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Expertenrunde Russlandexporte

Das russische Lebensmittelembargo hat der deutschen Nahrungsmittelindustrie und Landwirtschaft schwer zugesetzt. Ein Expertengespräch über den Zusammenhang zwischen Weltpolitik und Milchpreis und warum Markenbildung so wichtig ist.  

Expertenrunde: Stefan Gäde, Carsten Pallas und Tim Muhle diskutieren über die Folgen des Russland-Embargos (Bild: Sven Wied)

Expertenrunde: Carsten Pallas (Länderanalyst, Russlandspezialist),
Tim Muhle (Teamleiter und Fachmann für Ernährungswirtschaft) und
Stefan Gäde (Research) diskutieren über die Folgen des Russland-Embargos (Bild: Sven Wied)

Seit Mitte 2014 gilt das russische Embargo für Lebensmittel aus der EU. Wie sind bislang die Auswirkungen auf europäische beziehungsweise deutsche Unternehmen?
Stefan Gäde: Russland war nicht nur ein großer Importeur von Milch, sondern auch von Käse. Deshalb macht sich das Embargo stark bemerkbar. Es wird geschätzt, dass der Milchpreis in Deutschland allein wegen des Embargos um zwei bis vier Cents pro Liter gesunken ist.
Tim Muhle: Besonders deutlich haben die Unternehmen aus dem Agrarbereich die Embargo-Effekte in den Jahren 2014 und 2015 gespürt. Aber auch heute leiden viele Unternehmen noch darunter.

Gibt es bestimmte Bereiche in der Branche oder spezielle Hersteller, die besonders stark von dem Embargo betroffen sind?
Stefan Gäde: Am meisten leiden Milchbauern. In diesem Bereich gibt es eine Überproduktion und zwar weltweit. Da ist das Embargo ein harter Schlag gewesen, verschärfend kommt  der Nachfrageeinbruch aus China dazu. Entscheidend für die Lage der Molkereien ist, ob sie erfolgreiche überregionale Marken aufgebaut haben, denn die bieten ihnen höhere Margen. Wer eine Marke hat, schafft es, aus einem Commodity-Produkt wie Milch etwas Höherwertiges zu machen. Gerade im Milchbereich gibt es im deutschen Lebensmitteleinzelhandel aber viele No-Name-Produkte, die als Handelsmarken angeboten werden.

Gibt es Gewinner in der Krise?
Tim Muhle: Die Marken, beispielsweise Molkereien, die Käsesorten wie Saint Albray international vertreiben. Viele dieser Marken kommen übrigens aus einer Molkerei in Frankreich. Vor allem beim Käse machen die Franzosen das Geschäft.

Tim Muhle

Tim Muhle "Deutsche Molkerein haben zu wenig investiert. Darunter leiden sie jetzt." (Bild: Sven Wied)

Und die Deutschen?
Tim Muhle: Die haben in den vergangenen Jahren zu wenig investiert. Darunter leiden deutsche Molkereien jetzt, sie haben nicht in Markenbildung investiert.
Stefan Gäde: Generell kann man sagen, dass die Deutschen auf den Exportmärkten außerhalb der Europäischen Union zu spät gekommen sind. Andere haben diese Drittmärkte schneller besetzt, Holländer, Dänen, Franzosen und vor allem die Neuseeländer.

Landwirtschaft ist nicht nur Milch: Ist der Preisverfall beispielsweise in der Fleischindustrie ähnlich bedrohlich?
Tim Muhle: Nein, beim Milchpreis sind wir mittlerweile unter dem Existenzminimum angekommen, beim Fleischpreis nicht. Von dem Embargo der Russen sind nicht nur Landwirte betroffen, sondern auch Unternehmen, die für den russischen Markt Lebensmittel herstellen. Die müssen sich ebenfalls neue Märkte suchen.  

