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Emerging Markets in der Krise
30.03.2016

Von Hoffnungsträgern zu Sorgenkindern – die wirtschaftliche Entwicklung in den Emerging Markets verläuft sehr unterschiedlich. Die Volkswirte und Länderspezialisten der HSH Nordbank, Günter Köhne und Carsten Pallas, analysieren im Interview die Lage in den wichtigsten Emerging Markets. In einer sich daran anschließenden Serie geben sie detaillierte Einblicke in die ökonomische Situation verschiedener Länder.       

Diamantenmine in Mirny: Russland ist seit über 45 Jahren der größte Produzent von Naturdiamanten. Doch das Vorkommen eines der kostbarsten Rohstoffe der Welt kann dem Land nicht aus der derzeitig trüben Wirtschaftslage helfen. (Foto: dpa / picture alliance)

Die BRIC Staaten – also Brasilien, Russland, Indien und China – sowie die Emerging Markets in Asien, Afrika und Südamerika waren lange Zeit Hoffnungsträger für das Wachstum der Weltwirtschaft. Zuletzt stockte die Entwicklung in diesen Ländern. Was ist passiert?
Günter Köhne: Es stimmt, der Hype, den wir vor ein paar Jahren hatten, ist vorbei. Aber in den Schwellenländern kann immer noch mehr Wachstum generiert werden als in den Industrieländern. Zumindest langfristig gesehen bleiben diese Länder Hoffnungsträger für die Weltwirtschaft. Aber sie leiden natürlich unter den aktuellen Problemen – aber das heißt nicht, dass sie auf lange Sicht nicht über enormes Potential verfügen.

Günter Köhne (li.) und Carsten Pallas (re.), Volkswirte und Länderspezialisten der HSH Nordbank (Foto: Sven Wied)

Gibt es Gemeinsamkeiten in der Entwicklung der Länder oder muss man jedes Land für sich betrachten?
Carsten Pallas: Das Akronym BRIC war ursprünglich ein Marketingbegriff der Investmentbank Goldman Sachs. Die hat vor fünfzehn Jahren darunter Schwellenländer zusammengefasst, die ein großes Potential besitzen, aber sehr unterschiedlich sind – hinsichtlich der Bevölkerung, des Rohstoffvorkommens und der Wirtschaftsstärke. Da muss man gerade heute nun genau differenzieren: Manche tun sich im aktuellen Umfeld schwer, andere sind erfolgreich.
 
Lassen Sie uns ein Blick auf die verschiedenen Länder werfen: Das Wachstum in China ist zuletzt zurückgegangen. Was ist der Grund dafür?
Günter Köhne: Zunächst sollte man sich bewusst sein, dass die chinesische Wirtschaft immer noch um gut sechs Prozent pro Jahr wächst. Das ist nicht wenig! Und: Die Gründe für das langsamere Wachstum sind durchaus positiv.

Was heißt das?

Günter Köhne: China ändert gerade sein Wachstumsmodell: Weg von den großen Investitionen, die zu Überkapazitäten geführt haben. Hin zu einer stärkeren Betonung des privaten Konsums und des Dienstleistungssektors.

Warum ist das ein besseres, nachhaltigeres Wachstum?  
Günter Köhne: In China wurde einfach zu viel investiert. Weil die Kader über Wirtschaftswachstum in der Partei aufgestiegen sind, waren sie darauf fixiert, immer weitere Projekte anzuschieben: noch eine Firma hinstellen, noch mehr bauen – aber der Bedarf war gar nicht mehr da. Deshalb gibt es in China nun große Überkapazitäten, in der Stahlindustrie wird das besonders deutlich.

Im- und Exporte in China sind ebenfalls gesunken – müssen sich die deutschen Unternehmen Sorgen um einen wichtigen Markt machen?
Günter Köhne: China wird ein extrem wichtiger Absatzmarkt bleiben. Aber, über das schwächere Wirtschaftswachstum hinaus, muss man natürlich beachten, dass ein höherer Anteil von Dienstleistungen auch bedeutet, dass weniger Maschinen gebraucht werden.
 
Inwieweit steuert die chinesische Regierung die Wirtschaft?

Günter Köhne: In großem Umfang. Wir haben ein kurioses System: Es gibt zwar eine Privatwirtschaft, die wird aber durch die Partei kontrolliert. Dieses System ist – langfristig betrachtet – ein Problem. Eine staatsgelenkte Wirtschaftsform ist eigentlich nicht mit den dort herrschenden Strukturen einer in Teilen kaum reglementierten Marktwirtschaft vereinbar –  Steuerungsanspruch prallt mit Marktgegebenheiten zusammen. Es wird spannend, wie sich das entwickelt.

Ein weiteres wichtiges BRIC- Land ist Russland, dessen Wirtschaft 2015 wohl um fast vier Prozent geschrumpft ist. Weshalb diese große Krise?
Carsten Pallas: Da kommen zwei Dinge zusammen: Die Rohstoffpreise sind stark gesunken, dabei war vor allem der Ölpreis der Treiber des Wachstums in der Vergangenheit. Zum anderen wirken die Sanktionen der westlichen Staatengemeinschaft, die nach der russischen Annexion der Krim verhängt wurden. Deshalb sind unter anderem die Lebensmittelpreise stark gestiegen, bestimmte Investitionsgüter – insbesondere für die Ölindustrie – dürfen nicht mehr eingeführt werden. Für Russland, das selbst keine breite Produktionsbasis hat, ist diese Kombination verhängnisvoll.

