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Pressefokus

Wirtschaftliche Chancen, politische Risiken: Iran

04.02.2016

Iran hat nach Aufhebung der internationalen Sanktionen umfangreiche Wirtschaftsverträge abgeschlossen. Der Investitionsbedarf des Landes ist gigantisch. Kleinere und mittelgroße Unternehmen aus Deutschland sind im Vorteil: Sie können an alte Beziehungen anknüpfen. Ohne Risiko sind Geschäfte mit dem Iran allerdings nicht.

Freundlich zu Investoren: Irans Staatspräsident Hassan Rohani will mit deutschen Mittelständlern ins Geschäft kommen. (Foto: picture alliance / Pacific Press)

20 Jahre Handelssperre hinterlassen Spuren. Im Iran liegen Ölfelder brach, weil die Pumpen längst ausgefallen sind. Öffentliche Bauten bröckeln, weil keine Ausschreibungen möglich waren. Krankenhäusern mangelt es an moderner Ausstattung, die Telekommunikationsnetze sind dritte Wahl und die 78 Millionen Iraner fahren mit Uraltautos über die ungezählten Schlaglöcher ihrer Hauptstadt Teheran.

Doch das Land im Mittleren Osten hat zur Aufholjagd angesetzt und baut dabei auf Technologie aus Deutschland. „Die Investitionsmöglichkeiten in Iran, die sich der Welt nach dem Fall der Sanktionen bieten, sind wie ein großer Kuchen. Wir wünschen uns, dass Deutschland davon ein besonders großes Stück abbekommt“, zitiert die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS) Asghar Fakhrieh Kashan, Vizeminister für Infrastruktur.

Gerade für den deutschen Mittelstand ist das orientalische Land extrem lukrativ geworden. Zum einen ist die iranische Wirtschaft selbst stark mittelständisch geprägt. Man begegnet sich also auf Augenhöhe. Zum anderen war Deutschland vor den Sanktionen, etwa im Maschinen- und Anlagenbau, der wichtigste Handelspartner des Landes, das noch immer von islamischen Religionswächtern regiert wird. An alte Kontakte lässt sich also anknüpfen, denn in vielen Werkshallen steht noch deutsche Technologie, wenn auch nicht mehr die neueste.

Milliardenumsätze und Direktinvestitionen winken

Auf umgerechnet 185 Milliarden Euro beziffert die iranische Regierung nach Angaben der FAS ihre Investitionsoffensive, zunächst soll Geld in die Modernisierung der Schienennetze und Airports fließen. Anschließend werden die maroden Ölanlagen angegangen: Iran ist eines der ölreichsten Länder der Erde.

Nach der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), die sich auf den Deutschen Industrie und Handelskammertag (DIHK) beruft, wird sich der Umfang des deutsch-iranischen Handels in den kommenden drei Jahren auf fünf Milliarden Euro verdoppeln. Nach sieben Jahren könnte das Volumen bereits zehn Milliarden Euro betragen, etwa so viel, wie deutsche Firmen mit Australien oder Malaysia umsetzen.

Der Iran sieht sich im Übrigen keineswegs nur als Exportmarkt. Deutschland sollte das Land „auch als Investitionsstandort in Betracht ziehen“, sagt Rene Harun, Geschäftsführer der Deutsch-Iranischen Industrie- und Handelskammer. Vor den Sanktionen pflegten rund 1.000 deutsche Firmen Handelsbeziehungen mit iranischen Abnehmern, etwa 100 von ihnen betrieben dort sogar eigene Niederlassungen.

Mittelständler spüren den wirtschaftlichen Aufbruch

Den Kontakt zu den alten Geschäftspartnern aufrechterhalten zu haben macht sich nun bezahlt. „Wir haben die Leute immer mal wieder persönlich besucht, ohne Geschäfte zu machen“, sagt Martin Herrenknecht der FAS. Er ist Vorstandschef der schwäbischen Herrenknecht AG, dem Weltmarktführer für maschinelle Tunnelvortriebstechnik, der beim Ausbau der Teheraner Metro zum Zuge kam. „Die Erfahrungen aus der Zeit, als es noch keine Sanktionen gab, sind gut“, weiß der Unternehmer, der vor allem die gute Ausbildung iranischer Ingenieure lobt.

