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Schwellenländer-Barometer
06.05.2016

Die Stimmung in den Schwellenländern unterliegt größeren Schwankungen. So startete das Jahr 2016 turbulent, jedoch derzeit mit freundlicher Entwicklung. Um der zunehmenden Bedeutung der aufstrebenden Staaten gerecht zu werden und in diesen Märkten am Ball zu bleiben, hat UP Nord ein Schwellenländer-Barometer entwickelt, das im monatlichen Rhythmus deutlich macht, wo die entsprechenden Regionen gerade stehen.

Es ist mittlerweile eine Binsenweisheit: Die Schwellenländer produzieren einen von Jahr zu Jahr steigenden Anteil des weltweiten Bruttosozialprodukts und nehmen an Bedeutung für den Erfolg von international ausgerichteten Unternehmen immer mehr zu. Da ist es kaum verwunderlich, dass auch das  Finanzmarktgeschehen in Schwellenländern einen spürbaren Einfluss auf die Stimmung im Rest der Welt hat. Besonders offensichtlich wurde das im vergangenen Jahr, als der chinesische Aktienmarkt abstürzte und die Börsen weltweit in einen Abwärtsstrudel steuerte. Auch die Abwertung des russischen Rubel zu Jahresbeginn trübte die Stimmung an anderen Finanzplätzen ein. Derzeit ist es eher umgekehrt: Die Lage in den Schwellenländern bessert sich und trägt zu einer Aufhellung an den Börsen der Industrieländer bei.

Das Schwellenländer-Barometer trägt diesem Bedeutungszuwachs der Emerging Markets Rechnung und erfasst über verschiedene Finanzmarktindikatoren zeitnah Änderungen der Stimmungslage in diesen Ländern. Letztlich sollen auf diese Weise Krisen und Chancen rascher erkannt werden.

Das Schwellenländer-Barometer beinhaltet die Länder Brasilien, China, Indien, Indonesien, Russland und Türkei und beobachtet für diese zentralen finanzwirtschaftlichen Kennzahlen wie CDS Spreads, Aktienindizes, US-Dollar-Wechselkurse sowie Preise wichtiger Rohstoffe. Diese sind jederzeit taggleich abrufbar, sodass das „Schwellenländer-Barometer“ dazu fähig ist, besonders zeitnah Warnhinweise zu liefern. Alle Kennzahlen werden auf eine Skala von 0 (relativ geringste Krisengefahr) bis 100 (relativ höchste Krisengefahr) indexiert und dann aggregiert, sodass die Länderindizes entstehen. Fasst man diese wiederum zusammen, ergibt sich der „Schwellenländer-Barometer“ Gesamtindex. Als Startzeitpunkt wird das Jahr 1998 gewählt, als die Asienkrise ihren Höhepunkt erreichte.

„Schwellenländer-Barometer“ Gesamtindex, April 2012 bis heute (Quelle: HSH Nordbank)

In den vergangenen Wochen hat sich gemessen an unserem Schwellenländer-Barometer die Stimmung in den von uns beobachteten Ländern deutlich verbessert. So haben sich die CDS-Spreads eingeengt, die Rohstoffpreise sind gestiegen (was für die meisten der am Index beteiligten Länder positiv ist) und die Wechselkurse haben sich stabilisiert. In diesem Umfeld zeigten auch die Aktienmärkte Zuwächse, so dass das Schwellenländerbarometer auf 44,7 Punkte gefallen ist, wenngleich das Risikoniveau noch nicht da ist, wo es Mitte 2014  oder Anfang 2013 lag (rund 30 Punkte).

Die  stärksten Impulse gingen von Brasilien aus, wo die Finanzmarktteilnehmer offensichtlich darauf hoffen, dass Präsidentin Dilma Rousseff abgesetzt wird und im Anschluss politische Stabilität wieder einkehrt. Dies wird durch die Wechselkursentwicklung und den Aktienmarkt Bovespa widergespiegelt. In China dagegen war kaum eine Änderung festzustellen, da die Aktienkurse weiterhin vergleichsweise niedrig notieren und der Yuan auch nur geringfügig aufgewertet hat. Für China ist im Übrigen der Ölpreisanstieg tendenziell negativ, da China Netto-Erdölimporteur ist. Das gleiche gilt im Übrigen auch für die Türkei, wo sich der Gesamtindex in den vergangenen Wochen kaum verändert hat.

Im langfristigen Vergleich ist das Niveau des Barometers auch nach den Rückgängen leicht über dem langfristigen Durchschnitt von 43 Punkten. Mit dem aktuellen Stand von rund 45 Punkten liegt das Barometer gleichzeitig deutlich unter den historischen Höchstwerten vom September 2008, als der Index den Wert von 60 überschritt.

