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Pressefokus

Digitaler Blindflug: Mittelständler drohen Anschluss zu verpassen

22.03.2016

Immer schön digital sein, fordert die Politik vom Mittelstand – zuletzt auf der gerade zu Ende gegangenen CeBIT. Doch den meisten Firmenchefs ist, wenn sie an Daten und Kommunikation denken, das Faxgerät immer noch näher als soziale Medien. Mittelständler tun sich schwer mit dem Umstieg auf die neuen Technologien.

Weg versperrt. Der Mittelstand findet bisher nur mühsam auf den Pfad der digitalen Transformation. (Foto: picture alliance / Frank May)

Es muss ja nicht gleich die modernste Roboterstraße mit Zuliefer- und Endkundenschnittstelle in einer menschenleeren Fertigungshalle sein. Gerade im Mittelstand bedeutet digitale Transformation oft, kleine Schritte zu gehen – etwa ein Onlineportal mit Bezahlfunktion für die Kunden einzurichten, eine App für den Außendienst zu entwickeln oder die ersten Ersatzteile mit digitalen Verschleißmeldern auszuliefern.

Doch selbst diese Maßnahmen fallen vielen kleinen und mittelgroßen Firmen schwer, berichtet das Quickborner Tagblatt, das sich auf eine Studie des Beratungsunternehmens Ernst & Young (EY) bezieht, die 3.000 Mittelständler analysiert hat. Danach scheitert jedes dritte kleine und mittelgroße Unternehmen bei dem Versuch, stärker auf den Trend der Digitalisierung zu setzen. „Die größten Hemmschuhe sind zu kleine Budgets, Fachkräftemangel oder fehlendes Wissen im eigenen Betrieb“, fasst das Blatt die Untersuchung zusammen.

Mittelstand droht digitale Zweiklassengesellschaft

Mittelständler, denen der Einstieg in die Nutzung digitaler Technik gelingt, werden den Nachzüglern davonziehen. „Wenn die Zeiten schlechter werden, wird sich die Spreu vom Weizen trennen und Unternehmen mit konsequenter Digitalisierungsstrategie werden einen Vorteil im Wettbewerb haben“, zitiert die Zeitung Peter Englisch, Autor der Studie und Leiter der Mittelstandsaktivitäten bei EY.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) verweist in diesem Zusammenhang auf das vom Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) in Auftrag gegebene Mittelstandspanel. Nach dessen Erkenntnissen können in Deutschland erst drei von zehn Mittelständlern als stark digitalisiert gelten. „Unser Mittelstand sollte zum Treiber der Digitalisierung werden“, fordert BDI-Präsident Ulrich Grillo, doch in der Praxis ringen die Unternehmen unter anderem auch mit rechtlichen Hemmnissen. So entwickeln sich nach Angaben der FAZ zum Beispiel digitale Innovationen mittlerweile so rasch, dass die für Industriegüter entwickelten gesetzlichen Abschreibungsperioden für Software nicht mehr hinterherkommen.

Big Data und Cloud-Dienste nutzt nur eine Minderheit

Der digitale blinde Fleck ist in vielen Mittelstandfirmen unübersehbar. Erst wenige Mittelständler können derzeit etwa sagen, wie viele Besucher sie im letzten Monat auf ihrer Website hatten, schreibt die Zeitung. Bei einer Umfrage des Verbands der Familienunternehmen hätten 78 Prozent von knapp 700 befragten Firmen angegeben, Markt- und Kundendaten, die bei ihnen anfielen gar nicht weiter zu verwenden. Die Minderheit der Firmen, die Big Data bereits analysieren, nutzen ihre Erkenntnisse in erster Linie für die Verbesserung bestehender Dienstleistungen oder die Weiterentwicklung des Geschäftsmodells.

Auch die Wochenzeitung Die Zeit hat die Datenkompetenz von Mittelständlern  unter die Lupe genommen. „Die Unternehmen haben den Wert ihrer Daten erkannt, können sie aber noch nicht auswerten“, urteilt Thomas Froese, Vorsitzender des Big-Data-Fachausschusses im Industrieverband VDI. Er bezeichnet die Big-Data-Praxis der kleineren Firmen als „katastrophal“. Dabei sei es eher leichter geworden, aussagekräftige Daten zu erheben, schreibt die Zeitung. Mit erschwinglicher Software, Minifunkchips und Smartphone-Apps könnten bereits heute wertvolle Daten entlang der Produktionskette gesammelt werden. Auch die Speicherung großer Datenmengen sollte dank Cloud Computing kein Problem mehr sein.

Angst isst digitalen Fortschritt auf

Der Umgang mit der Datenwolke scheint bei vielen Mittelständlern von Ängsten geprägt. Zwar ist es mittlerweile ein Leichtes, per Cloud Computing Daten von externen Serverdienstleistern speichern zu lassen. Doch nur elf Prozent der deutschen Firmen nutzen Cloud-Dienste, wie eine Übersicht von Eurostat zeigt, aus der wiederum die FAZ zitiert. Deutschland rangiert nach diesen Angaben der Statistikbehörde auf einem der letzten Plätze in Europa, gemeinsam mit Mazedonien und Bulgarien.

In Finnland setzt dagegen bereits jedes zweite Unternehmen auf die Möglichkeiten der Cloud, etwa um mit seinen Zulieferern Daten austauschen zu können, seine Mitarbeiter, die unterwegs sind, mit Informationen zu versorgen, oder schneller Angebote für seine Kunden erstellen zu können.

Bund empfiehlt vertrauenswürdige Cloud-Dienste

Dabei liegen die Vorteile der Cloud auch für deutsche Firmen auf der Hand. „Gerade im Punkt Wirtschaftlichkeit hat die Cloud Vorteile. Sie ist oft um den Faktor sechs billiger“, sagt Thomas Niessen der Zeitung. Er ist einer der Betreuer des Kompetenznetzwerks Trusted Cloud, das vom Bundeswirtschaftsministerium eingerichtet wurde. Auf der Website des Projekts, www.trusted-cloud.de können Mittelständler Cloud-Anbieter suchen, die als vertrauenswürdig gelten. Angezeigt werden nur Anbieter, die deutsche Datenschutzvorschriften einhalten und ihre Leistungen und Kosten transparent auflisten.

Methode

Für den Pressefokus „Mittelstand“ wertet Unternehmer Positionen Nord regelmäßig meinungsbildende Zeitungen, Fachzeitschriften und Onlineportale mit Wirtschaftshintergrund sowie norddeutsche Regionalzeitungen aus. Auf einen Blick erhalten Sie damit eine Auswahl fundierter Expertenmeinungen und konträrer Einschätzungen in der aktuellen Berichterstattung. Dabei werden mittel- bis langfristige Trends herausgearbeitet, die Schlüsse auf die zukünftige Entwicklung im deutschen Mittelstand zulassen. Besonders berücksichtigt werden Zitate von Experten aus Banken und Unternehmen.

Im vorliegenden Pressefokus für den Monat März (beobachteter Zeitraum: 7. bis 21. März 2016) wurden Artikel aus folgenden Quellen ausgewertet: Quickborner Tagblatt, Frankfurter Allgemeine Zeitung und Die Zeit.