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Emerging Markets in der Krise
20.04.2016

Russlands Wirtschaft ist belastet: Sanktionen und niedriger Ölpreis trüben die ökonomischen Prognosen für 2016. Das bekommen auch die Verbraucher zu spüren.

Die Wirtschaftskrise in Russland vergrößert die Armut und bringt sie sogar auf den höchsten Stand seit neun Jahren. (Foto: picture alliance / ITAR-TASS)

Die dramatisch gefallenen Rohstoffpreise setzen Russland zwar weiterhin zu, aber ein Ende der Talfahrt wird langsam erkennbar: Nach vorläufigen Schätzungen schrumpfte das Bruttoinlandsprodukt um 3,8 Prozent (J/J) und damit etwas weniger stark als im dritten Quartal, in dem der Rückgang 4,1 Prozent erreicht hatte (Q2: -4,7 Prozent (J/J)). Das Bruttoinlandsprodukt reduzierte sich im Gesamtjahr 2015 damit um 3,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr (2014: +0,5 Prozent J/J). Die starke Kontraktion der Wirtschaftsleistung wurde auf der Verwendungsseite vor allem durch einen Rückgang der Nachfrage privater Haushalte getrieben, die sich um 10,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum reduzierte.

Der seit Dezember 2014 erheblich gefallene Kurs des russischen Rubels hat in 2015 die Inflationsrate im Durchschnitt auf 15,5 Prozent ansteigen lassen, was die Reallöhne abstürzen (-9,9 Prozent J/J) und die Kaufkraft der Verbraucher zurückgehen ließ. Der Staatskonsum reduzierte sich um 1,8 Prozent und die Investitionen, die schon seit Jahren zu gering sind, um die marode Produktionsstruktur zu verbessern, gingen im abgelaufenen Jahr um 7,6 Prozent zurück. Einzig die Nettoexporte leisteten einen positiven Wachstumsbeitrag, da die Exporte (real) um 3,1 Prozent zulegten, während die Importe um gewaltige 25,6 Prozent zurückgingen.

Geringe Diversifikation der Produktionsstruktur belastet

Es ist für Russland jedoch nicht allein der gesunkene Ölpreis, der die Wirtschaft belastet: Hinzu kommen die westlichen Wirtschaftssanktionen als Reaktion auf die russische Annexion der Krim und die Unterstützung von Separatisten im Osten der Ukraine. Zwar zeigen sich auch positive Sanktionseffekte für die heimische verarbeitende Industrie, die teilweise die Lücke fehlender Auslandsgüter füllt: Die Produktion der Nahrungsmittelindustrie legte um zwei Prozent jedes Jahr zu, die der pharmazeutischen Industrie sogar um neun Prozent und die chemische Industrie erhöhte ihr Outputvolumen um sechs Prozent, wohl nicht zuletzt dank der erhöhten Zulieferungen für die brummende Rüstungsgüterindustrie. Im Ergebnis leidet aber die Industrie, die immer noch zu wenig diversifiziert und stark auf Öl- und Gas fokussiert ist, unter den negativen Auswirkungen von Preisverfall und Sanktionen, die speziell auf diese Branche abzielen. Die Gesamtproduktion des verarbeitenden Gewerbes nahm daher in 2015 um fünf Prozent ab.

Sanktionen trüben die Wachstumsperspektive ein

Auch wenn gegenwärtig die Lage in der Ostukraine nicht neuerlich eskaliert, sind Russland und die Ukraine noch weit von einer nachhaltigen Lösung entfernt und das Verhältnis zur westlichen Staatengemeinschaft bleibt belastet. Es ist daher abzuwarten, ob der gemeinsame Feind „Islamischer Staat“, den Russland und die Westmächte in Syrien bekämpfen, und die Entwicklung der für Syrien vereinbarten Waffenruhe zu einer Wiederannäherung führen, die es auch ermöglicht, andere Konflikte auszuräumen. Unzweifelhaft erscheint jedoch, dass eine Aufhebung der Wirtschaftssanktionen des Westens der russischen Wirtschaft eine willkommene Entlastung brächte und positive Wachstumsimpulse aussenden würden.

Noch sieht es nicht danach aus: Die Europäische Union hat bereits im Dezember ihre Wirtschaftssanktionen vorerst bis zum 31. Juli 2016 verlängert, die sich unter anderem gegen russische Staatsbanken, den Im- und Export von Rüstungsgütern sowie die russische Öl- und Gasindustrie richten. Anfang März 2016 wurde zusätzlich entschieden, dass Reise- und Vermögenssperren, die sich gegen 146 Russen und Ukrainer sowie gegen 37 Unternehmen und Organisationen richten, weitere sechs Monate bis September 2016 gelten sollen. Da die Aufhebung der Wirtschafts- und Personensanktionen an die Umsetzung des sog. Minsk II-Abkommens gekoppelt sind und diese bisher eher schleppend verläuft, erwarten wir für 2016 ein Andauern des Sanktionsregimes und der negative Auswirkungen auf die Wirtschaftsentwicklung.