„Schwellenländer-Barometer“ Gesamtindex, April 1998 bis heute (Quelle: HSH Nordbank)

Die Methodik

Für die Erstellung des „Schwellenländer-Barometer“ werden finanzwirtschaftliche Daten der Länder Brasilien, China, Indien, Indonesien, Russland und Türkei untersucht. Der erste Datenzeitpunkt ist der 1.04.1998.

Bei den Daten handelt es sich um:

  • CDS Spreads (Preisdifferenz der Versicherungen gegen Kreditausfälle), Brasilien/Indien: Renditedifferenz der 10-jährigen Staatsanleihen gegenüber US-Anleihen
  • Haupt-Aktienindizes

       o    Brasilien: Bovespa
       o    China: Shanghai Composite
       o    Indien: Sensex
       o    Indonesien: Jakarta Composite
       o    Russland: MICEX
       o    Türkei: Borsa Istanbul 100

  • Wechselkurse der Länderwährungen zum US-Dollar
  • Wichtigste Rohstoffe

       o    Brasilien: Eisenerz, Soja, Rohrzucker
       o    China: Rohöl (Import)
       o    Indien: Mais, Reis, Tee, Rohöl (Import)
       o    Indonesien: Kohle, Erdgas, Palmöl, Rohöl
       o    Russland: Rohöl, Erdgas
       o    Türkei: Rohöl (Import)

Bei allen Daten (bis auf die Spreads) wird außerdem das Mittel aus der durchschnittlichen Veränderung der Woche gegenüber der Vorwoche und dem Monat gegenüber demselben Monat im Vorjahr gebildet. Hiermit soll verhindert werden, dass längerfristige Niveauverschiebungen dauerhaft auf das Barometer durchschlagen. So ist beispielsweise bei Hochinflationsländern der Wechselkurs von heute nicht mit dem vor 15 Jahren vergleichbar. Auch bei Rohstoffen kommt es immer wieder zu dauerhaften Niveauverschiebungen.

Schließlich wird eine Indexierung vorgenommen, sodass für jede Kennzahl der Wert des minimalen Krisenrisikos den Wert 0 zugewiesen bekommt und der des maximalen Krisenrisikos 100. Falls es sich bei den berücksichtigten Rohstoffen um Exportrohstoffe handelt, wird außerdem ein Gesamt-Rohstoffindex gebildet. Die Gewichtung der einzelnen Rohstoffe stimmt dabei mit dem Exportanteil überein.

Bildet man für jedes Land das Mittel der dazugehörigen Kennzahlen, so erhält man den Länderindex.
Bei (gleichgewichteter) Aggregation dieser ergibt sich schließlich der „Schwellenländer-Krisenbarometer“ Gesamtindex.

Die Einzelindizes werden um Extremausschläge bereinigt, um eine Verzerrung für den Gesamtindex zu vermeiden. Die Bereinigung erfolgt, in dem man bestimmte Werte

Interpretation

Durch die Normierung der Risikofaktoren auf eine Zahl zwischen 0 (minimales Risiko) und 100 (maximales Risiko) ergibt sich eine relative Risikomessung, die sich an der Historie orientiert. Das ist wichtig für die Interpretation der Ergebnisse: Wenn beispielsweise in einem Land der CDS-Spread zwischen 20 und 80 Basispunkte schwankte, dann bedeutet ein CDS-Spread von 80 Basispunkten ein maximales Risiko von 100. Bei einem anderen Land, dessen CDS-Spread zwischen 100 und 500 schwankte, ist der Indexwert 100 bei 500 Basispunkten erreicht. Wenn also der Gesamtindex einen hohen Wert erreicht, dann heißt das, dass die beteiligten Länder jeweils einen historisch gesehen relativ hohen Risikograd erreicht haben. Man kann nicht ableiten, ob ein Land risikoreicher als das andere Land ist.

Zuletzt ist anzumerken, dass nur finanzwirtschaftliche Daten zur Messung des Krisenrisikos verwendet werden. Dass hat den Vorteil, dass jederzeit aktuelle Daten abgerufen werden können (sozusagen in „Echtzeit“), was die Verzögerung des Indizes auf plötzliche Ereignisse minimiert. Gleichzeitig werden aber fundamentale Daten wie z.B. Leistungsbilanzsalden oder Währungsreserven ignoriert. Es lassen sich somit keine direkten Aussagen über fundamentale Bewertungen treffen. Dies ist bei der Interpretation des „Schwellenländer-Barometers“ zu berücksichtigen.

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