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24.02.2016

Die Einführung des Mindestlohns vor einem Jahr hat nicht nur zur Beseitigung von Arbeitsplätzen beigetragen. Die Regelung verhindere auch die Schaffung neuer Jobangebote. Das zeigt eine aktuelle Untersuchung des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, das entsprechende Arbeitsmarktdaten ausgewertet hat.

Wie steht es um den Mindestlohn im Einzelhandel? Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles erkundigt sich beim Besuch in einem Supermarkt. (Foto: picture alliance / dpa)

Die Bundesregierung hatte zum 1. Januar 2015 einen Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde in Deutschland eingeführt. Die zuständige Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles vertritt seither die Ansicht, die Regelung habe keine Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. „Die Horrorstorys haben sich nicht bewahrheitet, sondern sind Mythen geblieben“, sagte sie erst vor wenigen Wochen.

Wirtschaftswissenschaftler Dominik Groll, der am Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) die detaillierten Arbeitsmarktzahlen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zwischen Januar und April vergangenen Jahres analysiert hat, relativiert Nahles Aussage: „Die Behauptung, es gäbe keine Hinweise für mindestlohnbedingte Beschäftigungsverluste, ist in jedem Fall nicht haltbar.“

Auffallender Stellenschwund nach Einführung

Demnach sind in dem betrachteten Zeitraum, also direkt nach Einführung der Mindestlohnregelung, im Vergleich zum Vorjahr 165.000 Minijobs verschwunden. Minijobs sind geringfügige Beschäftigungsverhältnisse, bei denen Arbeitnehmer maximal 450 Euro pro Monat verdienen können.

Entscheidend beim Befund des IfW ist: Nur 56 Prozent der verschwundenen Minijobs sind in andere Beschäftigungsverhältnisse mit Sozialversicherungspflicht umgewandelt worden. Der Rest wurde durch Entlassungen und ausbleibende Neubesetzung abgebaut.

„Es ist davon auszugehen, dass der Mindestlohn für diese Entwicklung ursächlich ist. Andernfalls hätten sich sowohl der Abbau der Stellen als auch die verminderte Neueinstellung auch ohne die Mindestlohneinführung ereignen müssen, worauf wenig hindeutet“, so Arbeitsmarktforscher Groll.

Nicht nur Entlassungen werden ausgelöst

Dass die Einführung des Mindestlohns nicht nur Jobs direkt auslaufen ließ, sondern auch für Zurückhaltung bei neuen Jobangeboten führt, sei laut Dominik Groll anzunehmen: „Es zeigt sich eben auch ein Rückgang bei neu aufgenommenen Minijobs. Das kann darauf zurückzuführen sein, dass Unternehmen der aktuelle Mindestlohn zu hoch ist und sie deshalb weniger Minijobs anbieten.“

Der Mindestlohn verliert seine Wirkung, wenn er nicht ständig der allgemeinen Lohnsteigerung angepasst wird, sagt Arbeitsmarktforscher Groll: „Würde man den Mindestlohn stärker anheben als die Löhne im Allgemeinen gestiegen sind – also ihn zum Beispiel auf 9 Euro setzen – dann würde sich der beobachtete Effekt verstärken."

Minijobs: Abgänge und Zugänge

Anmerkungen: Minijobs (rechte Achse): Veränderung gegenüber dem Vorjahresmonat. Abgänge und Zugänge: Gleitende Jahressumme (Summe der Ab- bzw. Zugänge der jeweils abgelaufenen zwölf Monate).

Quelle: Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung: Arbeitsmarktspiegel – Datentool; eigene Berechnungen.