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29.07.2016

Was ist hier eigentlich los? Die politische Weltlage droht aus den Fugen zu geraten, an den Börsen aber werden neue Höchstkurse erreicht. Sind die Finanzmärkte als Indikator vollkommen nutzlos? Oder haben sie doch noch eine gewisse Signalkraft?

Die Kurve zeigt nach oben

Die Kurve zeigt nach oben. Haben die Aktienmärkte als Stimmungsbild etwa ausgedient? Cyrus de la Rubia erklärt, warum sie weiterhin ein wichtiger Indikator sind. (Bild: Getty Images)

Der Kontrast ist jedenfalls bemerkenswert: Frankreich wird vom Terror überzogen, in Deutschland fühlen sich viele Menschen aufgrund zahlreicher Gewaltakte auch nicht mehr sicher, in der Türkei bahnt sich eine Umwälzung der alten Ordnung an, in Großbritannien möchte man nach 40 Jahren die wirtschaftlichen und politischen Beziehungen zum Ausland vollkommen neu gestalten und in Amerika ist eine zunehmende Spaltung der Gesellschaft zu spüren, die durch den Präsidentschaftskandidat Donald Trump weiter angeheizt wird. Die Finanzmärkte bilden dazu einen scheinbaren Gegensatz: Der amerikanische Aktienindex S&P 500 hat gerade ein neues Allzeithoch erreicht, der Angstindikator VIX ist auf dem tiefsten Stand seit 24 Monaten und für eigentlich riskante Unternehmensanleihen erhält man kaum noch eine Risikoprämie.

Sicher, spätestens seit 2008 wissen wir, dass es mit der Effizienztheorie der Märkte, die in Kurzform besagt, dass die Marktpreise alle verfügbare Informationen verarbeiten, nicht so weit her ist. Über Jahre waren US-Hypothekenkredite und Staatsanleihen losgelöst von der dazugehörigen Bonität von den Märkten bewertet worden, bis den Marktteilnehmern durch die Insolvenz der Investmentbank Lehman Brothers in disruptiver Weise die Augen geöffnet wurden. Insofern muss man sich nicht wundern, wenn die Signale aus der Finanzsphäre und die Realität nicht immer zusammenpassen.

Und klar, die Notenbanken übertünchen die vielen Risse im Finanzmarktsystem durch das schiere Volumen an Zentralbankliquidität. Der Anlagenotstand veranlasst die Investoren, Immobilien zu Mondpreisen zu kaufen, negative Renditen bei Unternehmensanleihen in Kauf zu nehmen und aus reiner Alternativlosigkeit Finanzminister Schäuble eine Verwahrgebühr für ihr Vermögen zu zahlen.

Und dennoch unterschätzt man vielleicht die Schwarmintelligenz der Finanzmarkteilnehmer:

  • Wäre ein Sieg von Donald Trump tatsächlich so katastrophal, wie es vor allem vom liberalen Europa dargestellt wird? Wir gehen davon aus, dass der über Jahrhunderte bewährte und gefestigte institutionelle Rahmen in Amerika auch einem Präsidenten Trump relativ enge Grenzen setzt.
  • Der Brexit birgt weiterhin das Risiko, dass die EU zerfällt. Allerdings scheint mit Theresa May eine konstruktive Regierungschefin an die Macht gekommen zu sein. Sie dürfte in Großbritannien zunächst für mehr politische Stabilität sorgen und die die emotional aufgeladene Wahlkampfstimmung hinter sich lassen, die von anti-europäischen Populisten aus anderen EU-Ländern kräftig für die eigenen Interessen genutzt wurde. Dessen ungeachtet dürfte Großbritannien zunächst mit größeren wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen haben, wie der Absturz der Geschäftsklimaindizes auf ein Sieben-Jahres-Tief andeuten. Auch dies könnte das von vielen Populisten verwendete Argument "ohne EU geht es euch besser" entkräften.
  • Terrorismus und Amokläufe werden unser Leben verändern, aber die Menschen werden nicht aufhören, nach materiellem Wohlstand zu streben. Darüber hinaus sind diese grausamen und traurigen Phänomene vom Grundsatz her leider nichts Neues. In Frankreich wurde der Algerienkrieg Anfang der 1960er Jahre in Form von terroristischen Anschlägen ins eigene Land getragen, in Spanien kam es jahrzehntelang zu separatistisch motivierten Gewaltakten, in Nordirland gab es viele Jahre bürgerkriegsähnliche Zustände und in Deutschland erinnern sich viele Menschen noch an den heißen Herbst von 1977, als der RAF-Terrorismus das Land verstörte. Wir wissen nicht, wann und wie die aktuelle Welle der Gewalt enden wird. Aus wirtschaftlicher Sicht ist - wie beispielsweise in Israel - zu beobachten, dass es einen gewissen Gewöhnungseffekt gibt: Trotz der häufigen Terroranschläge gehen die Menschen weiterhin aus, gründen Familien und gehen ihrer Arbeit nach. Das Wachstumspotenzial in diesen Ländern ist geringer, aber die Wirtschaft funktioniert weiter.
  • Die Konjunkturindikatoren der vergangenen Wochen sind freundlicher als die dramatischen Ereignisse der letzten Zeit hätten vermuten lassen. So sind die PMI-Geschäftsklimaindizes in der Eurozone nur geringfügig zurückgegangen, obwohl die Umfragen nach dem Brexit-Votum stattgefunden hat. In Amerika scheinen die Industriekapitäne keine Angst vor Trump zu haben, ist der ISM-Index doch sowohl für das Verarbeitende Gewerbe als auch für den Dienstleistungssektor gestiegen. Und in China deuten die Zahlen auf ein beschleunigtes Wachstum im zweiten Quartal hin.

Fazit: Richtig ist, dass man die Signale von den Finanzmärkten mit Vorsicht interpretieren muss. Man sollte sie jedoch nicht vollkommen ignorieren. Die derzeit eher positiven Zeichen von den Börsen, kombiniert mit den freundlichen Stimmungsindizes aus der Wirtschaft, zeigen, dass die meisten Unternehmer und Finanzmarktteilnehmer nicht bereit sind, sich von der Angst beherrschen zu lassen. Das gibt Hoffnung auf eine Stabilisierung der politischen und der wirtschaftlichen Lage in der Eurozone und in den USA, wovon dann auch die Weltwirtschaft profitieren würde.

Cyrus de la Rubia