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15.07.2016

Trotz einem nach wie vor hohen Stresslevel in China konnte sich die Stimmung in den Emerging Markets insgesamt weiter verbessern, da politische Unsicherheiten zurückgingen und die Aktienmärkte deutlich zulegten.

Das Stressniveau in den Schwellenländern ist seit Ende Mai 2016 leicht gesunken. So liegt das Schwellenländer-Barometer der HSH Nordbank aktuell bei 42,09 und somit rund einen Indexpunkt niedriger vor sechs Wochen (43,27). Das Schwellenländerbarometer beinhaltet die Schwellenländer Brasilien, China, Indien, Indonesien, Russland und Türkei und beobachtet finanzwirtschaftliche Kennzahlen wie CDS Spreads, Aktienindizes, US-Dollar-Wechselkurse sowie Preise wichtiger Rohstoffe. Alle Kennzahlen werden auf eine Skala von 0 (relativ geringste Krisengefahr) bis 100 (relativ höchste Krisengefahr) indexiert und dann aggregiert, sodass die Länderindizes entstehen. Fasst man diese wiederum zusammen, ergibt sich der „Schwellenländer-Barometer“ Gesamtindex. Als Startzeitpunkt wird das Jahr 1998 gewählt, als die Asienkrise ihren Höhepunkt erreichte.

Juni 2012 bis heute

Abbildung 1: „Schwellenländer-Barometer“ Gesamtindex (Juni 2012 bis heute)

In den vergangenen Wochen ist das Stressniveau in den von uns beobachteten Ländern trotz des Brexit-Votums erneut gesunken. Insbesondere die CDS-Spreads engten sich dabei fast überall ein und die meisten Schwellenländerwährungen konnten gegenüber dem Dollar z.T. kräftig zulegen (Brasilianischer Real: +9,1%). Die relative Aufwertung wurde durch einen schwachen Dollar verstärkt. Die Währungen der Schwellenländer profitieren von der zögerlichen Haltung der Fed den nächsten Zinsschritt zu gehen als auch vom Brexit-Votum in Großbritannien, welcher die US-Wirtschaft wohl stärker trifft als die meisten Schwellenländer. 

Ein besonders kräftiger Rückgang des Stresslevels war in Brasilien und Indonesien zu verzeichnen, China dagegen verweilt dagegen nahe den absoluten Höchstständen. Ursächlich für die immer noch angespannte Situation in China sind ein schwacher Yuan und weiterhin die historisch niedrigen Aktienstände. Nicht einmal der Ölpreisverfall von 9,6% in den letzten sechs Wochen konnte China nachhaltig Auftrieb verleihen. 

In Brasilien dagegen fiel der Stresswert von 36,8 auf 32,7. Entscheidender Faktor war dabei der Höhenflug des brasilianischen Aktienindizes Bovespa der über 10% zulegen konnte. Der Grund hierfür liegt in den Bemühungen von Interimspräsident Michel Temer Handelshemmnisse abzubauen. Auch die fortgeführte Niedrigzinspolitik der Fed und EZB stützten die Kurse, da mehr Geld in den Schwellenländern geparkt wird. Die politische Lage in Brasilien bleibt jedoch weiterhin angespannt. Eine ähnliche Hausse an den Aktienmärkten  konnte auch in Indonesien beobachtet werden.  Auch die Entwicklung in der Türkei verlief, trotz der Terroranschläge am Flughafen in Istanbul, positiv. 

Im langfristigen Vergleich liegt das Schwellenländer-Barometer mit 42,1 nun unter dem langfristigen Durchschnittswert von etwa 43. Somit befindet sich der Index trotz politischer Unsicherheiten in der EU weit entfernt von den historischen Höchstständen im Herbst 2008.

Juni 1998 bis heute

Abbildung 2: „Schwellenländer-Krisenbarometer“ Gesamtindex (Juni 1998 bis heute)

Die Methodik

Für die Erstellung des „Schwellenländer-Barometer“ werden finanzwirtschaftliche Daten der Länder Brasilien, China, Indien, Indonesien, Russland und Türkei untersucht. Der erste Datenzeitpunkt ist der 1.04.1998.

