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Türkei
20.07.2016

Interview mit Günter Köhne, Länderanalyst der HSH Nordbank und Türkei-Experte, über den gescheiterten Putschversuch in dem gespaltenen Land und was die aktuelle Lage für ausländische Unternehmen bedeutet

Für Erdogan ist es wichtig, dass die Wirtschaft in seinem Land weiter gut läuft (Bild: Bloomberg)

Für Erdogan ist es wichtig, dass die Wirtschaft in seinem Land weiter gut läuft (Bild: Bloomberg)

Schon vor dem gescheiterten Putschversuch war die politische Lage in der Türkei angespannt, es gab viele Anschläge. Wie geht es nun weiter?
Günter Köhne: Zunächst einmal steht Präsident Erdogan gestärkt da. Von einer weitgehenden Stabilisierung gehen wir allerdings nicht aus. Das Land ist auch nach dem gescheiterten Putschversuch in zwei Lager geteilt: für Erdogan und gegen Erdogan – was durchaus der Strategie des Präsidenten entspricht, Wahlerfolge durch Polarisierung zu erzielen. Auch in den kommenden Monaten wird das zentrale politische Anliegen von Erdogan darin bestehen, eine Verfassungsänderung in Richtung einer Präsidialdemokratie zu erreichen. Dafür fehlt ihm derzeit aber die notwendige Mehrheit im Parlament. Die gegenwärtige Lage könnte er jetzt nutzen, um Neuwahlen abhalten zu lassen.

Alle politischen Parteien in der Türkei haben sich gegen die Putschisten gestellt. Kann durch diese gemeinsame Haltung die Spaltung des Landes nicht vielleicht sogar überwunden werden?
Günter Köhne: Die Tatsache, dass alle politischen Kräfte den Putsch abgelehnt haben, ist meines Erachtens kein Indiz für eine Beendigung der Spaltung des Landes. Auch weil die Regierung sehr hart gegen viele Putschisten und mutmaßliche Sympathisanten vorgeht.

Was bedeutet der Putschversuch und die damit gestiegene Unsicherheit für die türkische Wirtschaft?
Günter Köhne: Ich gehe davon aus, dass die kurzfristige Unsicherheit auf dem türkischen Finanzmarkt bald wieder abebben wird. Leichte Einbußen im Wirtschaftswachstum dürfte es aufgrund zusätzlich ausbleibender Touristen geben und die Finanzierung des Leistungsbilanzdefizits wird sicher nicht einfacher werden. Insgesamt hat sich die schon vorher nicht rosige wirtschaftliche Situation der Türkei aber nicht wesentlich verändert: Das Wachstum wird im laufenden Jahr, vor allem getragen vom privaten Konsum, bei etwa 3,5 Prozent liegen. Angesichts des hohen Bevölkerungswachstums ist das zu wenig.

Günter Köhne, Länderanalyst der HSH Nordbank und Türkei-Experte, sieht das Land weiter gespalten

Günter Köhne, Länderanalyst der HSH Nordbank und Türkei-Experte, sieht das Land weiter gespalten

Was bedeutet die aktuelle Lage für ausländische Unternehmen, die in der Türkei aktiv sind?
Günter Köhne: Die werden vorsichtiger agieren, allerdings sind die jährlich zufließenden Direktinvestitionen in dem Land nicht sehr hoch. Im vergangenen Jahr lagen sie bei etwa 17 Milliarden US-Dollar.

Auf was müssen Unternehmer jetzt achten?
Günter Köhne: Unternehmer werden – wie schon vor dem Putschversuch – genau prüfen, ob sie die Rechtssicherheit weiterhin als gegeben ansehen. Und sie werden schauen, ob sie mit den nicht auszuschließenden Schwankungen des Wechselkurses der Lira leben können. Aktuell sehen wir weiterhin hektische Ausschläge des Wechselkurses und aufgrund ihres hohen externen Finanzierungsbedarfes bleibt die Türkei auf ausländisches Kapital angewiesen und damit anfällig für externe Schocks. Im laufenden Jahr benötigt das Land zur Deckung des Leistungsbilanzdefizits und der Tilgungen auf Fremdwährungsverbindlichkeiten rund 87 Milliarden US-Dollar. Das ist eine enorme Summe. Aktuell spielt die hohe Liquidität an den Kapitalmärkten, infolge der weltweit lockeren Geldpolitik, der Türkei in die Hände. Sobald sich das ändert, könnte es schwierig werden.

Ein wichtiger Faktor für die türkische Wirtschaft ist der Tourismus. Wie stark leidet der?
Günter Köhne: Der hat bereits durch die Terroranschläge Schaden genommen und wird weiteren Schaden nehmen. Alles in allem sind etwa zwölf Prozent der türkischen Wirtschaftsleistung auf den Tourismus zurückzuführen, das ist eine erhebliche Größe. Dieser Putsch wird dazu führen, dass noch mehr Leute als bisher vorerst auf eine Reise in die Türkei verzichten.

Nach dem Putsch sind sehr viele Türken für Erdogan auf die Straße gegangen. Weshalb hat der Präsident so einen starken Rückhalt in der Bevölkerung?
Günter Köhne: In großen Teilen der Bevölkerung ist er überaus beliebt, weil er mit seiner Partei AKP seit 2002 für Wohlstand und Stabilität gesorgt hat. Das kannte die Türkei über viele Jahrzehnte nicht. Deshalb ist es für Erdogan wichtig, dass die Wirtschaft weiter gut läuft. Insofern kann man die Hoffnung haben, dass er letztendlich Entscheidungen treffen wird, die die Wirtschaft stärken. Ein Beispiel ist sein Einlenken gegenüber Russland. Er hat sich für den Abschuss eines russischen Kampfjets entschuldigt und damit den Handel und den Tourismus zwischen den Ländern wieder ermöglicht.

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