Niedriger Ölpreis lässt Rezession auch 2016 andauern

Auch in 2016 wirken bisher viele der bekannten Faktoren weiter belastend: Der immer noch nicht nachhaltig stabilisierte Ölpreis, der immer noch erhöhte Konsumentenpreisauftrieb und die daher wohl nicht weiter gelockerten monetären Zügel belasten vorerst noch die Kreditaufnahme und damit die Investitionstätigkeit. Auch die negativen Effekte bei einer potentiellen Eskalation der geopolitischen Lage in der Ukraine oder in Syrien sind ein nicht zu unterschätzendes Abwärtsrisiko.

Vor diesem Hintergrund und angesichts der andauernden Unsicherheiten erwarten wir für den überwiegenden Teil des Jahres eine Fortsetzung des Schrumpfens der russischen Wirtschaftsleistung, so dass sich im Gesamtjahr 2016 voraussichtlich kein positives Wachstum einstellen dürfte. Der Konsum wird weiter unter den sinkenden Reallöhnen leiden und die Investitionen unter den schlechten Finanzierungsbedingungen. Wir haben daher unsere Bruttoinlandsprodukt-Wachstumsprognose für das laufende Jahr weiter abgesenkt (-1,3 Prozent, vorherige Prognose: -0,5 Prozent).

Verbraucherpreise werden in 2016 weniger stark steigen

Der Konsumentenpreisanstieg ist nach einem Jahreshoch von 16,9 Prozent J/J im März 2015, der höchsten Steigerungsrate seit 2002, inzwischen auf einem deutlich niedrigeren Niveau angelangt: Lag die durchschnittliche Inflationsrate im Jahr 2015 bei 15,5 Prozent, so erreichte der Verbraucherpreisauftrieb im Februar 2016 mit acht Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat das niedrigste Niveau seit September 2014 (Januar 2016: +9,8 Prozent J/J, Dezember 2015: +12,9 Prozent J/J).

Der starke Anstieg der Verbraucherpreise in 2015 (viermal so hoch wie das Inflationsziel der russischen Zentralbank von vier Prozent) war nicht nur den westlichen Sanktionen geschuldet, sondern insbesondere auch der deutlichen Abwertung des Rubels (März 2016: +30 Prozent J/J) zuzuschreiben. Zusätzlich hat der russische Einfuhrstopp für bestimmte westliche Agrarprodukte und Lebensmittel die Verbraucherpreisinflation angeheizt. In 2016 werden auslaufende Basiseffekte aus dem starken Anstieg in 2015 und eine moderatere Wechselkursentwicklung voraussichtlich für durchgehend einstellige Inflationsraten sorgen.

Sinkender Inflationsdruck beflügelt Zinssenkungsphantasie

Der Leitzins, der Mitte Dezember 2014 von 10,5 Prozent auf 17 Prozent angehoben worden war und damit den Marktteilnehmern seinerzeit die dramatische Lage vor Augen geführt hatte, wurde seit Ende Januar 2015 in mehreren Schritten (zuletzt Ende Juli) auf die aktuell immer noch geltenden elf Prozent gesenkt. Eine weitere Reduktion, um der rezessiven Entwicklung entgegenzuwirken und die Kreditaufnahme zu verbilligen, scheint aber erst bei einer deutlichen Stabilisierung der Rahmenbedingungen wieder auf den Tisch zu kommen.

In ihrer letzten Stellungnahme betonte die russische Zentralbank Ende Januar 2016 erneut die Risiken für die Inflationsentwicklung sowie die wirtschaftlichen Entwicklung und führte diese Risiken als Grund für ein mögliches Wiederanziehen der monetären Zügel an. Gleichzeitig erwartet sie aufgrund der bisherigen restriktiven Geldpolitik und der schwächeren Binnennachfrage einen Rückgang der Inflation bis Januar 2017 auf unter sieben Prozent J/J und geht unverändert davon aus, ihr Inflationsziel von vier Prozent Ende 2017 zu erreichen. Angesichts der gegenwärtigen Bodenbildung beim Ölpreis sollte sich auch beim Wechselkurs des Rubels das Abwärtstempo verlangsamen und mittelfristig eine Stabilisierung möglich sein. Damit scheint eine Zinserhöhung zumindest vorerst nicht mehr zwingend zu sein. Für den weiteren Jahresverlauf wird in einem stabileren Umfeld sogar eine moderate Zinssenkung (bis Ende des Jahres Richtung zehn Prozent) wieder wahrscheinlicher.

