Tedx-Salon Hamburg

Disruption – Ideen, die Grenzen verschieben

29.02.2016

Beim Hamburger TEDx-Salon diskutierten Fachleute aus verschiedenen Bereichen das Thema „Disruption“ – also Brüche, grundlegende Veränderungen. Mit dabei der XING-Gründer Lars Hinrichs, in dessen zukunftsweisendem Immobilienprojekt „Apartimentum“ die Veranstaltung stattfand.

Disruption - unter diesem Motto stand die Veranstaltung im TEDxHamburg Salon. Pioniere präsentierten ihre Projekte. (Foto: TEDxHamburgSalon / Sebastian Gabsch)

„Ideas worth spreading“ – Ideen die es wert sind, geteilt zu werden. Der Anspruch der TED-Veranstaltungen und Konferenzen, die es seit 1984 gibt, ist hoch: Impulse liefern, Anregungen bieten und deren Umsetzung vorantreiben. Und interessante Menschen miteinander in Kontakt bringen.  

In Hamburg, wo die HSH Nordbank die Veranstaltung unterstützte, machte Lars Hinrichs den Anfang auf dem Podium. Nach dem Verkauf seiner XING-Anteile kümmert sich der Unternehmer nun darum, „das Wohnen neu zu definieren – living as a service. Wir nehmen die hochwertige Qualitätswelt aus dem Eigentum, kombinieren diese mit dem Servicelevel eines Hotels, der Flexibilität eines Boardinghouses und dem Zuhause-Gefühl einer Wohnung.“ Zugegeben, ein Massenmodell wird daraus wohl nicht. Die exzellent ausgestatteten und mit modernster Technik versehenen Wohnungen von Lars Hinrichs sind nicht ganz billig. Das neue Appartement-Erlebnis beginnt bei gut 5.000 Euro pro Monat – immerhin inklusive Nebenkosten.

Vom Wohnen von morgen zur Technik von morgen – die Gedankensprünge bei den TEDx-Veranstaltungen (TED steht für „technology, entertainment and design“) sind groß. Der rote Faden sind nicht die Themen, sondern die Herangehensweise an sie. Was zählt, sind Innovation, das Denken über Grenzen, das Umstoßen alter Regeln, die Neugier auf Veränderung. Und Kultur darf nie fehlen: In Hamburg steuerte die exzellente Soul-Sängerin Miu zwei Lieder bei. 

Kein Zufall also, dass Pascal Finette seinen Vortrag mit einem chinesischen Sprichwort einleitete, das übersetzt in etwa lautet: „Ich hoffe, Sie leben in interessanten Zeiten.“ Ja, findet der Professor von der Singularity University aus dem Silicon Valley – die Zeiten seien spektakulär. Als Beispiel nennt er die rasante, exponentielle Steigerung der Rechenleistung von Computern. Die Superrechner von früher halten kaum mit den Smartphones von heute mit. Die immensen Rechenleistungen tragen dazu bei, technischen, aber auch medizinischen Fortschritt zu ermöglichen, meint Pascal Finette. Ein Beispiel: Die erste Entschlüsselung des menschlichen Genoms kostete 2,7 Milliarden US-Dollar. Vor zwei Jahren lag der Preis bei 1.000 US-Dollar, langfristig wird er in den niedrigen US-Dollar- oder gar in den Pennybereich sinken. Die Folge: Gesundheitschecks werden viel billiger. Die medizinische Betreuung besser.

Auch Nathalie Brandenberg befasst sich mit dem medizinischen Fortschritt. Das Thema der jungen Forscherin: die Reproduktion von Stammzellen. Damit lassen sich einzelne Organe beziehungsweise Teile davon züchten. Werden die Menschen also künftig viel länger leben? „So einfach ist das nicht“, sagt Brandenberg. „Es liegt noch sehr viel Arbeit vor uns.“ Aber immerhin gelinge es mittlerweile, Stammzellen zu züchten. Ihre Prognose: „Wenn die Technik richtig funktioniert, erleben wir eine Revolution in der Medizin.“

Ähnlich große Veränderungen verspricht Vedrana Tabor. Sie wirbt für die Kombination von Big Data und persönlichen Gesundheitsdaten. Dadurch, so die Forschungschefin des Unternehmens Clue, könnten Krankheiten rechtzeitig erkannt und besonders wirkungsvoll behandelt werden. Aber besteht nicht die Gefahr, dass die Menschen dadurch gläsern werden und Krankenversicherungen sich ihre Mitglieder genau aussuchen? Klar, das sei ein Problem, meint Vedrana Tabor. Die Versicherungen müssten eben sorgsam mit den Daten umgehen. Ihre Aufforderung: „Wir sollten die Aussichten auf eine bessere Gesundheit als große Chance betrachten.“ 

Revolutionäre Veränderungen verspricht auch Damien Declerq: In den Städten nur noch Autos ohne Verbrennungsmotor, selbstfahrende Fahrzeuge, keine Staus, dafür Platz und Ruhe in den Städten. Der Manager von „Local Motors“ schwärmt von der digitalen Revolution im Auto. Statt mühsam selbst einen Wagen zu steuern, lassen sich die Menschen künftig in selbstfahrenden Elektro-Minibussen zur Arbeit fahren, prophezeit er. „In Städten verbringen die Autofahrer 30 Prozent ihrer Fahrtzeit auf der Suche nach Parkplätzen.“ Der Besitz von Autos könne künftig sogar komplett überflüssig werden. In Berlin, so Damien Declerq, gebe es bereits 4.000 Car Sharing-Fahrzeuge, Tendenz steigend. Durch die Verringerung des Autoverkehrs werde aber nicht nur die Luftqualität besser. „Wir gewinnen öffentlichen Raum zurück“, sagt Damien Declerq. „Stellen Sie sich vor, wie viel Platz wir haben, wenn nicht überall Autos stehen.“

Und wie sieht der Zahlungsverkehr von morgen aus? „Sicher ganz anders als in der Vergangenheit“, sagt Lorne Lantz, Bitcoin-Spezialist aus dem Silicon Valley, der derzeit in Südostasien arbeitet. Statt über komplizierte und langsame Banküberweisungen werde Geld künftig über Blockchains ins Ausland transferiert. Gibt es bald überhaupt keine Banken mehr? „Nein, so weit wird es nicht kommen“, meint er. „Die neue Technik ist eine Ergänzung und sorgt für mehr Effizienz und Schnelligkeit.“ Werden Bitcoins klassische Währungen ablösen? Auch das nicht, meint Lorne Lantz. Neue Zahlungsmittel könnten die herkömmlichen jedoch ergänzen.  „Wenn es um ihr Geld geht, dann wollen die Menschen einen Staat, an den sie sich wenden können.“ Okay, jede Revolution hat schließlich ihre Grenzen.