kommunalen Krankenhäuser bislang an der Spitze. Die Privaten holen aber immer mehr auf, auch weil sie die Finanzmittel haben, um sich zu modernisieren. Bei den Investitionen liegen die Privaten vorn.

Was sind für Patienten die Unterschiede zwischen kommunalen und privaten Krankenhäusern?
Tom Miller: Als Patient möchte ich schnell und gut versorgt werden – das ist in der Regel in allen deutschen Krankenhäusern gewährleistet.

Private Betreiber achten auf die Rendite. Geht das zu Lasten der Qualität?
Tom Miller: Das kann man pauschal nicht so sagen. Die Tatsache, dass sie in Qualitätsrankings aufholen, zeigt vielmehr, dass der Spagat zwischen humanitären und privaten Interessen zu klappen scheint. Aber klar, die Privaten müssen auf ihre Profitabilität achten. Das sieht man auch bei der Art der Incentivierung der Chefärzte: Da geht es nicht nur um gesundheitliche, sondern auch um wirtschaftliche Faktoren.

Gesundheitswirtschaft

Der Gesundheitswirtschaftsmarkt umfasst etwa zwölf Prozent des deutschen Bruttoinlandsproduktes (BIP), insgesamt liegen die Gesundheitsausgaben bei 328 Milliarden Euro.

Das jährliche Wachstum der Branche betrug in den vergangenen zehn Jahren im Schnitt über drei Prozent – etwa doppelt so viel wie das der deutschen Gesamtwirtschaft. In der Gesundheitsbranche beschäftigen in Deutschland rund 230.000 Unternehmen fast 6,5 Millionen Menschen, das ist etwa jeder siebte Arbeitnehmer.

Der größte Teil der Gesundheitsausgaben, 28 Prozent, entfallen auf Arzneimittel und medizintechnische Produkte.

Arztleistungen kommen mit 27 Prozent knapp dahinter. Auf Pflegeleistungen entfallen 25 Prozent. 

Die Menschen werden immer älter und pflegebedürftiger – das klingt nach einer guten Basis für die Pflegeheime. Wie laufen deren Geschäfte?
Tom Miller: Die Menschen werden immer älter – dennoch ist die Marge eines durchschnittlichen Pflegeheims mit 2,6 Prozent sehr dünn.

Woran liegt das?
Tom Miller: Es gibt einerseits sehr harte Erlösobergrenzen durch die Krankenkassen und die Pflegeversicherung. Andererseits steigen die Kosten für Räume und Personal. Gerade in der Pflege sind die Standards deutlich gestiegen. Ein Beispiel: Vor zehn Jahren war es normal, im Doppelzimmer zu schlafen und ein Bad für vier Bewohner zu haben. Mittlerweile ist ein Einzelzimmer mit Bad gewünscht.    
 
Können die Erlösobergrenzen nicht angehoben werden?
Tom Miller: Das ist die Frage, wie wir das Thema Pflege gesellschaftlich lösen. Letztendlich kommen die Jungen für die Alten auf. Die Frage ist: Wie machen wir das? Wer bezahlt das? Wie viel darf das kosten? Das Budget aus der Pflegeeinrichtung deckt das Notwendigste ab.

Was ist mit ambulanten Pflegediensten?
Tom Miller: Dahin geht der Trend. Die Menschen wollen so lang wie möglich zuhause sein. Heimaufenthalte gehen immer mehr in Richtung Palliativmedizin. Die durchschnittliche Verweildauer in Heimen geht deshalb zurück.   

Finden die Dienste genügend Personal?  
Tom Miller: Das ist eine große Herausforderung. Um zwei Themen kommt man dabei nicht herum: die Qualifizierung des Pflegepersonals und eine Anerkennung der Berufe über höhere Gehälter. Anders können wir den Fachkräftemangel nicht beheben.  

Big is beautiful – in kaum einem anderen Markt gilt das so stark wie im Pharmabereich. Haben kleinere Hersteller überhaupt noch eine Chance?
Tom Miller: Es gibt eine Zweiteilung: auf der einen Seite die großen Unternehmen wie Bayer, Roche oder Pfizer. Auf der anderen Seite gibt es in der Pharmabranche aber auch viele kleinere Unternehmen – in Deutschland sind das gut 800. Davon haben 93 Prozent weniger als 500 Mitarbeiter. Es sind also genügend Nischen vorhanden. Nur eins können die kleinen Hersteller nicht leisten: flächendeckende Forschung nach neuen Medikamenten. Dazu braucht es große Unternehmen, denn die Entwicklung ist sehr teuer.  

Wie wirken sich Generika, die zunehmend eingesetzt werden, auf den Markt aus?
Tom Miller: Solange ihre Patente laufen, versuchen die Pharmahersteller die notwendigen Erlöse zu erzielen – das gelingt ihnen auch. Der Markt für Generika ist übrigens hart umkämpft. Die Unternehmen dieser Branche erzielen an der Börse im Schnitt eine geringere Performance als die forschenden Arzneimittelhersteller. Generell gilt: Die Aussichten für Pharmaunternehmen sind gut.  

Gilt das auch für Medizintechnik?
Tom Miller: Ja, das gilt auch für den Bereich Medizintechnik. Da ist noch ein zusätzlicher Effekt zu beobachten: Die Menschen wollen immer länger zuhause bleiben. Das gibt es immer mehr technische Neuerungen, die das ermöglichen, man denke zum Beispiel an die telemedizinische Überwachung von Herzdaten. Da hat die Medizintechnik ein weites Feld vor sich und ein großes Wachstumspotenzial.

Die Krankenhäuser müssen möglichst kostengünstig wirtschaften – geben sie diesen Druck auf die Hersteller von Medizintechnik weiter?  
Tom Miller: Ja, das ist so. Es geht in diesem Bereich aber nicht nur um Kosten, sondern auch um Qualität. Bei künstlichen Hüften oder Kniegelenken ist der Preis nicht der einzige entscheidende Parameter – die Qualität muss stimmen.

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