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Schwellenländer-Barometer
02.06.2016

Das Stressniveau in den Schwellenländern ist seit Ende April 2016 weiter gesunken. So liegt das Schwellenländer-Barometer der HSH Nordbank aktuell bei 43,57 und somit rund einen Indexpunkt niedriger als im Vormonat (44,36). Das Schwellenländerbarometer beinhaltet die Schwellenländer Brasilien, China, Indien, Indonesien, Russland und Türkei und beobachtet finanzwirtschaftliche Kennzahlen wie CDS Spreads, Aktienindizes, US-Dollar-Wechselkurse sowie Preise wichtiger Rohstoffe.

Alle Kennzahlen werden auf eine Skala von 0 (relativ geringste Krisengefahr) bis 100 (relativ höchste Krisengefahr) indexiert und dann aggregiert, sodass die Länderindizes entstehen. Fasst man diese wiederum zusammen, ergibt sich der „Schwellenländer-Barometer“ Gesamtindex. Als Startzeitpunkt wird das Jahr 1998 gewählt, als die Asienkrise ihren Höhepunkt erreichte.

„Schwellenländer-Barometer“ Gesamtindex, Juni 2012 bis heute (Quelle: HSH Nordbank)

In den vergangenen Wochen ist das Stressniveau in den von uns beobachteten Ländern weiter gesunken. Zwar weiteten sich die CDS-Spreads überwiegend aus und die Währungen der Schwellenländer wurden durch den starken US-Dollar abgeschwächt, doch die gestiegenen Rohstoffpreise relativierten diese Entwicklung für die meisten Indexländer. So konnten Staaten wie Indonesien, Indien, Brasilien und Russland von steigenden Weltmarktpreisen von Rohöl, Erdgas, Tee, Mais, Soja und Rohrzucker profitieren, während China und auch die Türkei als Rohölimporteure durch die fast 6%ige Preissteigerung von Rohöl belastet wurden.

Neben den finanzwirtschaftlichen Kennzahlen wurde das Stressniveau insbesondere in Brasilien und der Türkei durch politische Entwicklungen beeinflusst. So musste im Zuge des Petrobras-Korruptionsskandals die brasilianische Präsidentin Rousseff ihr Amt niederlegen. Der Skandal belastet weiterhin die Regierung, da es durchaus möglich erscheint, dass weitere Regierungsmitglieder mit Korruptionsvorwürfen konfrontiert werden. Die politische Situation in der Türkei wird durch innenpolitische Machtkämpfe von Präsident Erdogan und dessen nicht erst seit der Flüchtlingskrise schwächelnde EU-Beziehung dominiert und belastet die gesamtwirtschaftliche Entwicklung des Landes zunehmend.

Im langfristigen Vergleich hat das Schwellenländer-Barometer den langfristigen Durchschnittswert von etwa 43 erreicht. Somit befindet sich der Index weit entfernt von historischen Höchstständen aus dem Herbst 2008.

„Schwellenländer-Barometer“ Gesamtindex, Juni 1998 bis heute (Quelle: HSH Nordbank)

Die Methodik

Für die Erstellung des „Schwellenländer-Barometer“ werden finanzwirtschaftliche Daten der Länder Brasilien, China, Indien, Indonesien, Russland und Türkei untersucht. Der erste Datenzeitpunkt ist der 1.04.1998.

Bei den Daten handelt es sich um:

  • CDS Spreads (Preisdifferenz der Versicherungen gegen Kreditausfälle), Brasilien/Indien: Renditedifferenz der 10-jährigen Staatsanleihen gegenüber US-Anleihen
  • Haupt-Aktienindizes

       o    Brasilien: Bovespa
       o    China: Shanghai Composite
       o    Indien: Sensex
       o    Indonesien: Jakarta Composite
       o    Russland: MICEX
       o    Türkei: Borsa Istanbul 100

  • Wechselkurse der Länderwährungen zum US-Dollar
  • Wichtigste Rohstoffe

       o    Brasilien: Eisenerz, Soja, Rohrzucker
       o    China: Rohöl (Import)
       o    Indien: Mais, Reis, Tee, Rohöl (Import)
       o    Indonesien: Kohle, Erdgas, Palmöl, Rohöl
       o    Russland: Rohöl, Erdgas
       o    Türkei: Rohöl (Import)

Bei allen Daten (bis auf die Spreads) wird außerdem das Mittel aus der durchschnittlichen Veränderung der Woche gegenüber der Vorwoche und dem Monat gegenüber demselben Monat im Vorjahr gebildet. Hiermit soll verhindert werden, dass längerfristige Niveauverschiebungen dauerhaft auf das Barometer durchschlagen. So ist beispielsweise bei Hochinflationsländern der Wechselkurs von heute nicht mit dem vor 15 Jahren vergleichbar. Auch bei Rohstoffen kommt es immer wieder zu dauerhaften Niveauverschiebungen.

Schließlich wird eine Indexierung vorgenommen, sodass für jede Kennzahl der Wert des minimalen Krisenrisikos den Wert 0 zugewiesen bekommt und der des maximalen Krisenrisikos 100. Falls es sich bei den berücksichtigten Rohstoffen um Exportrohstoffe handelt, wird außerdem ein Gesamt-Rohstoffindex gebildet. Die Gewichtung der einzelnen Rohstoffe stimmt dabei mit dem Exportanteil überein.

Bildet man für jedes Land das Mittel der dazugehörigen Kennzahlen, so erhält man den Länderindex.
Bei (gleichgewichteter) Aggregation dieser ergibt sich schließlich der „Schwellenländer-Krisenbarometer“ Gesamtindex.

Die Einzelindizes werden um Extremausschläge bereinigt, um eine Verzerrung für den Gesamtindex zu vermeiden. Die Bereinigung erfolgt, in dem man bestimmte Werte

Interpretation

Durch die Normierung der Risikofaktoren auf eine Zahl zwischen 0 (minimales Risiko) und 100 (maximales Risiko) ergibt sich eine relative Risikomessung, die sich an der Historie orientiert. Das ist wichtig für die Interpretation der Ergebnisse: Wenn beispielsweise in einem Land der CDS-Spread zwischen 20 und 80 Basispunkte schwankte, dann bedeutet ein CDS-Spread von 80 Basispunkten ein maximales Risiko von 100. Bei einem anderen Land, dessen CDS-Spread zwischen 100 und 500 schwankte, ist der Indexwert 100 bei 500 Basispunkten erreicht. Wenn also der Gesamtindex einen hohen Wert erreicht, dann heißt das, dass die beteiligten Länder jeweils einen historisch gesehen relativ hohen Risikograd erreicht haben. Man kann nicht ableiten, ob ein Land risikoreicher als das andere Land ist.

Zuletzt ist anzumerken, dass nur finanzwirtschaftliche Daten zur Messung des Krisenrisikos verwendet werden. Dass hat den Vorteil, dass jederzeit aktuelle Daten abgerufen werden können (sozusagen in „Echtzeit“), was die Verzögerung des Indizes auf plötzliche Ereignisse minimiert. Gleichzeitig werden aber fundamentale Daten wie z.B. Leistungsbilanzsalden oder Währungsreserven ignoriert. Es lassen sich somit keine direkten Aussagen über fundamentale Bewertungen treffen. Dies ist bei der Interpretation des „Schwellenländer-Barometers“ zu berücksichtigen.