Wie schwierig ist es, neue Märkte zu erschließen?
Tim Muhle: Das geht nicht von heute auf morgen, sondern funktioniert nur auf längere Sicht. Unterm Strich wird es aber gelingen. Deshalb: Je länger das Embargo dauert, desto geringer sind seine Auswirkungen.  

Wie wichtig ist Russland überhaupt als Exportmarkt für die deutsche Landwirtschaft?
Carsten Pallas: Das ist ein wichtiger Markt: Russland lag 2011 noch auf dem zehnten Rang der Empfängerländer der deutschen Land- und Ernährungswirtschaft und war das wichtigste Zielland deutscher Agrarausfuhren außerhalb der EU. 2011 erreichten die Ausfuhren nach Russland mit 1,9 Milliarden Euro ihren Höhepunkt. Als Folge der Handelsbeschränkungen lag Russland 2015 nur noch auf dem sechzehnten Rang, die deutschen Agrarexporte dorthin sanken im Vorjahresvergleich um ein Viertel auf rund 900 Millionen Euro. Aus der EU-Perspektive sah die Entwicklung anfänglich aber noch dramatischer aus: Nach der Einführung des Embargos sanken die Agrarausfuhren aus der EU nach Russland von August 2014 bis Juli 2015 um 43 Prozent.

Klingt bedrohlich.
Carsten Pallas: Ja, das ist aber nur die eine Seite: In derselben Zeit ist der EU-Agrarexport insgesamt um sechs Prozent gestiegen. In der Gesamtsicht konnte der Verlust also ausgeglichen werden. Das zeigt die große Flexibilität vieler Unternehmen. Allerdings haben Länder mit starkem Russlandgeschäft wie die baltischen Staaten, Finnland, Polen, aber auch Deutschland in bestimmten Sektoren immer noch große Probleme.

Die Exporte sind um 43 Prozent zurückgegangen – heißt Embargo nicht hundertprozentiger Stopp?
Carsten Pallas: Auf der Liste der sanktionierten Lebensmittel finden sich neben Milchprodukten überwiegend Fleisch, Fischprodukte sowie Obst und Gemüse. Es gibt Ausnahmen, unter anderem bei Kindernahrung und anderen gesundheitlich relevanten Produkten, wie laktosefreie Milchprodukte oder Nahrungsergänzungsmittel. Diese Lücken werden ausführlich genutzt. Und: Manche Güter, die auf den Embargo-Listen stehen, gelangen über Umwege nach Russland, über Weißrussland, Serbien oder Kasachstan. Und auch aus der Türkei, zumindest bis zu der Einführung eines Embargos für türkische Waren nach dem Abschuss eines russischen Militärflugzeugs. Aber hier zeichnet sich jüngst wieder eine Entspannung ab.

Bei der Verhängung der Sanktionen versprachen russische Politiker eine Stärkung der heimischen Landwirtschaft. Ist das geschehen?
Carsten Pallas: Die Idee war, im Inland neue Kapazitäten aufzubauen, um damit die Importe zu ersetzen, also eine sogenannte Importsubstitution zu betreiben. Auch ausländische Investoren sollten angeregt werden, direkt in Russland zu investieren und den russischen Markt von dort aus zu beliefern. Das hat aber bisher nicht überzeugend funktioniert. Stattdessen haben die russischen Hersteller ihre Preise erhöht und kaum die Kapazitäten erweitert – wir sehen noch keine ausreichenden Investitionen in größerem Umfang, die kurzfristig die Versorgungslage wesentlich verbessern werden. Gleichzeitig ist durch die Lebensmittelknappheit und den Absturz des russischen Rubels die Inflation gestiegen: 2015 sind Lebensmittel in Russland um 20 Prozent teurer geworden, insgesamt betrug der Anstieg der Verbraucherpreise im vergangenen Jahr etwa 16 Prozent.
 
