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Auf einen Espresso mit …
17.06.2016

Der Chefvolkswirt der HSH Nordbank zu der Absurdität negativer Zinsen und wie man sich darauf einstellen kann.

Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank (Foto: HSH Nordbank)

Zehnjährige Bundesanleihen notieren zum ersten Mal in der Geschichte unter null Prozent – was heißt das genau?
Cyrus de la Rubia: Das heißt: Wenn Sie heute 1000 Euro in Bundesanleihen anlegen, erhalten Sie nach zehn Jahren weniger als 1000 Euro zurück. Sie bezahlen quasi Geld dafür, dass Sie Finanzminister Schäuble Geld leihen.

Wie kann es sein, dass sich ein Staat Geld leiht und dafür auch noch etwas bekommt?
Cyrus de la Rubia: Das hat verschiedene Ursachen. Da ist zum einen die so genannte Flucht in Sicherheit. Man fürchtet aufgrund der vielen Krisenherde – denken Sie an das Risiko des Brexit, die Terroranschläge und die allgemeine Angst vor einer Rezession – noch höhere Verluste bei Aktien oder Unternehmensanleihen und legt sein Geld dann lieber in Anleihen des deutschen Staates an. Hier vertraut man darauf, dass dieser nicht zahlungsunfähig wird. Der andere Grund ist die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank. Wenn Geschäftsbanken bei der Zentralbank Geld anlegen, dann müssen die Kreditinstitute mittlerweile ebenfalls eine Gebühr dafür zahlen, und zwar von 0,4 Prozent. Einige Banken sagen sich daher: Bevor ich die relativ hohe Gebühr bei der EZB bezahle, lege ich das Geld lieber in Bundesanleihen an, wo ich nur 0,02 Prozent verliere. Man kann so etwas Verlustminimierung nennen.

Zeigt diese Absurdität nicht auch, dass die Finanzmärkte aus den Fugen geraten sind?  
Cyrus de la Rubia: In gewisser Weise, ja. Alle großen Notenbanken dieser Welt haben in den vergangenen Jahren massive Volumina an Liquidität in die Märkte gepumpt und die sucht jetzt Anlagemöglichkeiten. Vieles drängt sich dabei in Staatsanleihen von zahlungskräftigen Staaten wie Deutschland oder die USA. Mit negativen Renditen können aber weder Lebensversicherer noch Pensionsfonds die Renditeansprüche ihrer Kunden erfüllen und deswegen ist man laufend auf der Suche nach neuen Möglichkeiten, das Geld anzulegen. Das sorgt für hohe Kursschwankungen und es drohen jederzeit neue Vermögenspreisblasen.

Wenn Anleger in sichere Bundesanleihen investieren, verlieren sie jedes Jahr Geld, da es ja Inflation gibt. Was sollen sie tun? Sind Aktien die einzige Alternative?
Cyrus de la Rubia: Wenn man heute eine positive Rendite erwirtschaften will, kann man das nicht mehr ohne Risiko. Darüber kann man klagen, aber ändern kann man daran relativ wenig. Mit anderen Worten: Wenn ich eine positive Rendite haben möchte, dann muss ich Risiken eingehen, in dem ich Aktien kaufe, Staatsanleihen aus anderen, nicht so zahlungskräftigen Euroländern oder auch Anleihen aus Schwellenländern. Klar sollte dabei sein: Es gibt hierbei eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass ich einen Teil meines Geldes verliere. Eine andere Möglichkeit ist es, Zertifikate zu kaufen, die beispielsweise auf den Dax setzen und mit der Garantie ausgestattet sind, dass zumindest der eingesetzte Geldbetrag zurückgezahlt wird. Ein gewisses Risiko ist auch hiermit verbunden, weil bei einer Insolvenz des Instituts, von dem das Zertifikat stammt, die Rückzahlung in Frage steht.

Werden durch diese Zinsentwicklung nicht alle Anleger ärmer beziehungsweise: Lohnt es sich überhaupt noch für das Alter oder schwere Zeiten zu sparen?

Cyrus de la Rubia: Niemand will im Alter ohne Ersparnisse dastehen. Insofern stellt sich die Frage nach dem „lohnt es sich“ gar nicht. Auch hier kommt man letztlich wieder zu der Überlegung, wie viel Risiko man einzugehen bereit ist. Wenn ich nichts riskieren möchte, dann muss ich angesichts der niedrigen Zinsen erheblich mehr Geld zurücklegen als das früher der Fall war, um in Zukunft auskömmlich zu leben. Das bedeutet natürlich, dass ich unter diesen Umständen heute nicht mehr so viel Geld ausgeben kann.

Werden die Banken bald auch Verwahrgebühren für Geld erheben?
Cyrus de la Rubia: Das geschieht ja im Grunde genommen schon. Institutionelle Anleger wie Versicherungen können größere Beträge nur zu negativen Zinsen anlegen, bei Privatanlegern werden die Gebühren für das Girokonto bei vielen Banken erhöht. Je länger das Niedrigzinsumfeld anhält, desto eher sind die Banken gezwungen, die Kosten an die Kunden weiterzugeben, damit überhaupt noch Gewinne gemacht werden.

Ist Bargeld im Safe eine Lösung?
Cyrus de la Rubia: Ein Safe kostet auch Geld und ist gerade im Privathaushalt ein Sicherheitsrisiko. Ich denke nicht, dass einem damit viel geholfen ist.