Liegt es nur an den sinkenden Rohstoffpreisen oder gibt es noch andere Gründe für die wirtschaftliche Talfahrt?
Carsten Pallas: Russland hat den Sprung vom Rohstofflieferanten zum Land mit hochwertiger und global wettbewerbsfähiger Produktion verpasst. Seit der Privatisierung unter Boris Jelzin in den 1990er Jahren hat es das Land nicht geschafft, sich von seiner Rohstoffabhängigkeit zu lösen. Gleichzeitig hat das autokratische Gesellschaftsmodell verhindert, dass sich ein richtiges Unternehmertum entwickelt.

Gibt es Anzeichen für eine Erholung der russischen Wirtschaft? Carsten Pallas: Die russische Wirtschaft ist 2015 um 3,7 Prozent geschrumpft, dieses Jahr werden wir einen weiteren Rückgang um vielleicht 1 bis 2 Prozent sehen. Die russische Führung versucht nun, die Abhängigkeit des Landes von Importen zu verringern, indem sie den Aufbau einer eigenen Industrie fördert. Das ist aber nicht einfach, gerade bei höherwertigen Gütern oder in der Autoindustrie. Da muss man in Jahrzehnten denken.

Brasilien ist ebenfalls stark von Rohstoffen abhängig. Auch dort ist die Wirtschaft 2015 geschrumpft. Hat das Land ähnliche Probleme wie Russland?

Günter Köhne: Nein, Brasilien ist ein ganz anderer Fall. Der Verfall der Rohstoffpreise hat zu der dortigen Krise zwar beigetragen. Vor allem sind aber andere Dinge schiefgelaufen: Die Innenpolitik hat unklare Signale gegeben, weshalb Investitionen zurückgehalten werden. Die öffentlichen Haushalte laufen aus dem Ruder, die Inflation ist hoch. Dazu kommen eine zunehmende Abkehr von der Politik und große Korruptionsskandale, die das Land erschüttert haben. Der Konsum läuft ebenfalls nicht mehr so gut, die Verschuldung wächst.

Das klingt nicht gut.
Günter Köhne: Stimmt, das klingt nicht positiv. Auf der anderen Seite ist Brasilien aber ein in weiten Teilen hochindustrialisiertes Land mit Produkten, die auf dem Weltmarkt wettbewerbsfähig sind. Deshalb hat das zudem rohstoffreiche Land langfristig eigentlich gute Perspektiven.

Lassen Sie uns nach Indien blicken: Die Wirtschaft des zweitbevölkerungsreichsten Landes der Erde wächst mit etwa sieben Prozent pro Jahr – was ist das Erfolgsrezept?

Carsten Pallas: Zuerst muss man die Relationen beachten: Das Bruttoinlandsprodukt von Indien hat nur ein Fünftel des Umfangs von China, dabei ist die Bevölkerung fast gleich groß. Das zeigt, dass Indien trotz seines starken Wachtsums, das vor allem durch die Binnennachfrage getrieben ist, einfach noch kein hohes Niveau erreicht hat. Indien ist immer noch stark agrarisch geprägt. Fast 50 Prozent der Beschäftigten sind noch in der Landwirtschaft tätig. Allerdings hat Indien große Stärken in der IT-Branche, die baut das Land weiter aus.

Im Gegensatz zu Brasilien, Russland und China hat Indien keine Rohstoffvorkommen. Fördert das ein nachhaltigeres Wachstum?
Carsten Pallas: Ja, denn Indien ist auf Menschen angewiesen, auf Bildung, auf Know-how, auf die Qualität des Produktionsfaktors Arbeit – das ist in Deutschland nicht anders.

Zum Schluss ein Blick auf die Türkei, sie sich wirtschaftlich stark entwickelt hat. Allerdings gibt es innen- wie außenpolitisch Konflikte. Wie sehen Sie die Perspektiven?  
Günter Köhne: Unsere Wachstumsprognose für die Türkei liegt bei 3,5 Prozent. Das ist zwar ganz gut, aber die Türkei hat es versäumt, ihre Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen und das Ausbildungsniveau zu steigern. Da ist zu wenig passiert. Und die Türkei ist anfällig für externe Krisen. Sie hat ein großes, strukturelles Leistungsbilanzdefizit von etwa fünf Prozent, unter anderem weil sie fast alle Rohstoffe importieren muss. Daneben muss sie hohe Auslandsschulden bedienen, Unternehmen sind stark in Fremdwährung verschuldet, die Währung ist volatil – all das sorgt für Instabilität.

Was sind die Stärken der Türkei?    
Günter Köhne: Das Land hat eine sehr junge Bevölkerung, die Binnennachfrage ist groß. Die öffentlichen Finanzen und das Bankensystem sind solide aufgestellt. Das sind starke Trümpfe. Hinzu kommt die hohe strategische Bedeutung der Türkei für die EU und die NATO.

Wöchentlich folgen die nächsten Länderberichte zu Indien, Türkei und Saudi Arabien.