Haushaltsdefizit steigt deutlich an

Das gesamtstaatliche Defizit erreichte in 2015 einen Umfang von 3,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (nach -0,5 Prozent in den beiden Vorjahren). Während die Einnahmen um ein Prozent sanken, legten die Staatsausgaben um über sechs Prozent zu. Das größte Loch bei den Staatseinnahmen entstand durch Ausfälle bei der Öl- und Gassteuereinnahmen, mit denen der russische Staat die in guten Zeiten stattliche Differenz zwischen den Weltmarktpreisen und den (geringen) Förderkosten der russischen Öl- und Gasindustrie abschöpft.

Eine Reform der Sozialversicherung bescherte dem Staat zusätzliche Einnahmen über Sozialabgaben, die allerdings die Mindereinnahmen nicht vollständig ausgleichen konnten. Auch im laufenden Jahr dürfte sich das Fiskaldefizit nicht erheblich verbessern, da die Regierung mit einem Ölpreis von 50 US-Dollar pro Fass den Haushalt kalkuliert hat und gegenwärtig eher Werte zwischen 30 bis 40 US-Dollar plausibel erscheinen. Wir rechnen daher für 2016 mit einem Haushaltsdefizit leicht über dem Vorjahr in Höhe von 3,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Privatisierungsprogramm soll Finanzierung sicherstellen

Im Vergleich zu den Vorjahren ist die Finanzierung des Defizits über den Reservefonds, in dem ein Teil der Öleinnahmen aus der Vergangenheit geparkt wurde, nur noch eingeschränkt möglich. Es besteht die Gefahr, dass ohne einen deutlichen Anstieg des Ölpreises der Fonds zum Ende des Jahres weitgehend aufgebraucht sein wird, was zusätzlichen Konsolidierungsdruck auslösen dürfte.

In diesem Zusammenhang ist auch die Ankündigung von Präsident Putin vom ersten Februar zu verstehen, der ein umfangreiches neues Privatisierungsprogramm verkündete: Anteile an Aeroflot, der größten russischen Fluggesellschaft, an den Ölunternehmen Rosneft und Bashneft, an dem Minenunternehmen Alrosa, der Staatsbank VTB, der Reederei Sowkomflot sowie der russischen Eisenbahn sollen verkauft werden und für zusätzliche Einnahmen des Staates sorgen.

Während sich ausländische Investoren aufgrund der politischen und wirtschaftlichen Risiken eher zurückhalten dürften, wird wahrscheinlich Druck auf inländische Akteure ausgeübt werden, sich an der Privatisierung zu beteiligen. Produktivitäts- und Effizienzgewinne für die russische Wirtschaft werden sich voraussichtlich aus dieser aus der Not geborenen Maßnahme nicht ergeben, da der Staatseinfluss aus strategischen Gründen hoch bleiben wird und ausländisches Know-how nicht ausreichend zur Verfügung steht.

Auslandsverschuldung geht zurück

Die russische Auslandsverschuldung erreichte nach vorläufigen Zahlen Ende 2015 einen Wert von 515 Milliarden US-Dollar. Ein Fünftel davon ist in russischen Rubel denominiert. Der Schuldenstand reduzierte sich in den abgelaufenen zwölf Monaten wertmäßig um 80 Milliarden US-Dollar. Der Anteil des russischen Staates an der Auslandsschuld beträgt nur rund 30 Milliarden US-Dollar (circa zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts). Der größte Anteil der externen Verschuldung entfällt auf den Unternehmenssektor (ohne Finanzinstitutionen), wobei der Anteil von unternehmensinternen, grenzüberschreitenden Verbindlichkeiten rund ein Drittel ausmacht.

Die kurzfristige Außenverschuldung beläuft sich für 2016 auf 50 Milliarden US-Dollar, wovon rund 30 Milliarden US-Dollar in der ersten Jahreshälfte fällig werden. Die russischen Fremdwährungsreserven lagen Ende Februar 2016 bei 323 Milliarden US-Dollar (381 Milliarden US-Dollar inklusive Gold). Aus gesamtwirtschaftlicher Sicht erscheint die externe Liquiditätslage weiterhin komfortabel und die (zumindest kurzfristige) Schuldentragfähigkeit gegeben. Auf der Ebene einzelner Unternehmen stellt jedoch der Ölpreisverfall, die Rubelwechselkursentwicklung und das Sanktionsregime weiterhin ein nicht zu unterschätzendes Risiko dar, so dass hier Zahlungsstörungen bei der Bedienung der Auslandsschulden nicht ausgeschlossen werden können.

Wöchentlich folgen die nächsten Länderberichte zu Indien, Türkei und Saudi Arabien.