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Auf einen Espresso mit …

Cyrus de la Rubia zur Bedeutung des Brexits für die EU

24.06.2016

Die wirtschaftlichen Folgen, welche nun auf Großbritannien zukommen, habe ganz klar Tragweite. Doch was ist mit den politischen Auswirkungen? Was bedeutet der Brexit für die EU als Verbund und politisches System?

Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank (Foto: HSH Nordbank)

Welche Folgen des Brexits sind schlimmer: die wirtschaftlichen oder die politischen?
Cyrus de la Rubia: Die politischen Folgen haben ganz klar das Potenzial, schwerer und nachhaltiger zu wirken als die rein wirtschaftlichen. Schließlich geht es um das Friedensprojekt EU. Viel wird aber davon abhängen, wie die EU-Staats- und Regierungschefs auf dieses dramatische Ergebnis reagieren werden.

Ist das der Anfang vom Ende der EU?
Cyrus de la Rubia: Man kann sich Szenarien vorstellen, die genau dahin führen. Denken Sie an die hohen Zustimmungsraten zu EU-feindlichen Parteien in den Niederlanden und Frankreich, um nur zwei Beispiele zu nennen. Auch in diesen Ländern könnten Referenden über eine EU-Mitgliedschaft durchgeführt werden. Das heißt aber nicht, dass diese Szenarien besonders wahrscheinlich sind. Der wirtschaftliche Integrationsgrad der Niederlande mit der EU ist noch wesentlich tiefer als der Großbritanniens. Nicht jeder, der Geert Wilders gewählt hat, will raus aus der EU.

Was bedeutet der Brexit für deutsche Unternehmen?
Cyrus de la Rubia: Deutsche Exportunternehmen verkaufen im Schnitt rund 7 Prozent ihrer Waren nach Großbritannien, das Land ist der drittgrößte Handelspartner hinter den USA und Frankreich. Gleichzeitig gibt es rund 2500 deutsche Niederlassungen und Produktionsstätten auf der britischen Insel. Wertmäßig ist Großbritannien zweitgrößter Empfänger von deutschen Direktinvestitionen, was 10 Prozent aller deutschen Auslandsinvestitionen entspricht. Also, die Auswirkungen wird man spüren, aber man sollte die Kirche im Dorf lassen: der direkte wirtschaftliche Schaden wird sich für die Unternehmen in Grenzen halten, weil die deutsche Wirtschaft stark diversifiziert ist.

Welche Folgen wird der Brexit auf die Währungen haben?
Cyrus de la Rubia: Die unmittelbaren Folgen haben wir bereits gesehen. So ist das Pfund um rund 10 Prozent auf den tiefsten Stand seit 1985 abgestürzt, der Euro hat gegenüber dem US-Dollar stark nachgegeben, weil viele Anleger eine Ansteckung anderer EU-Länder befürchten. Umgekehrt hat der schweizer Franken aufgewertet und das gleiche gilt für den japanischen Yen – zwei Währungen, die in unsicheren Zeiten stets besonders stark nachgefragt werden. Ein Zeichen für die Nervosität ist auch, dass die Renditen deutscher Staatsanleihen tief in den Keller gerauscht sind.

Warum sind die Renditen gesunken?

Cyrus de la Rubia: Anleger fliehen in Sicherheit, und deutsche Staatsanleihen gelten als sicher. Investoren nehmen daher auch negative Renditen in Kauf, weil sie glauben, dass sie beispielsweise bei Aktien noch mehr verlieren.

Dieses Kalkül scheint ja aufzugehen. Aktienmärkte haben mit großen Verlusten auf den Brexit reagiert. Ist das eine spontane Überreaktion, oder bleiben die Kurse nachhaltig tief?
Cyrus de la Rubia: Die Reaktion an den Märkten war besonders heftig, bei einzelnen Werten aus der Finanzwirtschaft gab es Rückschläge von rund 15 Prozent. Das hat auch damit zu tun, dass die Märkte sich in den letzten Tagen in Sicherheit gewogen haben und von einem Verbleib Großbritanniens ausgegangen sind. Die Wettquoten lagen beispielsweise bei 70 zu 30 zugunsten eines EU-Verbleibs. Ob die Reaktion übertrieben war, werden die nächsten Tage bzw. die Reaktion der Politik zeigen.

Wie geht es jetzt weiter?
Cyrus de la Rubia: Wir werden noch einige turbulente Tage, vielleicht auch Wochen erleben. Ich rechne dann mit einer Beruhigung, aber spätestens Anfang nächsten Jahres dürfte wieder Nervosität an die Märkte zurückkehren, weil dann der Wahlkampf in Frankreich in die heiße Phase kommt. Es wird jetzt stark darauf ankommen, wie die Politik reagiert und sie das Ergebnis aus Großbritannien einordnet. Ein "weiter so" verbietet sich, man muss neue Wege aufzeigen.

Was heißt das konkret?
Cyrus de la Rubia: Das Signal aus Großbritannien und anderen Ländern ist: Brüssel, misch dich bitte nicht in alle Angelegenheiten ein, wir können sehr wohl darüber entscheiden, wie leistungsfähig unsere Staubsauger sein sollen oder welche Glühbirnen wir verwenden. Gleichzeitig erwarten die EU-Bürger aber auch, dass in Fragen der inneren Sicherheit und der Sicherung der Außengrenzen Europa funktioniert, an dieser Stelle muss mehr getan werden.