„Der Iran war für uns immer ein starker und interessanter Partner“, sagt auch Jürgen Holdhof, Geschäftsführer von Edur, dem schleswig-holsteinischen Spezialisten für Industriepumpen, gegenüber den Kieler Nachrichten. „Uns liegen mittlerweile diverse Anfragen für Vertretungen im Iran vor“, berichtet sein Exportleiter Joachim Thiele der Zeitung. Man bereite sich intensiv darauf vor, mit Iran wieder ins Geschäft zu kommen.

„Der Iran ist für uns einer der wichtigsten Märkte im erweiterten Nahen Osten“, bestätigt auch Mirko Engel, Geschäftsführer von Leser, dem Produzenten von Industrieventilen, dem Blatt. Der Hamburger Mittelständler mit 320 Angestellten erlitt durch die Sanktionen einen Einbruch um 50 Prozent im Irangeschäft. Leser-Ventile werden in der Ölindustrie eingesetzt. Nun hofft Engel darauf, dass die Geschäfte wieder anziehen, gibt aber zu bedenken: „Die Konkurrenz ist härter geworden, die Risiken sind gewachsen.“

Der größte Risikofaktor bleibt die Politik

Ein Selbstläufer wird der Handel mit dem Iran sicher nicht. Denn der gerade auflebende Boom kann schlagartig wieder zum Erliegen kommen. Bricht das Land seine internationalen Zusagen, treten die Sanktionen wieder in Kraft. Direktinvestitionen sind aus deutscher Sicht also mit erheblichem Risiko befrachtet.

Zudem ist unklar, wie sich die militärische Regionalmacht Iran im aktuellen Minenfeld diverser Nahostfronten verhalten wird. Entwickelt sich das Land in eine, aus westlicher Sicht falsche Richtung, platzen die Chancen auf lukrative Geschäfte, die sich ausländischen Firmen derzeit bieten. Zudem ist China in den Jahren der Sanktionen zum Handelspartner Irans und damit zu einem Wettbewerber geworden, den die Deutschen nicht unterschätzen dürfen.

Banken und Versicherungen müssen mitziehen

Die Wirtschaftswoche verweist auf einen besonders heiklen Punkt in der sich gerade abzeichnenden Geschäftsbelebung mit Iran: Derzeit will kaum eine Bank Exportfinanzierungen gewähren, aus Angst, gegen geltendes Recht zu verstoßen. Den iranischen Importeuren zu Krediten zu verhelfen, damit sie einkaufen können, dürfte indes ein wichtiger Baustein beim Gelingen der Investitionsoffensive Teherans sein.

Gerade Großbanken wie Deutsche und Commerzbank haben schlechte Erfahrungen gemacht: US-Behörden verhängten Milliardenstrafen über sie, weil sie iranischen Firmen Konten gewährten.

Die USA hätten die Sanktionen lediglich abgespeckt, aber nicht aufgehoben, sagt Ludovic Subran, Chefvolkswirt des Exportkreditversicherers Euler Hermes, dem Magazin. Ihre Ausfuhren per Versicherung zu schützen ist jedoch gerade für Mittelständler unverzichtbar. Jedes Irangeschäft müsse umfassend rechtlich geprüft werden.

Wenn beispielsweise nur einer der Anteilseigener der abwickelnden Spedition Kontakt zu den Religionswächtern habe, könne das als Verstoß gegen die Auflagen gewertet werden. „Vorläufig bleibt der Iran ein Markt mit hohen Risiken“, gibt der Versicherungsexperte abschließend zu bedenken.

Methode

Für den Pressefokus „Mittelstand“ wertet Unternehmer Positionen Nord regelmäßig meinungsbildende Zeitungen, Fachzeitschriften und Onlineportale mit Wirtschaftshintergrund sowie norddeutsche Regionalzeitungen aus. Auf einen Blick erhalten Sie damit eine Auswahl fundierter Expertenmeinungen und konträrer Einschätzungen in der aktuellen Berichterstattung. Dabei werden mittel- bis langfristige Trends herausgearbeitet, die Schlüsse auf die zukünftige Entwicklung im deutschen Mittelstand zulassen. Besonders berücksichtigt werden Zitate von Experten aus Banken und Unternehmen.

Im vorliegenden Pressefokus für den Monat Februar (beobachteter Zeitraum: 18. Januar bis 1. Februar 2016) wurden Artikel aus folgenden Quellen ausgewertet: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS), Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), Kieler Nachrichten und Wirtschaftswoche.