Bei den Daten handelt es sich um:

  • CDS Spreads (Preisdifferenz der Versicherungen gegen Kreditausfälle), Brasilien/Indien: Renditedifferenz der 10-jährigen Staatsanleihen gegenüber US-Anleihen
  • Haupt-Aktienindizes
    • Brasilien: Bovespa
    • China: Shanghai Composite
    • Indien: Sensex
    • Indonesien: Jakarta Composite
    • Russland: MICEX
    • Türkei: Borsa Istanbul 100
  • Wechselkurse der Länderwährungen zum US-Dollar
  • Wichtigste Rohstoffe
    • Brasilien: Eisenerz, Soja, Rohrzucker
    • China: Rohöl (Import)
    • Indien: Mais, Reis, Tee, Rohöl (Import)
    • Indonesien: Kohle, Erdgas, Palmöl, Rohöl
    • Russland: Rohöl, Erdgas
    • Türkei: Rohöl (Import)

Bei allen Daten (bis auf die Spreads) wird außerdem das Mittel aus der durchschnittlichen Veränderung der Woche gegenüber der Vorwoche und dem Monat gegenüber demselben Monat im Vorjahr gebildet. Hiermit soll verhindert werden, dass längerfristige Niveauverschiebungen dauerhaft auf das Barometer durchschlagen. So ist beispielsweise bei Hochinflationsländern der Wechselkurs von heute nicht mit dem vor 15 Jahren vergleichbar. Auch bei Rohstoffen kommt es immer wieder zu dauerhaften Niveauverschiebungen.

Schließlich wird eine Indexierung vorgenommen, sodass für jede Kennzahl der Wert des minimalen Krisenrisikos den Wert 0 zugewiesen bekommt und der des maximalen Krisenrisikos 100. Falls es sich bei den berücksichtigten Rohstoffen um Exportrohstoffe handelt, wird außerdem ein Gesamt-Rohstoffindex gebildet. Die Gewichtung der einzelnen Rohstoffe stimmt dabei mit dem Exportanteil überein. 

Bildet man für jedes Land das Mittel der dazugehörigen Kennzahlen, so erhält man den Länderindex.

Bei (gleichgewichteter) Aggregation dieser ergibt sich schließlich der „Schwellenländer-Krisenbarometer“ Gesamtindex.

Die Einzelindizes werden um Extremausschläge bereinigt, um eine Verzerrung für den Gesamtindex zu vermeiden. Die Bereinigung erfolgt, in dem man bestimmte Werte deckelt.

Interpretation

Durch die Normierung der Risikofaktoren auf eine Zahl zwischen 0 (minimales Risiko) und 100 (maximales Risiko) ergibt sich eine relative Risikomessung, die sich an der Historie orientiert. Das ist wichtig für die Interpretation der Ergebnisse: Wenn beispielsweise in einem Land der CDS-Spread zwischen 20 und 80 Basispunkte schwankte, dann bedeutet ein CDS-Spread von 80 Basispunkten ein maximales Risiko von 100. Bei einem anderen Land, dessen CDS-Spread zwischen 100 und 500 schwankte, ist der Indexwert 100 bei 500 Basispunkten erreicht. Wenn also der Gesamtindex einen hohen Wert erreicht, dann heißt das, dass die beteiligten Länder jeweils einen historisch gesehen relativ hohen Risikograd erreicht haben. Man kann nicht ableiten, ob ein Land risikoreicher als das andere Land ist.

Zuletzt ist anzumerken, dass nur finanzwirtschaftliche Daten zur Messung des Krisenrisikos verwendet werden. Dass hat den Vorteil, dass jederzeit aktuelle Daten abgerufen werden können (sozusagen in „Echtzeit“), was die Verzögerung des Indizes auf plötzliche Ereignisse minimiert. Gleichzeitig werden aber fundamentale Daten wie z.B. Leistungsbilanzsalden oder Währungsreserven ignoriert. Es lassen sich somit keine direkten Aussagen über fundamentale Bewertungen treffen. Dies ist bei der Interpretation des „Schwellenländer-Barometers“ zu berücksichtigen.