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Emerging Markets in der Krise

Saudi-Arabien: Das schwarze Gold glänzt nicht mehr

10.05.2016

Der Preis ist heiß: Das Land mit den drittgrößten Erdölreserven der Welt befürchtet, durch den niedrigen Ölpreis seine Vormachtstellung im Nahen Osten an den Iran zu verlieren.

Saudi Arabien fördert so viel Öl wie seit 40 Jahren nicht mehr – aber das Wirtschaftswachstum sinkt. (Foto: picture-alliance / dpa)

Öl ist für die saudische Volkswirtschaft Segen und Fluch zugleich: In den vergangenen achtzig Jahren hat das mit Abstand größte Land auf der arabischen Halbinsel zumeist die segensreichen Folgen gespürt und einen beeindruckenden Wohlstandszuwachs für seine inzwischen 30 Millionen Einwohner erreicht. Als Land mit der größten Erdölförderleistung in der OPEC, der Organisation Erdöl exportierender Staaten, und der größten Wirtschaftsleistung des arabischen Raums (BIP 2015: 676 Milliarden USD) besitzt es die zweitgrößten Ölreserven der Welt und ist 2015 der drittgrößte globale Ölproduzent gewesen (hinter den USA und Russland).

Dank dieser beeindruckenden Rahmendaten hatte Saudi-Arabien in der Vergangenheit traditionell die Rolle eines Preiswächters am Ölmarkt inne und hat eigene Förderschwankungen eingesetzt, um den Weltmarktpreis zu stabilisieren. Seit Mitte 2014 hat das Land diese Funktion aufgegeben und versucht nun nicht mehr, durch Förderkürzungen den Ölpreis zu stabilisieren; der Preis scheint seit einigen Jahren gezielt zu politischen Zwecken eingesetzt zu werden – und Saudi-Arabien ist dabei einer der wichtigsten Akteure. Das Land hat seine Produktion trotz niedrigerer Ölpreise nicht gekürzt, sondern sogar noch weiter erhöht: Heute produzieren die Saudis mit rund 10 Millionen Fässern am Tag so viel Öl wie seit 40 Jahren nicht mehr.

Quelle: HSH Nordbank, WTO

Rasanter Ölpreisverfall schafft enorme Herausforderung

Auch wenn Saudi-Arabien weiterhin eine starke wirtschaftliche und politische Position in der Golfregion innehat, so zeigt der tiefe Fall des Ölpreises einmal mehr, dass das „schwarze Gold“ und die Abhängigkeit davon für die saudische Volkswirtschaft auch als Fluch gedeutet werden können: Der Absturz des Ölpreises von 115 USD je Fass Mitte 2014 auf zweitweise unter 30 USD Anfang 2016 hat nicht nur die Einnahmesituation Saudi-Arabiens, sondern aller Erdöl exportierender Länder schwer getroffen, und auch über 2016 hinaus dürfte der Ölpreis – solange sich das Missverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage nicht abbaut – auf einem vergleichsweise niedrigen Niveau verharren. Die daraus resultierenden Einnahmeverluste sind für die saudische Wirtschaft nicht folgenlos: Zwar verfügt das Land noch immer über erhebliche Finanzmittel, um diesen Schock für die Staatseinnahmen abfedern zu können, doch langfristig tragfähig ist die Finanzsituation des Staates dadurch nicht, zumal die Konjunktur in allen Sektoren zunehmend schwächelt.

BIP-Wachstum bricht stark ein

Während 2014 das Bruttoinlandsprodukt (BIP) noch einen Zuwachs um 3,6 Prozent verzeichnen konnte und sich das Wachstum in 2015 – insbesondere dank zunehmender Ölförderung und einer expansiven Fiskalpolitik sowie erheblichem „deficit spending“ – nur moderat auf voraussichtlich 3,3 Prozent verlangsamte, rechnen wir für 2016 mit einer BIP-Zunahme um nur noch 1,1 Prozent. Aufgrund der staatlichen Investitionen hat sich die Konjunktur in den letzten Jahren relativ dynamisch entwickelt. Das Land hat im letzten Jahrzehnt verstärkt versucht, seine Wirtschaftsstruktur zu diversifizieren und sich seit dem Beitritt zur WTO Ende 2005 zunehmend geöffnet: Das Ende 2014 ausgelaufene Investitionsprogramm (2010 bis 2014) mit einem Volumen von USD 386 Milliarden sowie das 2011 beschlossene Maßnahmenpaket über USD 130 Milliarden (fast 20 Prozent des BIP) sollten insbesondere die Beschäftigungssituation für die saudischen Staatsangehörigen verbessern und den Konsum der Privathaushalte beflügeln. Trotz der „Saudisierungspolitik“ der Regierung, die die Bevorzugung von Saudis auf dem Arbeitsmarkt durch die Einführung von Einstellungsquoten vorsieht, liegt die Arbeitslosenquote seit 2003 über 10 Prozent und stieg in der Spitze bis auf 12,4 Prozent.

