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Auf einen Espresso mit ...
27.07.2016

Politische Unruhe, wirtschaftliche Stabilität: Weshalb die Aktienmärkte bislang vom Terror unberührt sind und wie es mit den Zinsen weitergeht

Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank (Foto: HSH Nordbank)

Das Jahr 2016 ist bislang von großer politischer Unruhe geprägt: Terroranschläge in Europa, weiter Krieg in Syrien und der Brexit. Welche Folgen haben diese Turbulenzen auf die Wirtschaft?
Dr. Cyrus da la Rubia: Es scheint derzeit so, als seien die  Auswirkungen eher gering. Die Weltwirtschaft wächst in diesem Jahr um gut drei Prozent. Auch wenn das Wachstum in der Zeit vor der Finanzmarktkrise 2008 etwas stärker war, so ist das immer noch ein ordentlicher Wert. Allerdings kann man nicht sagen, ob das Wachstum nicht viel höher gewesen wäre, wenn wir eine politisch ruhigere Phase erleben würden. Und: Wir sehen weltweit eine gewisse Zurückhaltung bei Investitionen. Das macht sich aktuell noch nicht stark bemerkbar, könnte aber langfristig negative Auswirkungen haben.

Täuscht der Eindruck oder beeinflussen politische Ereignisse die Wirtschaft tendenziell weniger als früher?
Dr. Cyrus da la Rubia: Ich fürchte, das hat mit dem Gewöhnungseffekt zu tun. Wir haben mittlerweile eine gewisse Routine im Umgang mit dramatischen Ereignissen entwickelt – und gelernt, dass sie auf die wirtschaftliche Entwicklung nicht zwingend eine durchschlagende Wirkung haben. In diesem Zusammenhang sollten wir auch nicht vergessen, dass die Niedrigzinspolitik der Notenbanken einen großen Einfluss auf die Aktienmärkte hat und diese stützt beziehungsweise beflügelt.

Mit der Folge, dass der amerikanischen Dow Jones-Index ein Allzeithoch erreicht hat.
Dr. Cyrus da la Rubia: Genau wie der breiter gefasste S&P 500 Index. Diese starke Performance in den USA dürfte damit zu tun haben, dass die US-Notenbank mit einer Leitzinserhöhung noch wartet und zuletzt Geld eher aus Europa abgezogen und in den USA angelegt wurde.

Wird der Handel durch die internationalen Verwerfungen nicht erschwert?
Dr. Cyrus da la Rubia: Ja, das wird er. Aber unabhängig davon haben die Industrie und der damit verbundene Handel in den vergangen Jahren an Bedeutung verloren. In vielen Ländern – allen voran in China – sind Dienstleistungen und die Binnennachfrage wichtiger geworden.

Im Juni haben die Briten ihren Ausstieg aus der EU beschlossen. Sind schon erste Folgen des Brexit zu sehen?
Dr. Cyrus da la Rubia: Ja, und zwar vor allem in Großbritannien selbst. Dort ist der Index, der die Stimmungslage der Unternehmer abbildet, auf ein 88-Monats-Tief gefallen. Für die Eurozone wird es nun entscheidend sein, ob es zu einer politischen Ansteckung in Ländern wie Frankreich und den Niederlanden kommt, wo im kommenden Jahr gewählt wird und populistische eurokritische Parteien im Aufwind sind.

Die Zinsen liegen auf historischen Tiefständen – bleibt das vorerst so?
Dr. Cyrus da la Rubia: Am wahrscheinlichsten ist eine Anhebung der Zinsen in den USA, aber auch dort rechne ich erst 2017 damit. In Europa ist am Horizont keine Zinserhöhung in Sicht, zumal die wirtschaftlichen Aussichten nach dem Brexit eher gedämpft sind. Hier rechnen wir noch in diesem Jahr mit weiteren Lockerungsschritten. Und in Japan denkt die Notenbank über Helikoptergeld nach.  

Was heißt das?
Dr. Cyrus da la Rubia: Jeder Bürger oder Steuerzahler würde einen bestimmten Betrag geschenkt bekommen, beispielsweise über eine Steuergutschrift. So soll der Konsum angefacht werden. Finanziert wird das Ganze mit der Notenpresse.

Die Emerging Markets haben sich wieder erholt. Ist in diesen Ländern das Schlimmste dort überstanden?
Dr. Cyrus da la Rubia: Es gab zumindest eine deutliche Stabilisierung. Der Druck auf die Währungen, der durch die durch eine vermeintliche Zinswende in den USA groß war, ist deutlich geringer geworden. Zudem haben sich die Ölpreise, die vor allem für Russland und Brasilien wichtig sind, von ihren Tiefstständen entfernt.   

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