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Brexit Spezial
15.06.2016

Bei einem Austritt ist unmittelbar nach dem Referendum mit Turbulenzen an den Kapitalmärkten zu rechnen. Doch schon jetzt sind wirtschaftliche Folgen spürbar: Das britische Pfund fiel auf ein Sieben-Jahrestief.

Auf den letzten Metern: Wer am Ende jubelt, zeigt sich am 23. Juni. (Foto: picture alliance / dpa)

Trotz des zweifellos gestiegenen Risikos eines EU-Austritts Großbritanniens ist der Brexit weiterhin nicht unser Basisszenario, denn in letzter Konsequenz dürften die Briten die mit einem Brexit einhergehende unsichere Zukunft scheuen. Eine hohe Beteiligung am anberaumten Austrittsreferendum dürfte die Wahrscheinlichkeit für einen Verbleib in der EU erhöhen. Insgesamt ist die Verunsicherung über den Ausgang der Abstimmung hoch. Dieser Umstand zeigt sich auch in der Entwicklung des britischen Pfundes, das zuletzt gegenüber allen wichtigen Währungen einen schweren Stand hatte. Das Pfundfiel unter anderem gegenüber dem US-Dollar zwischen zeitlich auf ein Sieben-Jahrestief.

Austritt dauert zwei Jahre

Sollten die Briten entgegen unserer Erwartung am 23. Juni für den Brexit stimmen, wird die britische Regierung zeitnah einen offiziellen Antrag auf Austritt aus der EU stellen. Danach würde die britische Regierung mit der EU in Verhandlungen treten, die auf bis zu zwei Jahre angelegt sind. Die britische Regierung dürfte ein Freihandelsabkommen anstreben.

Trittbrettfahrer abschrecken

Bei einem Austritt ist unmittelbar nach dem Referendum mit Turbulenzen an den Kapitalmärkten zu rechnen. Vermutlich wird sich die Lage bald beruhigen in der Hoffnung, dass Großbritannien und die EU-Partner konstruktiv miteinander verhandeln. Im Laufe des Jahres 2017 könnte sich diese Hoffnung als Illusion erweisen, da beispielsweise Deutschland kein Interesse daran hat, den Briten eine Lösung anzubieten, die nur geringfügige Nachteile für das Vereinigte Königreich hätte.

Denn in diesem Fall liefe man Gefahr, dass das Vorgehen Großbritanniens Nachahmer findet. Vor diesem Hintergrund rechnen wir insbesondere in 2017 mit größeren Turbulenzen und Investitionszurückhaltung, wenngleich man am Ende des Verhandlungsprozesses eine Einigung finden sollte.

Auslandsverschuldung baut auf wackligem Vertrauensverhältnis

In jedem Fall ist Großbritannien gegenüber den Stimmungsschwankungen an den Kapitalmärkten exponiert, da das Land seit mehreren Jahren sehr hohe Leistungsbilanzdefizite hat. Dieses hat sich von 4,5 Prozent des BIP im Jahr 2013 auf 5,1 Prozent des BIP im Jahr 2014 vergrößert, das heißt die ohnehin hohe Auslandsverschuldung stieg rapide an, und ist deshalb auf das Vertrauen ausländischer Kreditgeber angewiesen. Im Fall eines EU-Austritts droht dieses Vertrauensverhältnis abrupt zum Erliegen zu kommen.

Europaweite Rezession in 2017

Wenn die britische Wirtschaft infolge eines Austritts aus der EU schwächer wächst – wir rechnen mit einen Rückgang des BIP-Wachstums in Großbritannien im laufenden Jahr auf 1,4 Prozent (ohne Brexit: 2,3 Prozent) und einer Rezession in 2017 –, hat dies auch für die Handelspartner wirtschaftliche Folgen. So exportieren Deutschland, Frankreich und Italien etwa 6 Prozent ihrer Waren nach Großbritannien.

In 2016 sollten die Auswirkungen auf die Konjunktur kaum zu spüren sein, da das Jahr bereits weit fortgeschritten ist und etwa Auftragseingänge aus dem Frühjahr im Sommer und Herbst abgearbeitet werden. Allerdings ist für das Jahr 2017 mit einer deutlichen Wachstumsverlangsamung zu rechnen. Im Jahresvergleich 2017 erwarten wir – im Falle eines Votums zugunsten eines EU-Austritts der Briten – eine Stagnation der Wirtschaftsleistung in der Eurozone. Dies ist weniger auf die unmittelbaren Wirtschaftsbeziehungen zurückzuführen, sondern vielmehr mit der in 2017 steigenden Befürchtung, die Europäische Union, folglich auch die Eurozone, könne auseinanderfallen.

Die Europäische Union hält durch

Allerdings rechnen wir für den Brexit-Fall tatsächlich nicht mit einem Auseinanderbrechen der Union. Die EZB dürfte auf die zunehmende Verunsicherung mit einer weiteren Aufstockung des QE-Programms und einer gleichzeitigen Senkung des Zinssatzes der Einlagefazilität von derzeit -0,4 auf -0,5 Prozent reagieren. Der Zinssatz für die Hauptrefinanzierungsgeschäfte des Eurosystems könnte auf -0,1 Prozent sinken. In den USA hingegen dürfte der Aufwärtstrend der Zinsen anhalten, sich aber etwas verlangsamen, da auch die US-Volkswirtschaft moderate Wachstumseinbußen wird hinnehmen müssen. Der Rest der Weltwirtschaft wird einen Brexit wahrscheinlich relativ gut verdauen können. Insbesondere in China sollte kaum etwas spürbar sein, da eventuelle Exportverluste (aufgrund geringerer Nachfrage aus Europa) durch Stimuluspakete sowohl monetärer als auch fiskalischer Natur durchgesetzt werden dürften.

Das Abwertungspotential für den Euro ist damit nach dem Referendum groß, zumal der Euro aktuell zum US-Dollar recht fest notiert. Einen Rückgang von EUR/USD in Richtung Parität ist wahrscheinlich. Zum Jahresende erwarten wir für den Fall eines Votums zugunsten eines Brexit EUR/USD bei 1,05.

Frankreich im Wahlkampf: nächster Wackelkandidat?

In 2017 dürfte EUR/USD unter der Angst vor einem Auseinanderbrechen der EU weiter leiden. Mit Abstand am kritischsten ist dabei Frankreich zu sehen, wo in 2017 Präsidentschaftswahlen stattfinden und die rechtspopulistische und eurokritische Marine le Pen keineswegs chancenlos ist, die Wahl zu gewinnen. Bei einer Abspaltung weiterer EU-Länder würde automatisch auch die Währungsunion in Frage gestellt und die Eurokrise der Jahre 2010 bis 2012 würde sich in verschärfter Form wiederholen. Letztlich würde ein Bruch der Eurozone abgewendet. Die Furcht davor dürfte das Währungspaar Ende 2017 jedoch unter die Parität drängen.

Sollte Großbritannien wie von uns erwartet in der EU verbleiben, dürfte der Euro kurzzeitig an Wert gewinnen. Im Verlauf des zweiten Halbjahres 2016 sollten monetäre Faktoren in den Vordergrund rücken. Aufgrund der voraussichtlichen Straffung der US-Geldpolitik erwarten wir eine Abwertung des Euro gegenüber dem US-Dollar zum Jahresende 2016 auf 1,08. Für das Jahr 2017 halten wir aufgrund der konjunkturellen Erholung und der graduellen Straffung der US-Geldpolitik eine leichte Aufwertung des Euro für wahrscheinlich.