Inflationsrate steigt durch Subventionsabbau deutlich an

Nachdem die Inflationsrate 2015 auf den niedrigsten Stand seit 2010 gefallen war, wird sich der Ende 2015 begonnene Trend steigender Preise in diesem Jahr voraussichtlich fortsetzen, da die im Staatshaushalt für 2016 vorgesehenen Sparmaßnahmen ihren Niederschlag in der Preisentwicklung finden: Insbesondere durch die Kürzung von Subventionen und die Erhöhung staatlich administrierter Preise zum Anfang des Jahres erhöhten sich bereits im Januar 2016 die Verbraucherpreise um 4,3 Prozent J/J, die höchste Preissteigerungsrate seit Juni 2011. Die Benzinpreise erhöhten sich (allerdings von einer relativ geringen Basis aus) um 50 bis 67 Prozent und die Elektrizitäts- und Wasserkosten verteuerten sich sogar um 135 Prozent. Für das Gesamtjahr erwarten wir eine durchschnittliche Verbraucherpreisinflation von 4,7 Prozent.

Staatshaushalt mit sehr hohem Defizit

Der öffentliche Haushalt bleibt von der Ölförderung abhängig. Mehr als 90 Prozent der Staatseinnahmen resultieren aus diesem Bereich. Infolgedessen macht sich der niedrige Preis direkt in der Staatskasse bemerkbar: Während der saudische Staatshaushalt in 2011 und 2012 noch Überschüsse von mehr als 10 Prozent der Wirtschaftsleistung verzeichnen konnte, sorgte der Mitte 2014 einsetzende Ölpreisverfall und die unverändert expansive Ausgabenpolitik zu einem noch moderaten Haushaltsdefizit für das Gesamtjahr 2014 von 2,3 Prozent des BIP – der erste negative Saldo seit dem Finanzkrisenjahr 2009, in dem der Ölpreis ebenfalls kollabiert war. Seit Sommer 2015 ist der Preis für Erdöl in der Spitze noch einmal um über 60 Prozent gefallen und bewegt sich damit auf einem Niveau, das erheblich unterhalb des Preises von rund USD 100 je Fass liegt, den Saudi-Arabien für einen ausgeglichenen Haushalt in den beiden vergangenen Jahren benötigt hätte. Aufgrund des in 2015 anfänglich weitgehend unveränderten Ausgabegebarens des Staates bei weiter sinkenden Einnahmen durch den fortgesetzten Ölpreisverfall schoss das Defizit in atemberaubende Höhe: Für das Jahr 2015 wird der Staat voraussichtlich ein Defizit von 17,1 Prozent des BIP verzeichnen, was rund USD 115 Milliarden entspräche.

Austeritätspolitik wird verschärft, Staatsschulden noch moderat

Angesichts der erheblichen Verschlechterung der Fiskalposition hat die Regierung bereits im Oktober 2015 begonnen, umfangreiche Sparmaßnahmen zu implementieren und unter anderem die Vergabe öffentlicher Aufträge eingefroren. Der 2009 eingeführte Einkaufsmanagerindex für Saudi-Arabien fiel daraufhin im Dezember auf ein Allzeittief von 54,4 Punkten. Die Staatseinnahmen werden voraussichtlich – nach der Haushaltsplanung für 2016 – auch im laufenden Jahr deutlich geringer als in 2015 ausfallen (-15 Prozent). Vor diesem Hintergrund läuft das Land, das bis 2015 zumeist zweistellige Haushaltsüberschüsse verzeichnen konnte, erneut auf ein erhebliches Budgetdefizit von voraussichtlich 15 Prozent des BIP (USD 105 Milliarden) hinzu. Angesichts der hohen Staatsausgaben, insbesondere für den Wohnungsbau, für Schulen und Krankenhäuser, wird die saudische Regierung wahrscheinlich wieder auf die noch umfangreichen Reserven des Landes und eine steigende Verschuldung zurückgreifen müssen. Die Staatsverschuldung, die Ende 2014 noch unter zehn Prozent des BIP lag, wird zwölf Monate später bei voraussichtlich 14,6 Prozent des BIP gelegen haben. Auch wenn diese Werte im Vergleich mit westlichen Ländern noch gering erscheinen, so löst das Tempo der Verschlechterung Besorgnis aus, denn für Ende 2017 erwarten wir bereits im Falle des Ausbleibens gravierender Anpassungen einen Anstieg auf 33 Prozent der Wirtschaftsleistung.

