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Konjunktur

Öl: Schmierstoff oder Bremse der Weltwirtschaft?

08.02.2016

Ein derart rascher Preisverfall ist in der jüngeren Wirtschaftsgeschichte ohne Beispiel: Um 75 Prozent ist der Preis für Rohöl in der Spitze eingebrochen. Was das für die Weltwirtschaft bedeutet, analysiert Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank, in einem Gastbeitrag für die Börsenzeitung.

Niedrige Ölpreise sind ein Konjunkturmotor für die ölimportierenden Industrieländer. Davon profitiert nicht zuletzt die Automobilbranche. Die Aktienkurse der Ölgiganten sorgen hingegen für Nervosität an den Märkten. (Bild: picture-alliance / dpa)

Ein derart rascher Preisverfall ist in der jüngeren Wirtschaftsgeschichte  ohne Beispiel: Um 75 Prozent ist der Preis für Rohöl in der Spitze eingebrochen. Für den freien Fall gibt es eine Reihe von Gründen: das erhöhte Ölangebot aus den USA, Saudi Arabiens Verteidigung seiner Marktanteile sowie das enttäuschende Wachstum der Schwellenländer. Der milde Winter und die Angst vor dem iranischen Ölangebot haben den Absturz noch verschärft.

Es ist gut möglich, dass der Ölpreis kurzfristig noch weiter fällt. Denn die so genannten Cash-Kosten der Ölförderung (Variable Kosten, die bei einem bereits erschlossenen Projekt ohne Berücksichtigung der Kapitalkosten anfallen) liegen nach Angaben des auf Energiefragen spezialisierten Research-Dienstes Wood Mackenzie beispielsweise bei US-Fracking-Projekten lediglich bei 15 US-Dollar pro Barrel. Vor diesem Hintergrund könnte uns der niedrige Ölpreis noch eine längere Zeit begleiten. Doch was heißt das für die Weltwirtschaft? Sind die Auswirkungen auf die Weltwirtschaft positiv oder negativ?

Niedrige Ölpreise sind für die ölimportierenden Industrieländer ein Konjunkturprogramm. Beispielsweise hat sich für Deutschland im vergangenen Jahr ein entlastender Effekt für Unternehmen und private Haushalte von rund 25 Milliarden Euro bzw. 1 Prozent des BIP ergeben, so die Bundesbank. Für die Eurozone bewegt sich der Effekt in einer ähnlichen Größenordnung und auch in den USA, die weiterhin auf Rohöl aus dem Ausland angewiesen sind, ist der rein rechnerische Impuls positiv. Im Unternehmenssektor der Industrieländer sind es vor allem der Transportsektor (darunter besonders die Luftfahrt), die chemische Industrie und Raffinerien, die von den niedrigen Ölpreisen profitieren.

1986: déjà vu?

Auch die Erfahrung der vergangenen Jahrzehnte ist positiv in Bezug auf die Wirkungen sinkender Ölpreise: Als im Jahr 1986 unerwartet mehr Öl auf den Markt kam oder sich der Ölpreis durch die Asienkrise von 1997/1998 verbilligte, war das eine gute Nachricht für die meisten entwickelten Volkswirtschaften. Das Beispiel von 1986, als der Ölpreis innerhalb von vier Monaten um 70 Prozent fiel, ist besonders interessant, weil auch damals Saudi-Arabien bestrebt war, die US-Ölproduzenten aus dem Markt zu drängen, indem es seine Ölförderung überraschend gesteigert hat. Das Vorhaben scheiterte und die Weltwirtschaft setzte von einem hohen Wachstumsniveau zu einem neuen Konjunkturaufschwung an. Während der Asienkrise verlangsamte sich zwar der weltwirtschaftliche BIP-Zuwachs empfindlich auf 2,5 Prozent (1997: 4,1 Prozent). Der Einbruch konzentrierte sich jedoch in erster Linie auf die Schwellenländer, während die Industrieländer kaum an Dynamik einbüßten.

Unvollständige Rechnung

Diese Rechnung ist allerdings noch nicht vollständig. Unberücksichtigt bleiben in diesen simplen Modellen nämlich die Auswirkungen des niedrigen Ölpreises auf die politische Stabilität und die Stabilität der Finanzmärkte. Ein Beispiel ist Saudi Arabien: Das Land hat angesichts des niedrigen Ölpreises massive Konsolidierungsschritte angekündigt, um das auf 15 Prozent des BIP gestiegene Budgetdefizit nicht weiter anschwellen zu lassen. Dabei geht es nicht nur um das Verbot für Abgeordnete, neue Autos auf Staatskosten zu kaufen, sondern um zahlreiche Maßnahmen wie etwa Steueranhebungen und Subventionsstreichungen, die die breite Bevölkerung treffen. Das kann zu Protesten führen und die politische Stabilität gefährden.

Öl und die Stabilität der Finanzmärkte

In den USA wiederum sorgen sich viele Anleger um die Stabilität der Finanzmärkte. Im zweiten Halbjahr 2015 haben 20 Unternehmen aus dem Öl- und Gassektor in den USA Insolvenz angemeldet. Die Aktienkurse der Ölgiganten BP, Exxon und Royal Dutch Shell sind in den vergangenen 12 Monaten um bis zu 32 Prozent eingebrochen und haben für erhebliche Nervosität an den globalen Aktienmärkten gesorgt. Gleichzeitig ist die durchschnittliche Rendite von Anleihen bonitätsschwacher Unternehmen aus dem Energiesektor gemäß dem US-Energy high-yield Index von Bank of America Merrill Lynch wegen der Angst vor Zahlungsausfällen auf rund 19 Prozent gestiegen und liegt damit über dem Wert des Krisenjahres 2008. Die Ansteckungsgefahr für andere Finanzmarktsegmente ist offensichtlich.

Positiver Nettoimpuls

In diesem Umfeld ist die Bereitschaft zu mehr Investitionen eingeschränkt und der Einbruch bei den Anlageinvestitionen in den USA im vierten Quartal 2015 ist ein Warnschuss. Dennoch bleibt es ein Fakt, dass die Kaufkraft der meisten privaten Haushalte kräftig gestiegen ist und die Unternehmen aus dem Nicht-Ölsektor viel Geld sparen. Das gilt für die USA, Europa und für weite Teile der Weltwirtschaft. Damit gibt es eine gute Chance auf einen positiven Nettoimpuls für das globale Wirtschaftswachstum, nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank

Erschienen am 06. Februar in der 25. Ausgabe 2016 der Börsen-Zeitung

 

ZUM PDF-DOWNLOAD DES GASTBEITRAGS "ÖL: SCHMIERSTOFF ODER BREMSE DER WELTWIRTSCHAFT"