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Brexit Kompendium
13.07.2016

Woran deutsche Unternehmer jetzt denken sollten und wo sich derzeit Chancen bieten, erklärt Dr. Detlev Gröne, Vertriebsleiter Firmenkunden der HSH Nordbank, im Interview.

Dr. Detlev Gröne, Vertriebsleiter Firmenkunden der HSH Nordbank

Großbritannien hat sich in einem Referendum für den Austritt aus der EU entschieden – reagieren deutsche Unternehmen bereits konkret darauf?
Dr. Detlev Gröne: Zuerst einmal ist die Betroffenheit sehr groß. Unternehmen, die viel mit Großbritannien zu tun haben, fragen sich, wie es jetzt weitergeht: Gibt es Zölle? Werden sich die Regeln für die Produktzulassung ändern? Was wird mit der Niederlassungsfreiheit? All das ist unklar, denn für den nun anlaufenden Trennungsprozess gibt es keine Blaupause. Unsicherheit mögen Unternehmen und Kapitalmärkte nicht. Das hat man an den heftigen Verlusten an den Börsen und beim britischen Pfund gesehen. 

Aus Ihrer Erfahrung: Hatten deutsche Unternehmen einen Plan B für den Fall, dass das Brexit-Lager gewinnt?
Dr. Detlev Gröne: Nein, ich glaube, die meisten hatten keinen Plan B. So ein Ausstiegszenario ist extrem komplex und bindet sehr viele Ressourcen. Das machen die Unternehmen nicht mal eben so. Wieso auch? Bis vor sechs Monaten hatte kaum jemand der Brexit-Kampagne ernsthafte Chancen eingeräumt. Das änderte sich erst, als sich der frühere Londoner Bürgermeister, Boris Johnson, für den Brexit einsetzte. Der hat sich interessanterweise jetzt aus der operativen Politik zurückgezogen. Auch kurz vor dem Referendum sah es so aus, als würde Großbritannien in der EU bleiben.

Aber deutsche Unternehmen haben sich doch im Vorfeld der Entscheidung Gedanken gemacht.

Dr. Detlev Gröne: Haben sie, natürlich. Auch wir waren im Vorfeld der Entscheidung insbesondere im Bereich Capital Markets mit unseren Kunden intensiv im Gespräch, beispielsweise um Währungen abzusichern. Dabei ging es nicht nur um den Wechselkurs Euro – Pfund, sondern auch um das Verhältnis zwischen Euro und US-Dollar. Einige Unternehmen wollten nicht mit offenen Positionen in die Abstimmung gehen und haben die Kurse mit uns abgesichert.

Ist es jetzt zu spät, um noch Absicherungen vorzunehmen?  
 Dr. Detlev Gröne: Nein, das denke ich nicht. Die Kapitalmärkte beruhigen sich mittlerweile und mit den richtigen Sicherungsinstrumenten lassen sich effiziente Lösungen darstellen. Wir haben Kunden, die sichern sich jetzt den günstigen Pfundkurs. Andere hedgen den US-Dollar bereits für 2017 komplett, einfach um für ihre Firma Planungssicherheit zu haben.

Wie geht es mit Investitionsplänen von Firmen aus der EU in Großbritannien weiter?
Dr. Detlev Gröne: Die liegen wohl vorerst auf Eis. Die Unternehmen werden das umsetzen, was bereits angeschoben ist. Weitere Investitionen wird es kaum geben – auf welcher Grundlage sollen die auch stattfinden? 

Welche Branchen sind von der Entscheidung zum Brexit  besonders stark betroffen?
Dr. Detlev Gröne: Fluggesellschaften haben stark an Wert verloren, Banken stehen unter Druck. Aber auch Automobilhersteller sind betroffen: BMW verkauft viel in Großbritannien und produziert den Mini in England. Etliche japanische Hersteller stellen Autos für den europäischen Markt auf der Insel her. Für die könnte sich einiges ändern. 

Ergeben sich durch den Brexit Chancen, beispielsweise weil englische Konkurrenten künftig einen schlechteren Marktzugang zur EU haben?
Dr. Detlev Gröne: Mit London könnte einer der weltweit wichtigsten Finanzplätze an Bedeutung verlieren. Aus heutiger Sicht könnte Frankfurt davon profitieren, wenn Banken London verlassen, weil sie dort keinen EU-Pass mehr bekommen, der Ihnen den Zugang zum Binnenmarkt sichert.

Kann sich für Unternehmen, die viel Geschäft in Großbritannien machen, das Rating verändern? 