Vorzeichenwechsel beim Leistungsbilanzsaldo, Peg noch stabil

In der Vergangenheit hat Saudi-Arabien im Außenhandel enorme Leistungsbilanzüberschüsse erwirtschaftet, die von 2005 bis 2008 in der Spitze jährlich ungefähr ein Viertel des BIP erreichten. Der Rückgang des Ölpreises im Zusammenspiel mit der in 2015 noch vergleichsweise dynamischen Binnennachfrage, die die Wareneinfuhr befeuerte, hat den Außenhandelsüberschuss nun aber dramatisch zusammenschrumpfen lassen: Inzwischen ist selbst der Handelsbilanzüberschuss, der 2014 noch im dreistelligen Milliardenbereich lag, um 66 Prozent zurückgegangen und nicht mehr hoch genug, um das traditionelle Minus der Dienstleistungs- und Transferbilanz auszugleichen. In 2015 verzeichnete die Leistungsbilanz zum ersten Mal seit 1998 ein Defizit (-4,8 Prozent des BIP), das sich in 2016 auf geschätzte 7,4 Prozent ausweiten wird. Die Landeswährung, der saudische Riyal (SAR), ist seit Juni 1986 im festen Verhältnis von 3,75 SAR/USD an den USD gebunden (sog. Peg). Während in der Vergangenheit die Anbindung geholfen hat, die Inflation niedrig zu halten und ausländische Kredite sowie Investoren ins Land zu locken, zeigen sich jetzt die Schwächen dieses Wechselkursregimes: Eine unabhängige Geldpolitik ist nicht möglich und eine Abwertung, um den Ölpreisabsturz im Inland abzufedern, würde zu erheblichen Vertrauensverlusten führen. Die Akteure am Devisenmarkt scheinen jedoch bereits auf eine Aufhebung der Wechselkursanbindung und eine Abwertung des Riyal zu wetten. Angesichts der hohen Finanzpuffer erscheint es aber gegenwärtig noch wenig wahrscheinlich, dass Saudi-Arabien tatsächlich kurzfristig zu diesem Schritt bereit sein könnte; erst in einem Szenario längerfristig gravierend niedriger Rohstoffpreise und fehlender inländischer Anpassungsfähigkeit wäre für uns dieser Schritt plausibel.

Hohe Finanzpuffer beginnen zu schmelzen

Die hohen Devisenbestände Saudi-Arabiens, die von der Saudi Arabia Monetary Authority, der saudische Zentralbank, verwaltet werden, haben ihren langjährigen Aufwärtstrend gleichfalls beendet und der Abbau hat im letzten Jahr begonnen: Lagen diese Reserven Ende 2014 noch bei USD 732 Milliarden, was rund 34 Monatsimporten entsprach, so sind diese Ende 2015 auf geschätzte USD 624 Milliarden geschrumpft (29 Monatsimporte). Auch wenn sich die Volkswirtschaft Saudi-Arabiens immer noch in einer Nettogläubigerposition befindet, so beunruhigt der zügige Mittelabfluss, der dauerhaft nicht tragbar wäre und erhebliche fiskalische Strukturreformen erforderlich macht. Ermutigende Anzeichen finden sich im Budget für 2016, das auf eine Stärkung der Staatseinnahmen, Subventionsabbau sowie eine größere Effizienz bei den Staatsausgaben abzielt und neben dem kurzfristigen Anpassungsbedarf auch auf den mittelfristigen Umbau der Staatsausgabenstruktur und der Förderung der Privatwirtschaft setzt. Ein Privatisierungsprogramm soll staatliches Eigentum an Unternehmen und Land im Volumen von bis zu USD 400 Milliarden veräußern. Es bleibt aber abzuwarten, ob die den Kern der Maßnahmen bildende Streichung von Investitionsprojekten zu Lasten von geringeren Anpassungen bei Sozialprogrammen nicht die langfristige Wachstumsperspektive der saudischen Volkswirtschaft gefährdet, wenn es nicht gleichzeitig gelingt, die Bedeutung der Privatwirtschaft zu stärken.