Das Land ist riesig, der Markt groß – weshalb wird nicht mehr investiert?
Carsten Pallas: Die Rechtssicherheit, die Verlässlichkeit der Rahmenbedingungen und das wirtschaftliche Umfeld sind ein großes Problem. Da hilft es auch nicht, dass Russland als Antwort auf die bis Ende Januar 2017 verlängerten Sanktionen der EU das Embargo um 18 Monate bis Ende 2017 verlängert hat, um Unternehmen die Gewissheit zu geben, für diesen Zeitraum in einem abgeschlossenen Markt zu agieren. Die Investitionen sind viel langfristiger angelegt.

Denken deutsche Firmen daran, in Russland zu investieren?
Tim Muhle: Momentan nicht. Das war eher vor dem Embargo ein Thema. Jetzt herrscht Unsicherheit. Es gibt zu viele Fragezeichen.

Wie wirken sich die EU-Sanktionen und das von Russland verhängte Embargo auf die Wirtschaft und die russische Bevölkerung aus?
Carsten Pallas: Die Sanktionen sind in der russischen Energiewirtschaft klar zu spüren, die notwendige Erneuerung der Investitionsgüter für die Ölförderung findet nicht statt. Das Embargo, also das Importverbot von Lebensmitteln, führt zu einem starken Preisanstieg. Ein Beispiel: 200 Gramm Butter kosten umgerechnet inzwischen fünf Euro und das bei einem Durchschnittsgehalt von 500 Euro. Wir beobachten eine Verarmung der Bevölkerung, Realeinkommen und Kaufkraft sinken. Die Einzelhandelsumsätze sind vergangenes Jahr um zehn Prozent zurückgegangen. Das ist für eine Volkswirtschaft eine äußerst ungünstige Konstellation.
Tim Muhle: Viele notwendige Stoffe werden in der Lebensmittelindustrie substituiert, um preiswert produzieren zu können. Das heißt: Palmöl ersetzt hochwertige Öle, betriebswirtschaftlich ist das nachvollziehbar, für die Verbraucher aber schlecht. Die Situation ist absurd: In Europa gibt es zu viel Milch, in Russland zu wenig.
 
Reagieren die deutschen und europäischen Milcherzeuger und senken ihre Kapazitäten?  
Stefan Gäde: Es geht darum, möglichst günstig zu produzieren. Das geht am besten, bei 100 oder mehr Kühen. Kleine Höfe geraten stark unter Druck. Es ist die Frage, wie lange sie bei den niedrigen Preisen durchhalten. Ich glaube, dass sich bei den Milchbauern der Strukturwandel in eine Richtung hin zu größeren Betriebe beschleunigt fortsetzen wird. Ob die Konsolidierung dann zu einer Mengenreduzierung führt, ist eine andere Frage.

Für einen Liter Milch bekommt ein Bauer in Deutschland nur 20 bis 25 Cents. Damit machen die Landwirte Verlust. Wie wirkt sich das auf die Kreditwürdigkeit von Unternehmen aus der Nahrungsmittelbranche aus?

Tim Muhle: Man muss bei Unternehmen aus dieser Branche genau hingucken. Die Bauern möchten ihre Auszahlungen hoch halten. Das ist verständlich, weil sie das Geld zum Überleben brauchen. Dieses Verhalten ist aber fatal, denn sie investieren nicht in Markenbildung oder neue Technik. Damit stellen sie einen Scheck zu Lasten der Zukunft aus.
    
Gegen die Türkei hatte Russland ebenfalls ein Embargo verhängt, das nun wieder aufgehoben wurde. Ist auch zwischen der EU und Russland Entspannung in Sicht?
Carsten Pallas: Das ist schwer zu sagen. Es ist zwar zu beobachten, dass sich einige Länder beziehungsweise Parteien ein Aufweichen der westlichen Sanktionen gegen Russland vorstellen können. Das ist aber erst im Laufe des Jahres 2017 zu erwarten. Dies könnte wiederum mittelfristig das Ende des russischen Embargos einläuten. Eines ist sicher: Die europäischen Landwirte würden sich freuen.