Dr. Detlev Gröne: Das kann theoretisch passieren, wird aber eher die Ausnahme sein. Allerdings werden alle Unternehmen unter der Unsicherheit und den Schwankungen an den Kapitalmärkten zu leiden haben.

Checkliste für Unternehmer

Die nächste Zeit wird von hoher Unsicherheit geprägt sein. Viele Fragen mit hohem Konfliktpotenzial sind ungeklärt. Welche sollten sich Unternehmer stellen?

  1. Wie stark ist das Engagement des Unternehmens in Großbritannien?
  2. Wie groß ist das Adressenausfallrisiko aus Geschäften mit britischen Geschäftspartnern oder solchen, deren Bonität wesentlich von der wirtschaftlichen Entwicklung Großbritanniens abhängen?
  3. Wie groß ist die Abhängigkeit von Währungsrisiken (bzw. die Stabilität von Transaktionspartnern bei Hedging-Geschäften)?
  4. Ist die Finanzierung des Unternehmens kurz- und mittelfristig sichergestellt?
  5. Könnte sich das Kreditrating des Unternehmens durch den Brexit verringern?
  6. Welche Auswirkungen hat ein Austritt auf den Wert des Unternehmens?
  7. Wie wirkt sich der Brexit ad hoc auf das Geschäftsmodell des Unternehmens aus (Kaufverhalten der Konsumenten, Preisfestsetzungsstrategie, Mitarbeiterschaft, Kunden- und Lieferantenbeziehungen)?
  8. Werden makroökonomische Schocks in bestehenden Stresstestmodellen berücksichtigt?
  9. Welche Auswirkungen haben die unterschiedlichen Brexit-Varianten auf die Mitarbeiter/innen sowie die Rekrutierung neuer?
  10. Welche regulatorischen Auswirkungen hat ein Austritt auf die Branche insgesamt?
  11. Müssen bestehende Verträge geändert werden, weil sie sich auf bestehende EU-Regularien beziehen, die ggf. entfallen?
  12. Wurde das Brexit-Risiko im Prospekt/Investment-Memorandum bei Emissionen vermerkt?

Großbritannien könnte einen Teil der Unsicherheit beseitigen, indem das Land schnell nach Artikel 50 des EU-Vertrags den Austritt erklärt und dann zügig über den künftigen Status verhandelt wird.
Dr. Detlev Gröne: Das stimmt, aber ich bin mir nicht sicher, ob die Briten ihren Austritt so schnell erklären wollen. Denn wenn dieser Mechanismus erst einmal in Gang gesetzt ist, wird er unumkehrbar sein. Zudem dürfen Sie nicht vergessen, dass das Referendum für die Regierung nicht verpflichtend ist. Und wenn die Verhandlungen erst einmal laufen, bleiben nur noch zwei Jahre bis zum Abschluss, so ist das in den Verträgen festgelegt. Aber niemand verhandelt gern unter Zeitdruck – schon gar nicht so komplexe Sachverhalte.

Heißt das, die Briten spielen auf Zeit? 

Dr. Detlev Gröne: Ich halte es zumindest für möglich, dass Großbritannien erst Ende 2016, oder gar Anfang 2017 den Austritt aus der EU erklärt. Es ist jedoch gut möglich, dass Großbritannien schon im Vorfeld der Austrittserklärung erste Verhandlungen führen möchte.

Was die EU nicht will.
Dr. Detlev Gröne: Stimmt. Generell will und darf die EU in den Verhandlungen nicht zu nachgiebig erscheinen. Allen soll klar sein, dass ein Austritt ein Austritt ist – auch um potenzielle Nachahmer abzuschrecken. Auf der anderen Seite ist es natürlich wichtig, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass die wirtschaftlichen Kontakte mit Großbritannien künftig auf einer soliden Basis stehen. Schließlich ist Großbritannien der zweitgrößte Markt in der EU. Dieser Spagat zwischen Härte und gutem wirtschaftlichem Austausch macht die Verhandlungen so schwierig.

Die Börsen haben am Tag nach dem Brexit mit heftigen Verlusten reagiert – jetzt ist wieder etwas Ruhe eingekehrt. Ist das Schlimmste überstanden?
Dr. Detlev Gröne: Das glaube ich nicht. Es wird bei einer großen Volatilität bleiben, weil wir nun eine lange Phase der Unsicherheit erleben werden. Man darf ja auch nicht vergessen, dass in diesem und im nächsten Jahr bei Wahlen in Österreich, den USA, Holland, Frankreich und Deutschland weitere Richtungsentscheidungen anstehen.