Politische und gesellschaftliche Konflikte bergen

Risiken Von den politischen und sozialen Problemen, die seit 2011 in mehreren arabischen Ländern zu Unruhen und Umstürzen geführt haben („Arabischer Frühling“), ist Saudi-Arabien bislang weitgehend verschont geblieben. Durch Bemühungen um eine Verbesserung der Lebensverhältnisse der saudischen Staatsangehörigen und die Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit ist es der Monarchie bislang gelungen, die Bevölkerung ruhigzustellen. Zwei Drittel der Beschäftigten sind auf gut dotierten Posten im Staatsdienst tätig. Ein System umfangreicher Transferzahlungen, gespeist aus den Öleinnahmen, war bisher die Grundlage dieses Tauschgeschäftes, bei dem die Bevölkerung im Gegenzug auf politische Teilhabe verzichtete. Dieses Arrangement gerät nun womöglich in Gefahr und birgt das Risiko, die Macht des absolutistisch regierenden Königshauses zu destabilisieren. Diese Entwicklung tritt zudem zu einer Zeit auf, in der die Handlungsfähigkeit des Königs Salman, der unter gesundheitlichen Beschwerden leidet, eingeschränkt erscheint und Nachfolgekonflikte im Herrscherhaus der Al Saud nicht ausgeschlossen werden können.

Vielfältige geopolitische Risiken gefährden regionale Stabilität

Saudi-Arabien spielt nach wie vor eine strategische Rolle in der Nahost-Region und beteiligt sich direkt am Krieg gegen den sog. Islamischen Staat im Irak und Syrien (ISIS): So wird die Koalition aus westlichen Ländern militärisch unterstützt, während andere an dem Konflikt beteiligte Länder bisher finanzielle Unterstützung erhielten. Allerdings hat Saudi Arabien jüngst Finanzhilfen für den Libanon im Volumen von vier Milliarden USD ausgesetzt. Dies kann einerseits auf die angespannte Haushaltslage zurückgeführt werden, ist aber auch Ausdruck des Versuchs, den iranischen Einfluss in der Region einzudämmen (die libanesische Regierung wird von Saudi Arabien als zu iranfreundlich eingeschätzt). Die Wiederannäherung der westlichen Staatengemeinschaft an den Iran, nach der erfolgten Einigung auf einen Kompromiss im Streit um das iranische Atom-Programm, und die sukzessive Aufhebung der Wirtschaftssanktionen, wird in Saudi-Arabien mit Argwohn beobachtet.

Konflikt mit dem Iran als Triebfeder Saudi-Arabiens

Der zugrunde liegende Konflikt zwischen den beiden Ländern hat dabei seine Wurzeln in der unterschiedlichen religiösen Ausrichtung dieser beiden islamischen Staaten: Während der Iran die Hochburg der Schiiten ist und dessen Religionsführer die höchste staatliche Autorität darstellen, bildet Saudi-Arabien das Zentrum des Wahabismus, einer besonders traditionalistischen Richtung des sunnitischen Islam. Insofern lässt sich das saudische Agieren und der Ölpreisverfall nicht nur als Mittel gegen die US-amerikanische Fracking-Industrie verstehen, die zu höheren Produktionskosten Öl fördert als Saudi-Arabien, sondern gleichsam als Instrument zur Verhinderung eines allzu raschen wirtschaftlichen Wiederaufstiegs des Irans deuten, dessen zunehmende Ölförderung (aktuell rund drei Millionen Fass täglich) durch die gelockerten Sanktionen wieder auf dem Weltmarkt verkauft werden kann und eigentlich den Aufschwung im Iran befördern sollte. Bisher hat Saudi-Arabien einen direkten militärischen Konflikt mit dem Iran gemieden und so lassen sich bisher nur Stellvertreterkriege in der Region beobachten (unter anderem Jemen, Syrien) – das Risiko einer Eskalation der Entwicklung in der Golfregion bleibt jedoch weiterhin eines der größten geopolitischen Abwärtsrisiken.

Wachstumsschwäche der Ölstaaten belastet deutsche Industrie

Auch die deutsche Wirtschaft bekommt zunehmend die gestiegenen geopolitischen Risiken und die schwächere Wachstumsperformance auf der arabischen Halbinsel zu spüren: Im Jahr 2015 sanken die deutschen Exporte in die Ölstaaten bereits um 7,4 Prozent (der dritte Rückgang in Folge), wobei höhere Ausfuhren nach Saudi-Arabien und in die Vereinigten Arabischen Emirate (insbesondere Airbus-Auslieferungen) vorerst ein noch schlechteres Ergebnis verhinderten. Die voraussichtlich auf absehbare Zeit niedrigeren Ölpreise dürften das deutsche Exportvolumen in die Ölstaaten auch 2016 in der Größenordnung von sechs bis acht Prozent sinken lassen. Dabei wird wohl insbesondere der Maschinenbau – wie schon 2015 – am stärksten unter der sinkenden Nachfrage aus den Ölstaaten leiden. Kurz- und mittelfristig dürfte daher dieser Absatzmarkt für die deutsche Industrie weiter an Bedeutung verlieren wird.